Mittelrhein: Die stille Schöne

Rheinschleife bei Boppard – einem der bekanntesten Orte der Weinregion Mittelrhein.

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Rheinschleife bei Boppard – einem der bekanntesten Orte der Weinregion Mittelrhein.

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Als sich die Türe öffnet, kommt Leben in den Waggon. Ein Grüppchen fröhlicher älterer Herren entert die Mittelrheinbahn; mit großem Hallo verteilen sich Jupp, Hennes, Severin und Schäng – wie wir sie der Einfachheit halber nennen wollen – in vier Sitzreihen des Zuges, zwei rechts des Ganges, zwei links. Ihre Rucksäcke bugsieren sie auf die leeren Plätze. Es ist nicht schwer zu erraten, auf welchen Weg sie ihr Wandertag geführt hat: Er muss an vielen Weinbergen und ganz bestimmt auch an einigen Schänken vorbei-geführt haben. Und sehr wahrscheinlich waren die Herren auch nicht das erste Mal hier in der Gegend unterwegs. Die Namen der Ortschaften, an denen der Bummelzug auf seiner Weiterfahrt Richtung Koblenz und Köln anhält, sorgen stets für neue Runden von »Kanns-do-dich-erinnere, von dä-Wingbuur-kenne-mer-doch-och-dä-is-god«.

In der Tat entlockt diese Bahnstrecke am linken Rheinufer fast jedermann Ahs und Ohs: Der Durchschnittstourist freut sich an der idyllischen Szenerie von Rheinstrom, Burgen und steilen Weinbergen und bestaunt die felsige Loreley mitsamt der sie in elegantem Bogen umkurvenden Schiffe. Der Weinkenner memoriert die Namen, die er von prestigereichen Riesling-Etiketten kennt: Bacharach, Ober-wesel, Sankt Goar, Boppard, Spay. Es sind Orts-namen einer Weinbauregion, die auf eine merkwürdige Weise gleichermaßen berühmt ist und dennoch ein Leben im Verborgen führt.

»Willem Weiler«, liest der Hennes bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Oberwesel vor. »Dat is ne joode Name«, pflichtet der Schäng bei. »Do meins Weil, nit Weiler«, wendet da der Severin ein. »Nä, Weiler«, assistiert der Jupp, »mer sin hee nit em Rheingau.«

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Wie recht er hat. Eingeklemmt zwischen dem Rheingau im Süden und Osten und der Mosel im Norden und Westen, hat der Mittelrhein seinen Status als dauerhafter Geheimtipp niemals abgelegt, jedenfalls bislang nicht. Die Bedingungen sind ebenso gut wie in den berühmten Nachbarregionen: König Riesling regiert auch am Mittelrhein, der Boden ist von Schiefer geprägt, die Steillagen wirken wie große Sonnenkollektoren. Trotzdem wäre der Weinbau des Mittelrheins fast unter die Räder gekommen. Von den 2000 Hektar Reben, die noch im 19. Jahrhundert den Fluss säumten, waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch 1400 Hektar übrig, zu Beginn der 1970er-Jahre noch 950 Hektar, und die aktuelle Statistik von 2015 weist 469 Hektar aus.

Dabei scheint die Talsohle inzwischen durchschritten, hier und dort beginnen die Winzer sogar, brachgefallene Weinberge wieder aufzustocken. Da passt es ins Bild, dass Jochen Ratzenberger aus Bacharach gerade zehn Hektar am Stück übernommen hat: Steillagen, die von den Vorbesitzern zuletzt nur noch mit halber Kraft bewirtschaftet wurden und die, wer weiß, hätte der Winzer nicht beherzt zugegriffen und auch seine noch im Teenager-Alter befindlichen Töchter mit in dieses Generationenprojekt eingebunden, vielleicht von der Verbuschung bedroht gewesen wären.

Torsten Klein (l.) und Marc Josten pendeln für ihren Riesling von der Ahr an den Mittelrhein.

© Volker Lannert

»Kann aber auch sein, dass der derzeit leicht positive Trend wieder kippt«, so warnt Torsten Klein, der gemeinsam mit seinem Partner Marc Josten seit dem Jahr 2011 vom Ahrtal aus einige Weinberge am Mittelrhein bewirtschaftet. »Es gibt immer noch eine Reihe älterer Winzer, die in absehbarer Zeit auf- und abgeben werden. Da sollte man unbedingt in Geisenheim bei den Studierenden, die vielleicht keinen elterlichen Betrieb zu Hause haben, die Werbetrommel rühren.«

Jostens und Kleins Beispiel, und damit dasjenige der »Falstaff Newcomer des Jahres 2014«, zeigt, wie erfolgreich man als Neuankömmling am Mittelrhein sein kann. Und dies nicht nur ihrer geradezu subtilen 16er-Spätlese aus der Leutesdorfer Gartenlay wegen. »Der kollegiale Zusammenhalt ist absolut 
fantastisch, es ist ein sehr offener Umgang miteinander«, sagt Klein und stellt damit die Arbeitsbedingungen auf dieselbe Stufe wie die weinbaulichen Qualitäten der Region. 

Verjüngungskur

Blickt man auf die Betriebe, deren Weine im Falstaff-Test weit vorne landeten, dann ist man sogar versucht, von einem Aufbruch am Mittelrhein zu sprechen, den der Rest des Landes noch gar nicht so richtig mitbekommen hat. Mit Cecilia Jost hat eine energische junge Frau im wohl überregional und international bekanntesten Mittelrhein-Weingut, Toni Jost, das Ruder übernommen. Dabei lässt die patente Önologin den Riesling-Stil ihres Vaters Peter weitgehend unangetastet, erweitert aber das Spektrum der Jost-Weine hin zu finessenreichen Spätburgundern. Assmannshausen vis-à-vis des Rheins lässt grüßen.

Cecilia Jost leitet die Geschicke beim Weingut Toni Jost.

© Axel Gross

Im Weingut Goswin Lambrich aus Bacharach, das in der Blindprobe gleich zwei Weine in die Best-of-Auswahl brachte, wird noch im Lauf dieses Jahres die junge Generation übernehmen: Christiane Lambrich-Henrich (41) und ihr Bruder Matthias (28). »Mein Opa Goswin war der Namensgeber und Gründer des Weinguts«, sagt Lambrich-Henrich, »doch erst der Papa hat mit der Flaschenweinvermarktung begonnen. Ende der 1980er hat er die Landwirtschaft aufgegeben und sich ganz auf den Weinbau konzentriert.«

Auch im Weingut Walter Perll in Spay haben 2015 die Geschwister Elisabeth und Walter jr., beide Ende 30, den Betrieb übernommen. Das hat der Weinqualität ganz offensichtlich noch mal einen Schub verliehen. Wird sich dadurch auch das am Mittelrhein auffallend günstige Preisgefüge verändern? 

Zählt zu einer jungen  Mittelrhein-Generation: Walter Perll junior.

Zählt zu einer jungen Mittelrhein-Generation: Walter Perll junior.

Foto beigestellt

»Wir haben hier am Mittelrhein nicht die höchsten Preise«, so Elisabeth Perll, »aber dafür haben wir 80 Prozent Privatkunden aus der Region. Wenn ich sehe, wohin meine Kollegen aus Rheinhessen oder aus der Pfalz überall reisen müssen, um ihren Wein zu verkaufen, dann bin ich sehr zufrieden mit unserer Vermarktungsstruktur.«

Diese Selbstbescheidung ist durchaus glaubhaft. Denn auch aus anderen als aus ökonomischen Gründen ist der Weinbau des Mittelrheins sich selbst genug: Kaum in einem anderen deutschen Anbaugebiet leben und arbeiten so viele Persönlichkeiten mit weitem Horizont und ungewöhnlichen Lebenswegen, Menschen mit Doppelbegabungen und der Fähigkeit zur Reflexion. Da ist etwa Randolf Kauer, der in Geisenheim den Lehrstuhl für ökologischen Weinbau bekleidet und »nebenbei« das Weingut seiner Familie in Bacharach leitet. Kauers Studenten wissen es zu schätzen, dass ihr Professor keine bloße Theorie lehrt, sondern aus eigener Anschauung weiß, wovon er spricht.

Jost-Spitzenlage Hahn in Bacharach.

Foto beigestellt

Friedrich Bastian wiederum, ebenfalls in Bacharach zu Hause, war lange hin- und hergerissen zwischen einer musikalischen Karriere und der Übernahme des elterlichen Weinguts: »1990 bekam ich zum Schrecken meiner Eltern einen Gesangsstudienplatz in München, 1994 hatte ich Aussicht auf eine Chorstelle, aber die Ochsentour, sich hochzusingen, war dann nicht meines, und blöderweise war ich auch beim Wein nicht unbegabt genug.« So übernahm er das Weingut der Eltern – seither belegen Weine wie seine schieferwürzige 2015er-Spätlese aus der Lage Steeger St. Jost, dass Musikalität auch beim Weinmachen dienlich sein kann. Zudem tritt Bastian von Zeit zu Zeit in der Konzertscheune auf seiner eigenen Rheininsel auf – ein starkes Alleinstellungsmerkmal.

Auch Christos Theodoropoulos führte ein nicht alltäglicher Lebenspfad dazu, Winzer am Mittelrhein zu werden: Aufgewachsen in Uerdingen, lernte er in den Sommerferien in Griechenland bei seinem Onkel das Arbeiten im Weinberg. 

Auf Christos Theodoropoulos’ Weingut Lithos wachsen fruchtige Rieslinge.

Auf Christos Theodoropoulos’ Weingut Lithos wachsen fruchtige Rieslinge.

© Fotografie Monika Baumann

Nach einer Winzerlehre in Rheinhessen machte er sich mit seiner Frau Kristina selbstständig – und seine Wahl fiel auf den Mittelrhein. In Oberwesel gehört seither das Weingut Lithos zu den erfolgreichen Betrieben.

Die Hoffnung, dass engagierte Zuwanderer das Vakuum füllen, das durch Betriebsaufgaben entsteht, sie scheint also bereits Früchte zu tragen. Dabei wünscht man dem Mittelrhein, dass er sich seine große Eigenständigkeit erhalten kann und dabei dennoch auch genug Erneuerungskraft aufbringt, um für jenen Tag gerüstet zu sein, an dem Jupp, Hennes, Severin und Schäng vielleicht keine Wanderungen am Rheinufer mehr unternehmen. Damit eine neue Generation von Weintrinkern dann auch entdecken kann, was der Riesling ihnen in diesem zauberhaften Landstrich zu geben hat.

Tasting: Best of Mittelrhein

Aus Falstaff Magazin Nr. 04/2017

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