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Karibik-Feeling in Österreich

Karibik-Feeling in Österreich

Azurblaue Buchten, unberührte Natur und das Gefühl von Freiheit: Der Weissensee

Text: Melanie Gleinser-Moritzer

An den Weissensee, eingebettet in Oberkärnten zwischen Drau- und Gailtal, findet man nicht zufällig.  Von den Kärtner Seen ist er der unbekannteste, weil abgelegenste. Wer es allerdings einmal hierhergeschafft hat, besucht ihn immer wieder. Und das, obwohl er auf den ersten Blick wenig spektakulär daherkommt. Im Gegenteil. Er mäandert gemächlich dahin - sofern man von der Westseite des Sees via Greifenburg auf die 930 Höhenmeter anreist - und mutet vor allem wie ein süßer Badeteich an: Schilf auf beiden Seiten und dahinter sattgrüne Wiesen, wenige Hotels auf der einen Seite, keine auf der anderen Seite. Dann spannt sich eine Brücke (eine der wenigen Seebrücken weltweit!) über den See und plötzlich fühlt man sich in eine Fjordlandschaft versetzt. Links und rechts Berge, die steil ins Wasser abfallen und wildromantische Buchten bilden, die eine Farbe haben, die man sonst nur aus der Karibik kennt: helltürkises Wasser, weich und klar, lädt zum Planschen ein. Das Ende des Sees ist nur erahnbar, zieht er sich doch insgesamt über eine Länge von elf Kilometer.

 

Viel mehr als Planschen ist hier, zugegeben ermaßen, allerdings auch auf den ersten Blick nicht möglich, denn der See ist überwiegend Naturschutzgebiet, auf 650 Hektar gibt es gerade mal zwei (!) Motorboot-Lizenzen, die restliche Motorisierung besteht aus Ruderbooten und E-Booten, die so gemächlich dahintuckern wie das Wasser plätschert.

Zwei Ausflugsboote ergänzen den Fuhrpark, aber die darf man getrost ignorieren, es sei denn, man will wandern. Dann empfiehlt es sich damit bis zum Paterzipf zu fahren und dann den gemütlichen, eineinhalbstündigen Aufstieg zur Hermagorer Bodenalm zu machen. Um dort eine „Frigga“ zu essen. Die regionale Spezialität besteht aus Ei, Speck, Kartoffeln und selbstgemachtem Bergkäse. Ein Mischmasch Deluxe.

Wer es lieber weniger deftig hat, der kehrt in die Forelle ein, der ersten Adresse am See. Oder ins Löwenzahn, ein Gasthof in Neusach, wo ambitioniert gekocht wird und das auch einen Ableger direkt am See hat. Im Domenig, Löwenzahn-Zweitdepandance und Bootsverleih, gibt es eine kleine Karte und wenig Platz. Dafür sitzt man direkt am See, die Weinkarte ist ausgezeichnet und wer möchte, kann sich hier eines der raren Elektro-Boote borgen. Gerne auch mitgeliefert wird der Proviant, selbst ein motorisiertes Floß steht zur Verfügung. Das sollte man aber reichlich im Vorhinein buchen, denn auch wenn der Tourismus hier überschaubar ist, die guten Plätze sind rar, viele Einheimische mischen sich unter das naturverliebte Publikum, dem es oft genügt, auf den See zu starren und Haubentaucher und Enten zu beobachten, wie sie ihr Tagwerk verrichten.

Denn wer hierher kommt, tankt Kraft in der Ruhe. Entschleunigung ist der sinngebende Maßstab am Weissensee, der seinesgleichen sucht. Der am wenigsten verbaute See Kärntens ist keine Luxus-Destination, weil Luxus hier anders definiert wird. Schicke Strandbars fehlen, dafür gibt es das Hotel Enzian, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint, mit seinem Retro-Ambiente und einer resoluten Chefin, die voll stolz erzählt wie es damals war, als James Bond‘ „Hauch des Todes“ hier gedreht wurde und die Filmcrew bei ihr wohnte. Oder das Hotel Strandhotel Weissensee (ehemals Weissenseer Hof), das rein vegetarisch aufkocht und unter der Ägide des berühmten Wiener Restaurants Tian läuft. Fermentiertes Essen, ein internationaler Trend, serviert man hier ganz selbstverständlich.


James Bond Drehort am Weissensee

Die besten Adressen

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Seehotel Enzian / Neusach, Weissensee

Das älteste Hotel am See überzeugt mit Tradition und Innovation

 

Dieses Hotel kann man nur lieben: Ursprünglich als Dependance für eine großbürgerliche Familie aus dem Wiener Umfeld in den 1920er Jahren gebaut, wurde aus der Sommerfrische schnell ein ganzjähriger Aufenthalt verbunden mit einem Hotelbetrieb, der mittlerweile in dritter Generation geführt wird. Ursprünglich kam man wegen der guten Luft, des sogenannten „Champagnerklimas“, um aber bald festzustellen, dass – so die Hotelgründerin – man „im See badet wie in Champagner“. Diese großbürgerlichen Laissez-Faire verbunden mit einem Hang zur Dramatik hat man sich bis heute erhalten. Wunderschöne Antiquitäten und Fotografien aus längst vergangenen Tagen (zu den Stammgästen gehörten Königin Astrid von Schweden, Bruno Kreisky und Paula Wessely, der ein orginalgetreues Zimmer verehrt wurde) gesellt sich ein Tennisplatz, an dem schon Turniere veranstaltet wurden und ein moderner Umbau am Strand von Stararchitekt Günther Domenig, der mehrere Preise gewinnen konnte. Tradition trifft hier auf Moderne, oder um es in den Worten von Hotelchefin Frau Cieslar zu sagen: „Wir sind eine Mischung aus knarrenden Stiegen und moderner Architektur.“

 

Dazu kommt ein freundschaftlicher Umgang mit den Gästen. Über aktuelle Prominente Familienfreunde schweigt man selbstredend, aber der eine oder andere Schauspieler, Kabarettist und Künstler verbringt hier seine Sommerfrische, in seiner ganz ursprünglichen Bedeutung. Denn auch das ist hier einzigartig: Das Haupthaus sieht noch aus wie vor 50 Jahren (ohne natürlich auf modernen Komfort zu verzichten), das gegenüberliegende Seeufer hat sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert.

 

Tipp: Wer das Hotel Enzian besuchen möchte, kann das in dieser Saison noch bis Ende (!) Oktober tun. Auch wenn der See dann bereits abgekühlt ist, einem Spung ins Wasser steht dank Seesauna nichts entgegen. Der Award „Best of the Best“ in der Kategorie „Kleine Hotels 2020“ wurde dem Seehotel Enzian gerade eben auf Tripadvisor verliehen – absolut zurecht!

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Genießerhotel & Restaurant Die Forelle / Techendorf, Weissensee

Lukullisches Neuland und trotzdem daheim

 

Naturliebhaber können nicht nur ihre Augen am See laben – höchste Genüsse bietet auch die prämierte Haubenküche des Genießerhotels Die Forelle an. Hannes Müller hat sich im hauseigenen Restaurant einen besonderen Platz in der Riege der genialen Maitres de Cuisine unserer Zeit erarbeitet. Sein Zugang ist so unverfälscht wie seine Produkte, so traditionell wie zeitgleich zukunftsorientiert. Da findet u.a. Huflattich, Schafgarbe und Vogelbeere auf der Speisekarte Eingang, zum anderen werden ganze Gänge serviert, die nie mit Strom in Verbindung kamen.

Hannes Müller kocht, was gerade vorhanden ist. Vor allem aus dem eigenen Garten, vom Vogelbeerenbaum am Terrassenufer oder was regionale Anbietern gerade in Petto haben. Selbst die Sojasauce, die sparsam eingesetzt, den Stör mit Röstzwiebel und Bergamotte begleitet, kommt nicht von weiter her als dem Traunsee. Auch bei der Weinkarte besteht man auf Heimvorteil: Nur heimische Weine werden ausgeschenkt (abgesehen von den obligatorischen Champagner-Marken), dafür hier nur das Beste vom Besten. Ein Superlativ, welches auch auf den Service zutrifft. Hier trifft nämlich Laissez-Faire – also tiefenentspannte Gemütlichkeit – auf Etikette und bestes Handwerk. Alles im Allem, ein Konzept, das in sich stimmig wie einzigartig ist. Wie der See. Zu dem und dessen aktuellem Hype hat Müller eine eigene Meinung: „Was wir in den letzten Jahrzehnten verschlafen haben, gereicht uns jetzt zum Vorteil.“ Manchmal muss man der Zeit auch Zeit geben, deshalb empfiehlt sich hier ein durchaus längerer Aufenthalt.

 

 

Picture credits: PR Girasole, Seehotel Enzian