Arty Weekend: Amsterdam

Das Filmmuseum EYE ragt dramatisch aufs Wasser hinaus und zeigt uns den Weg ins Zentrum von Amsterdam am Südufer des Flusses IJ.

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Das Filmmuseum EYE ragt dramatisch aufs Wasser hinaus und zeigt uns den Weg ins Zentrum von Amsterdam am Südufer des Flusses IJ.

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IJ. IJ? Dieser seltsame Doppelvokal ist wohl die bekannteste Hürde, wenn man Niederländisch lernt. Aber nicht nur das. IJ heißt auch der breite Fluss, der jahrhundertelang die Grenze Amsterdams nach Norden und sein Tor zur Welt bildete. Das Überwinden von Grenzen macht bis heute das Wesen dieser Stadt aus. Hier die engen Gassen und die schmalen Grachten, dort das offene Meer und die Ferne. Nicht nur Tee und Gewürze, sondern auch Kultur wurde aus aller Welt importiert. Ein ideales Klima also für die heimischen Künstler, Designer und Archi-tekten, die dem kleinen Land zu Weltruhm verhalfen. Im 21. Jahrhundert ist die Stadt über den IJ gesprungen – von dessen Nordufer grüßt seit 2012 die kantige weiße Spitze des Film-museums EYE. Ob Kunststars in den großen Museumstempeln oder Unbekanntes in den kleinen Galerien: Ein Kunst-Weekend in Amsterdam ist eine Entdeckungsreise in einer Stadt der Entdecker. Leinen los!

Freitag

Bunter Mix: Ein besonderer Modegegenstand, eine Galerie, die keine Kontroverse scheut, und ein Gigant unter den Museen der Welt.

Das Schöne und das Nützliche zu verbinden, liegt den pragmatischen Holländern seit jeher nahe. Fangen wir also gleich mit etwas extravagant Praktischem an: der Handtasche. Genauer gesagt mit 5000 Handtaschen. Genauso viele finden sich im Taschenmuseum Hendrikje. In einem prachtvollen Haus aus dem 17. Jahrhundert an der noblen He­rengracht wird dem unsterblichen Accessoire die Bühne bereitet: historische Stücke aus dem Mittelalter neben modernen Klassikern, Ikonen weiblichen Empowerments wie die legendären Handtaschen von Margaret Thatcher und Madonna neben brandneuen Bags wie Timmy Woods’ kongenialer Kombi aus Akazienholz und Swarovski-Kristallen.

Von der Herengracht in den Untergrund: Contemporary Underground Art nennt die Galerie KochxBos ihr Spezialgebiet. 2005 von Esther Koch und Hans Bos gegründet, gilt die kleine Galerie heute als einer der führenden Avantgarde-Kunsträume in Amsterdam. Surrealismus und Pop, Konzeptkunst und Zukunfts-visionen – hier ist man nie vor Überraschungen sicher, und das wollen wir ja auch nicht sein.

Kathedrale der Kunst

Das größte unter den Museen am Museum­plein macht keinen Hehl daraus, dass es einer der Giganten der Welt ist. Das 1885 eröffnete Rijksmuseum ist schon als Gebäude eine Kathedrale der Kunst. Mit 8000 Exponaten wird hier die Geschichte der Niederlande anhand ihrer Kunstwerke nachgezeichnet, vom Mittelalter bis Mondrian. Keine Angst vor den Besuchertrauben um die berühmten Klassiker! Standhaftigkeit zahlt sich hier aus, es gibt viel Neues zu entdecken. Etwa die wie gerade eben gemalt wirkenden leuchtenden Farben von Vermeers »Dienstmagd mit Milchkrug« und die endlos tiefe Dunkelheit von Rembrandts »Nachtwache«.

Samstag

Film, Fotografie, Installation: eine Exkursion durch mediale Bildwelten in spektakulärer Architektur oder auch in einer umgebauten Garage.

Wie spricht man nun eigentlich IJ aus? Der Name des Filmmuseums EYE Filminstituut gibt einen deutlich wortspielenden Hinweis darauf. Als erster kultureller Meilenstein am ­bis dahin kaum beachteten Nordufer des IJ konzipiert, ist der Bau der Wiener Architekten Delugan Meissl (DMAA) ein Landmark im besten Sinne: Wie ein Segelschiff faltet er sich auf, Assoziationen an das Opernhaus von Sydney sind nicht aus der Luft gegriffen. Zu sehen sind im EYE tägliche Filmvorführungen und Ausstellungen zu cineastischen Themen.

Mit Fähre oder Metro geht es zurück über den IJ ins lebenslustige Ausgehviertel Jordaan. Dort befindet sich in einer ehemaligen Garage die Galerie Fons Welters. Seit 30 Jahren fokussiert sie sich auf Installationen und Bildhauerei, im Jahr 2000 kam die »Playstation« im Außenraum vor der Galerie dazu. Ein idealer Ort, um neue Talente der Kunstwelt aufzuspüren.

Lust am Experiment

Eine halbe Umdrehung im Grachtengürtel bringt uns zur Keizersgracht 609 und damit zum Museum Foam, das sich der Fotografie widmet und dreimal im Jahr eine gleichnamige Publikation herausbringt. Die parallelen Ausstellungen im Foam kombinieren meist be­kannte und unbekannte Fotografen.

Wir beschließen den Samstag experimentell: Das Mediamatic beim Hauptbahnhof ist ein Labor für die Schnittmenge aus Kunst und Technologie. Es darf mitgemacht werden – ob beim Geruchsworkshop oder beim Neofuturistischen Dinner. Unabhängig davon lädt das Restaurant »Mediamatic ETEN« mit Blick auf Wasser und Stadt­kulisse ein.

Sonntag

Ein Feiertag der großen Namen. Warum Van Gogh, Malewitsch und Rembrandt erst beim Erlebnis des Originals ihren ganzen Zauber entfalten. 

Wenn es noch Zweifel gab, dass der Museum­plein seinen Namen zu Recht trägt, dann werden sie heute endgültig zerstreut. Gleich zwei Kunsttempel bilden das Gegengewicht zum Rijksmuseum auf der anderen Seite des Platzes, und jedes für sich ist die Reise nach Amsterdam wert. Der kubisch-graue, schwergewichtige Bau des Van Gogh Museums bildet dabei einen schönen Kontrast zur farbenfrohen Rasanz der Malerei, die er beherbergt. Wer glaubt, Van Gogh schon von Postern und Postkarten zu kennen, wird hier eines Besseren belehrt: Die Originale zittern, beben und leuchten, wie es nur Öl auf Leinwand kann.

Von Picasso bis Pop

Berauscht von Kornfeldern und Sonnenblu­men geht es gleich ins nächste Museum: Das Stede­lijk wurde als städtische Institution im 19. Jahrhundert gegründet und konzentriert sich seit den 70er-Jahren ganz auf moderne Kunst. Picasso, Monet und Kandinsky machen den Anfang, die 20er-Jahre sind mit De Stijl und Bauhaus und gleich 29 Bildern von Malewitsch vertreten. Pop-Art und Videokunst führen uns weiter durchs 20. Jahrhundert, und zeitgenössische Kunststars wie Damien Hirst leiten über in die Gegenwart. Nicht zu übersehen bei dieser Rundtour: der Erweiterungsbau des Stedelijk, den bei seiner Eröffnung 2012 böse Zungen mit einer überdimensionierten Badewanne verglichen.

Nach einer kurzen Kunstpause beim Picknick auf der Wiese im nahen Vondelpark oder in einem der vielen kleinen Cafés beschließen wir den Kunst-Trip mit einer Reverenz an den größten der niederländischen Künstler: Rem­brandt. Das Rembrandthuis eröffnet nicht nur einen umfassenden Blick auf das Leben und Schaffen des Künstlers – das Haus, in dem er von 1639 bis 1658 lebte, beherbergt auch Sammlungen von Zeitgenossen. Eine Zeitreise in die goldene Ära der Niederlande. Es wird sicher nicht die letzte sein.

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