Zurück zu den Rebenwurzeln

© Florian Mair

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Architekt Michael Maier deutet auf die Glaskästen mit den darin geschlichteten, leeren Weißweinflaschen: »Wenn es am Abend dunkel wird, zeigt sich das Weingut von seiner schönsten Seite. Die alten Weinflaschen werden von hinten beleuchtet und hüllen den Verkostungsraum auf diese Weise in ein warmes, fast mystisches Licht.« Auch im Weinlager im alten Kellerstöckl, tief drinnen im vulkanischen Hangmassiv, ist das Element der geschlichteten Bouteillen wiederzufinden. Allerdings musste hier auf den Lichteffekt verzichtet werden. Die direkte Bestrahlung würde dem Wein Schaden zufügen. 

Die beleuchteten Weinflaschen hüllen den Verkostungsraum in ein warmes, fast mystisches Licht. 

© Florian Mair

»Der Wein steigt in das Gehirn«, will schon William Shakespeare gewusst haben, »macht es sinnig, schnell und erfinderisch, voll von feurigen und schönen Bildern.« Und ja, was die Gestaltung von Weingütern und Winzerbetrieben betrifft, waren die Architektinnen und Architekten in den letzten Jahren besonders kreativ unterwegs. In Österreich, aber auch in Italien und Spanien ist es gelungen, der Weinbranche durch innovative, vielfach publizierte Bauwerke ein neues, frisches Image zu verpassen. Klingende Namen wie Steven Holl, Frank O. Gehry und Santiago Calatrava haben hier ihre Spuren hinterlassen. 

»Es sind damals ein paar tolle Leitprojekte entstanden«, meint Maier. »Aber ich frage mich immer: Wie viel Architektur verträgt der Wein wirklich? Die meisten Bauten, die ich kenne, sind mehr Kult als Keller. Das sind Kapitalen der Lust.« Maier, der im steirischen Fohnsdorf das IA Ingenieurbüro leitet und in den letzten Jahren bereits einige Weingüter und Winzerstuben geplant hat, konzentriert sich in seiner Arbeit lieber auf den Lokalkolorit sowie auf die Geschichten der Familien. So auch im 2015 entstandenen Weingut Frühwirth in Klöch, nur einen knappen Kilometer Luftlinie von der slowenischen Grenze entfernt. 

»Ich bin kein Freund von großen Gesten, von Protz und Prunk. Stattdessen bemühe ich mich, im Gespräch mit den Auftraggebern die Seele des Unternehmens herauszukitzeln.«
Michael Mayer 

Das Weingut Frühwirth in Klöch in der Südsteiermark ist alles andere als protzig und effekthascherisch. 

© Florian Mair

»Ich bin kein Freund von großen Gesten, von Protz und Prunk. Stattdessen bemühe ich mich, im Gespräch mit den Auftraggebern die Seele des Unternehmens herauszukitzeln und darauf dann zu reagieren.« Der von ihm geplante Glaspavillon, der für Verkostungs- und Verkaufszwecke genutzt wird, respektiert den historischen Bestand der Zwanziger-, Dreißiger- und Siebzigerjahre und verknüpft die bisher frei stehenden Einzelbauten zu einem unter einem Glasdach zusammenhängenden Ensemble. »Die Treppenlandschaft im Inneren des Gebäudes ist eine Fortführung der umliegenden Topografie«, so Maier. »Und die Stahl-Glas-Konstruktion ist, wenn Sie so wollen, eine etwas freiere Interpretation eines Weinblatts mit seinen vielen Adern und Verästelungen.« Auch an anderer Stelle findet sich das Blattmotiv wieder: An der Holzwand, die das dahinterliegende Büro vom öffentlichen Bereich trennt, kamen einen Meter große, gelaserte Reliefs zum Einsatz. Als Grundlage diente ein in den Reben vorgefundenes und eingescanntes Weinblatt.

Die Treppenlandschaft im Inneren des Gebäudes ist eine Fortführung der umliegenden Topografie. In der Stahl-Glas-Konstruktion sieht Architekt Michael Maier die freie Interpretation eines Weinblatts mit seinen vielen Adern und Verästelungen. 

© Florian Mair

Auch im Weingut Nett in der Südpfalz spielt Holz eine unverzichtbare Rolle. Ein Großteil der Außenhülle und des Innenlebens dieses 4500 Quadratmeter großen Familienguts, das sich kurz vor Fertigstellung befindet, ist aus massiver Lärche gefertigt. Während das Holz im Innenraum unbehandelt belassen wurde, wurden die rund 30 Zentimeter breiten und nunmehr dunkel erscheinenden Lärchenbohlen an der Fassade vor der Montage einem Flammeninferno unterzogen. 

»Das Verkohlen des Holzes ist eine uralte japanische Methode, die die Holzoberfläche verschließt und den Baustoff auf diese Weise resistent gegen Witterungseinflüsse macht«, erklärt Kurt Sattler, Geschäftsführer des Wiener Büros Architects Collective. »Die Bauherrenfamilie hat bei dem Vorschlag, angekokeltes Holz zu verwenden, zunächst ein bisschen verstört gewirkt«, erinnert sich der Architekt. »Aber letztendlich hat sie die Kulturgeschichte dieser Methode, die bei Tempeln und Teehäusern eingesetzt wird, überzeugen können.« 

Weingut Nett in Neustadt an der Weinstraße (Architects Collective): Während das Lärchenholz im Innenraum unbehandelt belassen wurde und nun Möbel und Innenausbau ziert, wurden die Latten an der Außenfassade nach japanischer Manier verkohlt. 

© Kurt Sattler

Ergänzt wird die sieben Meter hohe Weinhalle, die man auch mit Traktoren und Sattelschleppern befahren kann, von sogenanntem Bimsbeton. Das Material dient als Wärmespeicher und verzögert auf diese Weise allzu hohe Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter. Der bau­physikalische Kniff kommt der sanften Vinifizierung zugute. Die haptisch angenehme Oberfläche, die ein wenig an Lehm erinnert, verleiht den großen Hallen zudem einen Hauch von Gemütlichkeit.

Der sichtbar belassene Bimsbeton gleicht die Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter aus. 

© Kurt Sattler

»Im Gegensatz zu den großen, bekannten Weingütern in Italien, Spanien und den USA handelt
es sich im deutschsprachigen Raum meist um kleine und mittelgroße Familienbetriebe«, erzählt Sattler, der selbst ausgebildeter Sommelier ist und mit seinem Büro schon etliche Winzerbetriebe geplant hat. »Das sieht man auch in der Architektur. Viele Betriebe sind nicht besonders effekt­hascherisch. Sie entstehen vielmehr aus Stimmungen und Emotionen heraus und sind somit Abbild der dahinterstehenden Winzerfamilien.« 

Grün. Verspielt. Und irgendwie auch anachronistisch. So präsentiert sich die Kellerei Tramin an der Südtiroler Weinstraße. »Das ist so eine wunderschöne, imposante Gegend, dass wir diese Üppigkeit auf jeden Fall auch in der Architektur ausdrücken wollten«, sagt Architekt Werner Tscholl. 

Von der Üppigkeit der Südtiroler Weinberge zeigte sich Architekt Werner Tscholl beeindruckt. Er packte das Weingut Tramin daraufhin in ein expressives Netz aus grün lackiertem Aluminium. 

© Rickard Kust

Das Resultat dieser baulichen Sehnsucht ist eine Neuinterpretation der hier vorgefundenen Reben in Form eines expressiven Netzes aus grün lackiertem Aluminium. Längst schon ist die geometrische Struktur, die sich unauffällig in die Land­schaft schmiegt, von wild wucherndem Efeu überwachsen. 

Die geometrische Struktur ist eine Neuinterpretation der hier vorgefundenen Reben. »Das ist so eine imposante Gegend, dass ich diese Üppigkeit auch in der Architektur ausdrücken wollte«, so Tscholl. 

© Rickard Kust

Doch nirgendwo sonst zeigt sich das Understatement der aktuellen Weinarchitektur so hochelegant und deutlich wie im Weingut Högl in Spitz an der Donau in der Wachau. Mit einem ruhigen Händchen fügten die beiden Vorarlberger Architekten Elmar Ludescher und Philip Lutz den Neubau so unprätentiös in den Löss, dass man fast schon geneigt wäre zu glauben, das Bauwerk sei immer schon da gewesen. Der Giebel nimmt Anleihen an den umgebenden Bauten, die Kalkputzfassaden fügen sich unauffällig ins Ensemble, die Holzlamellen geben schleierhafte Einblicke ins Innere preis. Erst kürzlich wurde das Projekt mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur 2016 ausgezeichnet. 

Weingut Höhl in Spitz an der Donau: Kalkputz, Holzlamellen und traditionelle Bauformen sind die wenigen Elemente jenes kleinen Wachauer Weinguts, das mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur 2016 ausgezeichnet wurde.

© Elmar Ludescher

»Bauen ist immer auch eine Arbeit mit der Landschaft«, sagt Elmar Ludescher. »In einer so sensiblen Kulturlandschaft wie den Weinbergen muss man besonders vorsichtig vor­gehen. Dieses Kapitel der Baukultur haben wir in den letzten Jahren gelernt. Ich denke, damit haben wir wieder auf den Weg zu unseren Wurzeln, zu einer gewissen Bodenständigkeit zurückgefunden.« 

»Bauen ist immer auch eine Arbeit mit der Landschaft«, sagt Ludescher. »Und in einer so sensiblen Kulturlandschaft wie den Weinbergen muss man besonders vorsichtig vorgehen.«

© Elmar Ludescher

Aus dem Falstaff Living Magazin 04/2016.

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