Zeitmaschine & Zufluchtsort: La Colombe d'Or

Ein Keramik-Mosaik von Fernand Léger aus dem Jahr 1952 ziert die Terrasse des »Colombe d’Or«.

© La Colombe d'Or

Ein Keramik-Mosaik von Fernand Léger aus dem Jahr 1952 ziert die Terrasse des »Colombe d’Or«.

© La Colombe d'Or

Dieselbe grandiose Aussicht genießen wie Pablo Picasso und Henri Matisse? Den Blick wie sie schweifen lassen über die Hügel des Hinterlands von Nizza, auf denen das Violett von Bougainvillea-Büschen aufblitzt und hinter denen tiefblau das Mittelmeer leuchtet? Am selben rustikalen Tisch sitzen wie Marc Chagall, die Füße wie er auf grobem Kies knirschen lassen und den gleichen Vorspeisenteller essen? Im selben riesigen Bett schlafen wie Francis Bacon, in einem der großen Zimmer mit weißgekalkten Mauern und Holzbalken in den Decken? Keine Träumerei! Das ist möglich. Im Hotel »La Colombe d’Or« in St Paul de Vence.

Das »Colombe d’Or« ist eine Zeitmaschine. Man steigt ein, schließt die Augen und findet sich wieder in einer glorreichen Vergangenheit, von der Danièle Roux lebhaft zu erzählen weiß. Sie ist eine schlanke, alte Dame mit selbstsicherem, fast eitlem Auftreten und die Frau von François Roux, dem Enkel des Hotelgründers Paul. »Es waren wunderschöne Jahre nach dem Krieg. Picasso, Matisse, Léger, Braque, Chagall – alle waren hier an der Côte d’Azur, wegen des wundervollen Lichts. Irgendwann hatten sie die Nase voll von der Küste, den vielen Leuten. Damals war es nicht so touristisch, aber trotzdem voll. Und so flohen sie nach St Paul.«

© La Colombe d'Or

Im Ort gab es nur eine Anlaufstelle für Männer wie sie: das »Colombe d’Or«, das Paul Roux 1920 gebaut hatte. »Paul war ein brillanter Bauer mit einem Instinkt für Schönheit in der Umwelt, in Objekten, in Steinen.« Er und seine Frau ergriffen die Gelegenheit beim Schopf und brachten ein Schild am Hotel an: »Ici on loge à cheval, à pied ou en peinture.« Zu Deutsch: »Hier bringen wir Reisende zu Pferd, zu Fuß und Reisende in Malerei unter.« Die Geburtsstunde des Mythos.

»Die Maler waren regelmäßig da, mal einer, mal mehrere, mal alle. Sie aßen, tranken, debattierten, malten, erschufen die Welt neu.« Auf Nachfrage gibt Madame Roux zu, dass ein Teil des Mythos sich verselbstständigt hat. »Übernachtet haben nur die wenigsten; sie hatten meist Wohnungen im Ort.« Richtig ist, dass fast alle fast immer fast pleite waren, anschreiben ließen und Paul Roux schließlich mit Kunst bezahlten. Oder ihm Bilder schenkten, weil sie ihn mochten. Sie selbst habe als junges Mädchen Chagall kennengelernt. »Er hatte ein wunderschönes Lächeln – wie ein Clown.«

Ein unbezahlbares Juwel

Auch wenn jedes der Zimmer und alle Ecken des Haupthauses mit Kunst voll sind – die beiden Speisesäle sind die Prunkstücke. Ein Blumenstrauß von Picasso, ein Hummer von Braque, ein goldenleuchtender Miró, dazu Bilder von Calder, Klein, Matisse, Delaunay, César, Léger, Arp, Bonnard. Sie hängen dort, einfach so, belanglos, kaum beleuchtet oder hervorgehoben – als sei es das Normalste auf der Welt. Abends essen hier bis zu 120 Gäste.

Ehrfürchtig am Anfang, entspannt am Ende. Kunst und Betrachter, Vergangenheit und Gegenwart – alles wird eins. Das »Colombe d’Or« mit seinen mächtigen Mauern, gewölbeähnlichen Decken, unebenen, gekachelten Fußböden und all den Vasen, Mosaiken, Mobiles ist nicht nur eine Zeitmaschine, es ist auch ein Zufluchtsort. An dem man Schutz suchen kann vor dem Kommerzhorror in St Paul. Überall »Galerien«. Malen-nach-Zahlen-Bilder, Kitsch-Plastiken, grelle Pseudokunst – mit Ehrfurcht betrachtet von den Massen, die sich bunt gekleidet, schwitzend, knipsend und Eis essend durch die engen Gassen wälzen.

Erst wenn der letzte Bus den Parkplatz verlassen hat, kehrt wieder Ruhe ein. Danièle schickt uns mit einer Anekdote zurück in die Vergangenheit. Als Paul Roux 1953 auf dem Sterbebett lag, erinnerte sich seine Frau, dass Picasso der Einzige war, der Paul noch kein Bild gegeben hatte – obwohl er andauernd da war. Also ging sie zu Picasso und blaffte ihn an: »Pablo, du hast Paul ein Bild versprochen!« Picasso sagte: »Such dir was aus.«

Er war der Erste bei Paul Roux’ Beerdigung.

© La Colombe d'Or

Madame und ich sitzen in einer Ecke im Parterre. Während wir reden, gehen immer wieder Neugierige an uns vorbei und betrachten die Werke – scheinbar unbeobachtet, unkontrolliert. »Wie viel ist die Kunst hier wert? Zehn Millionen? 20? 50?« Madame zuckt mit den Schultern, lächelt und schweigt. Auf jeden Fall zieht die Sammlung Einbrecher an. 1959 wurde alles gestohlen – bis auf einen Chagall, der nicht durch die Tür passte. Glücklicherweise wurden die Bilder am Ende sichergestellt. Sind sie versichert? Wieder Schulterzucken und Lächeln. »Das kann man gar nicht versichern.«

In jedem Fall gibt es seit dem Raub eine Alarmanlage. »Wenn jemand ein Bild nur einen Millimeter bewegt, geht sie los. Zehn Minuten Höllenlärm.« Die Roux verleihen ab und an Bilder. Sie verkaufen niemals. »Die Bilder sind Teil dieses Hauses, sie können nicht weg.« Ein reicher Amerikaner versuchte einmal, das ganze Hotel zu erwerben. Roux lehnte ab und schickte einen Blumenstrauß mit der Botschaft: »Die Blumen sind für Sie, das »Colombe« ist für meinen Sohn.«

Diese Entscheidung zahlt sich aus. Das Hotel ist durchgehend ausgebucht, die mutigen Preise von rund 300 Euro pro Nacht bein­halten offensichtlich eine Kunstpauschale.

Damit der Mythos weiterlebt, erzählt Madame Roux Geschichten, in denen Kon­turen von Wahrheit und Dichtung verschwimmen. Jene zum Beispiel, dass Paul Roux einen großen Teil der Steine für den Hotelbau aus einer zerstörten Kapelle im 200 Kilometer entfernten Aix-en-Provence nach St. Paul bringen ließ. »Keiner weiß, wie er das schaffte.« Oder wie die Goldene Taube
zu ihrem Namen kam. »Ich habe einepoetische Vermutung. Ein Schwarm Tauben im Sonnenuntergang hat ihn dazu inspiriert.«

Mythen und Legenden

© La Colombe d'Or

Handfest dagegen ist das Essen. Auf der Karte finden sich viele Gerichte, die auch schon zu Picassos und Braques Zeiten darauf standen: Stubenküken oder Lapin du facteur – Kaninchen auf Briefträgerart. Das Fleisch wird vier Tage in Rotwein mariniert, die Sauce aus der Marinade wird mit Schweineblut gebunden. Dazu gibt es Perlzwiebeln und Champignons. Handwerklich anständig gemachte französische Landküche. »Sterneküche würde hier nicht funktionieren. Unsere Künstler haben auch nicht edel gegessen. Das waren die Jahre nach dem Krieg, da gab es nicht viel.«

In den 1960er- und 1970er-Jahren begann die Ära, die bis heute andauert. Keine oder kaum noch Maler. Dafür ­feierten, aßen und tranken Filmstars und Musiker hier: Romy Schneider, Alain Delon oder Sophia Loren. Yves Montand und Simone Signoret heirateten im »Colombe d’Or«. Warum sie kamen und warum Sean Penn und Leonardo diCaprio kommen? Nicht nur wegen der Geschichte. »Sie sind hier behütet. Es gibt keine Paparazzi, keine Neugierigen. Alle werden gleich behandelt.«

Als Gast im »Colombe d’Or« fühlt man sich nicht so, als wäre man in einem Hotel. Auch nicht wie im Museum. Man sitzt auf der prächtigen Terrasse unterhalb der imposanten Stadtmauer im Schatten der leuchtend grünen Blätter der Orangen- und Zitronenbäume, durch die sich immer wieder ein Lichtstrahl zwängt. Und lässt sich treiben. Man wird Teil eines Ganzen, das schon lange existiert. Teil eines Theaterstücks, das nicht enden will.

Die Zwillingsschwester

Das ist konsequent. In die »Kronenhalle« in Zürich dürfen keine Guggenmusiker mehr, die gerade in der Fastnacht durch die Kneipen ziehen. Warum? Weil die Bilder im Saal durch die Trommeln und deren Vibrationen Schaden nehmen könnten. Die »Kronenhalle« ist eine Art Zwillingsschwester des »Colombe d’Or«. Auch hier viel Kunst im Speisesaal. Das wohl berühmteste Bild im Besitz der »Kronenhalle« ist »Les Huîtres« (dt. »Die Austern«) von Henri Matisse. Das Bild hängt aus Sicherheitsgründen allerdings nicht mehr im Speisesaal. Die »Kronenhalle« zog jahrzehntelang Künstler wie ein Magnet an, vor allem Schriftsteller. Dürrenmatt und Frisch stritten hier über gutem Bordeaux. Und James Joyce schrieb große Teile seines »Ulysses«. Sein Lieblingsessen, für das er nie zahlen musste: flambierte Kalbsnieren. Wie im »Colombe« ist das Essen gut, aber nicht sterneverdächtig. Der Schweizer Starkoch Daniel Humm, der in New York arbeitet, kommt bei jedem Heimatbesuch zuerst in die »Kronenhalle« – für Leber mit Rösti.

Die »Kronenhalle« ist eine Art Zwillingsschwester des »Colombe d’Or«.

© Kronenhalle Zürich

Aus dem Falstaff Magazin 08/16

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