World Champions: Luciano Sandrone

Familienbusiness: Luca, Luciano und Barbara Sandrone mit den (Enkel-)Kindern Stefano und Alessia.

Foto beigestellt

Familienbusiness: Luca, Luciano und Barbara Sandrone mit den (Enkel-)Kindern Stefano und Alessia.

Foto beigestellt

Luciano Sandrone besuchte ich das erste Mal im Sommer 1992. Ich recherchierte für ein Buch über die Weine der Langhe, wie das Gebiet um Alba, südlich und östlich des Flusses Tanaro, heißt. Sandrone empfing mich in seinem kleinen, bescheidenen Haus an der Straße ins Zentrum von Barolo. Er hatte zwar schon 1978 aus der ebenso historischen wie hoch dotierten Lage Cannubi, in die er sich das Jahr zuvor einkaufen konnte, seinen ersten Barolo erzeugt, doch tat er das gleichsam als Freizeitwinzer. Hauptberuflich war er als Kellermeister bei den mächtigen Marchesi di Barolo beschäftigt, die als Geburtshelfer des modernen Barolo gelten.

1990 machte er sich selbstständig. Die dazwischen liegenden Jahrgänge hatten ihm einen guten Ruf als Barolista verschafft. Er galt als feinfühliger Vermittler zwischen dem traditionellen und dem modernen Barolo-Stil. Die Diskussion darüber – hier die Verfechter einer langen Maischegärung und eines ebenfalls langen Ausbaus in Holzfudern, da die Anhänger einer kurzen Gärung und einer oxidativen Reifung in französischen Eichenbarriques – schlug in diesen Jahren hohe Wellen.

Panoramablick auf die Grand-Cru-Lage Cannubi Boschis, wo der Nebbiolo für den Barolo Aleste wächst.
Panoramablick auf die Grand-Cru-Lage Cannubi Boschis, wo der Nebbiolo für den Barolo Aleste wächst.

Foto beigestellt

Sandrone wählte als »aufgeklärter Traditionalist« einen Mittelweg: Er ließ den Most mit safteigenen Hefen rund zwei Wochen vergären und den jungen Wein in Tonneaux reifen, das sind Eichenfässer von 500 Liter Fassungsvermögen, und rückte nie mehr von dieser Methode ab. Der rasche Erfolg hatte den bedächtigen Mann, das Gegenteil eines Blenders, überrascht. Man erhielt den Eindruck, dass er sich manchmal in die stillen, dunklen Kellergänge zurückwünschte, in denen es ihm noch vergönnt war, in aller Seelenruhe zwischen den großen, alten Fässern zu arbeiten.

Nach 1992 sind wir uns immer mal wieder begegnet. Es verfestigte sich der Eindruck, dass hier einer konsequent und unbeirrt seinen Weg geht, unabhängig von den Moden eines launischen Weinmarkts. 1997 wurde unweit des Friedhofs von Barolo am Fuße des Cannubi-Rebbergs mit dem Bau eines großzügig bemessenen Weinguts begonnen. Kein architektonisches Ausrufezeichen, sondern ein solider, regionaltypischer Bau, der sich ruhig in die Hügellandschaft einfügt, dessen angebauter Turm aber von Selbstbewusstsein und vom sozialen Aufstieg zeugt, den die Familie dem Wein verdankt. 1999 wurde an der neuen Adresse der erste Jahrgang gekeltert.

»Die Verbundenheit mit der Landschaft, in der wir aufwachsen durften, ist tief. Einen Weinberg liebe ich besonders: ­Cannubi, die Wiege des Barolo.« – Luciano Sandrone, Winzer.
»Die Verbundenheit mit der Landschaft, in der wir aufwachsen durften, ist tief. Einen Weinberg liebe ich besonders: ­Cannubi, die Wiege des Barolo.« – Luciano Sandrone, Winzer.

Foto beigestellt

Das Werk ist vollbracht

Nun also, zum Anlass einer Hommage an Luciano Sandrone und des vierzigsten Jubiläums dieser Barolo-Familie, ein neuer Besuch. Es regnet ohne Unterlass. Das Hügeldorf La Morra, das den Horizont begrenzt, steckt im Nebel. Man wähnt sich im Spätherbst und wünscht sich einen Teller Tajarin mit einer schönen Portion Tartuffi. Lucianos Tochter Barbara, der die Verwaltung des Weinguts obliegt, führt mich in den Salon, wo ihr Vater wenig später eintrifft. Das Wiedersehen freut ihn sichtlich. Die 72 Jahre sind ihm nicht anzumerken. Die Haare sind zwar weiß geworden und er hat erfolgreich eine Herzoperation überstanden, doch seine Gedanken sind so klar und präzise wie immer.

Als er ruhig zu erzählen beginnt, ist es, als ob er den Faden da aufnehmen würde, wo er vor Jahren liegen geblieben ist. »Wir haben meine Ideen inzwischen alle umgesetzt«, sagt er, und der Satz wirkt wie ein Motto über dem Gespräch. Mit 27 Hektar Gesamtfläche, zwanzig davon in Besitz, weist das Weingut eine Größe auf, von der drei Familien ausgezeichnet leben können. (Neben Luciano und Barbara arbeitet seit 1992 auch Bruder Luca im Betrieb.)

»Wir erzeugen nur fünf Weine, allesamt rot, auf Weißwein verzichten wir. Das hat hier keine Tradition.« Neben Dolcetto d’Alba und Barbera d’Alba sind es drei Nebbioli: die beiden Baroli Cannubi Boschis und Le Vigne sowie ein Nebbiolo d’Alba aus der erstklassigen Lage Valmaggiore in Vezza d’Alba. Vezza d’Alba liegt im nördlicher gelegenen Roero, wo die steil aufragenden Hügel kegelförmig und die sandigen Böden leichter sind und die Weine mehr auf Duft und Eleganz setzen denn auf Körper und Wucht.

Vor zwanzig Jahren wurde am Fuße des Cannubi Boschis ein repräsentatives Wohnhaus mit modernem Produktionskeller gebaut.
Vor zwanzig Jahren wurde am Fuße des Cannubi Boschis ein repräsentatives Wohnhaus mit modernem Produktionskeller gebaut.

Foto beigestellt

Sandrone könnte den Valmaggiore auch Roero nennen, doch der traditionsbewusste Bewohner der Langhe hält der althergebrachten Bezeichnung Nebbiolo d’Alba die Treue. Gleichwohl erzeugt er mit ihm einen der allerbesten Roeros. Die zwei Baroli Cannubi Boschis und Le Vigne zählen gar zur Spitze des Anbaugebiets. Keine reifebedürftige Härte schreckt, die explosive Frucht zeigt sich reintönig. Die Tannine sind kräftig, aber geschliffen, die Struktur ist von fast femininer Feinheit. Kurz: Sie sind auf ihre Essenz reduziert. Der Cannubi wird dem großen Ruf des Rebbergs gerecht – im Unterschied zu etlichen anderen Weinen aus dieser Grand-Cru-Lage, die oftmals blass und stumm bleiben.

Der Le Vigne stammt aus vier Weinbergen in unterschiedlichen Barolo-Gemeinden: Merli in Novello, Vignane in Barolo, Villero in Castiglione Falletto und Baudana in Serralunga. »Damit kehre ich zur Barolo-Geschichte zurück. Bevor sich in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Abfüllung von Einzellagen durchsetzte, war der Barolo immer ein Wein aus verschiedenen Teilen des Anbaugebiets.« Luciano Sandrone hat sein vor Jahrzehnten entworfenes Konzept zusammen mit Barbara und Luca verfeinert und perfektioniert – ohne ihm je untreu zu werden. Darüber hinaus wurde es aber jüngst ergänzt.

Limitierte Weine, die erst nach längerer Flaschenreife frei­gegeben werden, tragen den Stempel »Sibi et Paucis«.
Limitierte Weine, die erst nach längerer Flaschenreife frei­gegeben werden, tragen den Stempel »Sibi et Paucis«.

Foto beigestellt

Zum einen hat er für alle drei Nebbioli die Linie »Sibi et Paucis« (lat. für uns und für einige andere) eingeführt. Jedes Jahr gönnt er im kühlen Keller rund tausend Flaschen jeder Provenienz eine zusätzliche Reifezeit – zehn Jahre dem Barolo, sechs dem Nebbiolo d’Alba. Die wenigen Glücklichen, die jeweils ein Dreierköfferchen ergattern, kommen dadurch in den Genuss eines Sandrone in der ersten Reifephase. Diesen Herbst werden beispielsweise die 2008er Cannubi Boschis und Le Vigne
auf den Markt kommen.

Zum anderen taufte der Winzer ab Jahrgang 2013 sein Flaggschiff etwas gewöhnungsbedürftig von Cannubi Boschis in Aleste um. Er versteht den unkonventionellen Akt als eine Liebeserklärung an seine zwei Enkelkinder Alessia und Stefano (Aleste), die beide Önologie studieren und sich auf die Übernahme des Weinguts vorbereiten. »Schon 2001, bei der Geburt des jüngeren Stefano, hatte ich die Idee. Nun zeigt mir der Werdegang der beiden, dass sie richtig ist.« Der Großvater ist nicht nur ein begnadeter Winzer, er hat auch ein großes Herz. Ob das Geschenk die jungen Leute beflügeln oder nicht doch vielmehr als Hypothek beschweren wird, werden die nächsten vierzig Jahre zeigen.

Zum »Best of Sandrone« Tasting!

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 05/2018
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

  • Tasting
    World Champions Luciano Sandrone
    06.07.2018
    Vor vierzig Jahren startete Luciano Sandrone als Nobody mit 1500 Flaschen Barolo Cannubi Boschis. Heute ist er ein Star, erzeugt ein Vielfaches und gilt als Meister des Barolo. Notizen von Martin Kilchmann
  • Winzer
    Azienda Agricola Sandrone Luciano
    12060 Barolo
    Piemont, Italien
    Falstaff Sterne
  • 20.06.2018
    World Champions: Lafite
    Sehnsuchtsname für Bordeaux-Freaks und ein absolutes Ausnahme-Château: Seit 150 Jahren ist der französische Zweig der Rothschild-Familie im...
  • 16.05.2018
    World Champions: J. J. Prüm
    Das emblematische Weingut aus Wehlen an der Mittelmosel ist berühmt für die Delikatesse seiner Rieslinge – für Weine von subtiler Würze und...
  • 09.04.2018
    World Champions: Château de Beaucastel
    Die Familie Perrin erzeugt feinwürzige Weine in denen die Sonne des französischen Südens eingefangen wird und hat es damit längst auf die...

Mehr zum Thema

News

Lieblingswein 2019: Bestellen Sie Ihr Weinpaket!

Im Rahmen der Falstaff WeinTrophy verleihen wir auch 2019 wieder einen Publikumspreis – das dazugehörige Weinpaket können Sie hier bestellen!

News

Lieblingswein 2019 – jetzt bewerten!

Bewerten Sie die drei Weine des Falstaff best-buy-Weinpakets von eins bis zehn und küren somit den Sieger der Falstaff Publikumstrophy 2019!

News

Gerolsteiner WeinPlaces: Balthasar Ress

In der Weinbar des VDP-Winzers Christian Ress haben charmante »Wein-Ladies« das Sagen.

Advertorial
News

Die Rotweine aus dem Loire-Tal

Der »Breton« repräsentiert das Loire-Tal von seiner roten Seite, aber auch andere Rebsorten wie Gamay oder Côt sind in den Appellationen entlang des...

Advertorial
News

World Champions: Bodega Catena Zapata

Aus Malbec einen großen Rotwein zu machen – das hielten selbst Argentinier für unmöglich. Die Familie Catena Zapata aus Mendoza beweißt das Gegenteil....

News

Shortlist mit aktuellen Weintipps

Wein-Empfehlungen aus dem Handel, verkostet und bewertet von der Falstaff-Weinredaktion.

News

Die neue WEINSELIG Weinmesse von Di Gennaro

Am überregionalen Treffpunkt für Liebhaber italienischer Weine wird dem Sommer am 28. und 29. Oktober mit einem Paukenschlag »Arrivederci« gesagt.

Advertorial
News

Weinstadt Stuttgart: Nüchterne Weinselige

Bevor Daimler, Porsche & Co. den Großraum Stuttgart zum Mekka der Industrie machten, lebte Stuttgart vom Weinbau. Und noch immer zählt die Stadt...

News

Gerolsteiner WeinPlaces: Vineyard

Ausgefallener WeinPlace von Elke Berner in Hamburg, der eine gelungene Kombination aus Wein-, Großhandel und Weinbar ist.

Advertorial
News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

Loire – Ein Fluss und seine Weine

Der längste Fluss Frankreichs verbindet 43.000 Hektar AOC-Weinberge. Die vielfältigen Weine werden von versierten Meistern produziert.

Advertorial
News

Carolin Klöckner ist Deutsche Weinkönigin 2018

Die 70. Weinhoheit ist gekürt. Nach über 30 Jahren geht der beliebte Titel wieder nach Württemberg, Klara Zehnder und Inga Storck sind...

News

World Champions: F.X. Pichler

Franz Xaver Pichler hat Österreich in der internationalen Weinszene bekannt gemacht. Sein Sohn Lucas tut das heute mit der gleichen familientypischen...

News

World-Champions: Alvaro Palacios

Alvaro Palacios erzeugt mit den Kultweinen L’Ermita und La Faraona Rotwein-Ikonen aus weniger bekannten Gebieten.

News

World-Champions: Coche-Dury

Wenige Weingüter werden von Kennern in so hohen Ehren gehalten wie die Burgunder-Domäne Coche-Dury. Doch der Familie ist der ganze Rummel unangenehm.

News

World Champions: Louis Roederer

Das Champagnerhaus Louis Roederer ist heute der größte unabhängige Betrieb, der sich über Generationen hinweg in Familienbesitz befindet.

News

World Champions: Gonzáles Byass

Im Jahr 1835 begann im andalusischen Jerez ein junger Mann mit dem Sherrygeschäft. Heute ist der Familienbetrieb González Byass ein Big Player im...

News

World Champions: Frescobaldi

Weinbau seit 700 Jahren. Eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Mit über 1000 Hektar Weinbergen kann Frescobaldi aus dem Vollen schöpfen. Sechs...

News

World Champions: Lafleur

Vor fast 150 Jahren bepflanzte Herr Greloud seinen Hausgarten mit Weinreben und nannte ihn Jardin Vignoble. Dessen schönstes Gewächs trägt den Namen...

News

World Champions: Egon Müller

Der Scharzhof an der Saar erzeugt den Inbegriff deutschen Rieslings: federleicht, komplex, feinnervig, kristallin – und langlebig bis zur...