Winzer des Jahres 2019: Mathieu Kauffmann

Mathieu Kauffmann im Barrique­keller, wo neben Sektgrundweinen auch ein klein­wenig roter Pinot Noir reift.

© AD LUMINA fotoatelier

Mathieu Kauffmann im Barrique­keller, wo neben Sektgrundweinen auch ein klein­wenig roter Pinot Noir reift.

Mathieu Kauffmann im Barrique­keller, wo neben Sektgrundweinen auch ein klein­wenig roter Pinot Noir reift.

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Menschen, die einen Preis gewinnen, zeigen die unterschiedlichsten Reaktionen. Manche sonnen sich im Blitzlicht und verschlingen den Applaus, andere ergreifen das Mikrofon, um etwas zu sagen, was sie schon immer mal loswerden wollten. Manche sind gefasst, andere überrascht, manche ballen eine Faust, andere streichen sich durchs Haar. Als Mathieu Kauffmann am 22. Februar auf Schloss Hugenpoet als Falstaff-»Winzer des Jahres« auf die Bühne gebeten wurde, da war er vor allem eines: sprachlos. An einer Sprachbarriere lag das nicht, Kauffmann beherrscht das Deutsche fließend. Dass er mit den Worten rang, zeigt, wie überwältigt er war. Dann begann er einen Satz, um ihn auch gleich wieder abzubrechen: »Dass ich als Franzose…« Man sah es den Gesichtern im Publikum an: Der geradezu schüchterne Auftritt des genialen Elsässers bahnte sich einen direkten Weg tief in die Herzen.

Blenden wir zurück: Anfang der 2010er-Jahre erfuhr der legendäre Pfälzer Kellermeister Hans-Günter Schwarz von einem Münchener Freund, dass der Chef de Cave des namhaften Champagnerhauses Bollinger sich mit dem Gedanken nach Veränderung trage. Schwarz sprach Achim Niederberger an, der in den Jahren zuvor nacheinander die historischen Deidesheimer Weingüter Bassermann-Jordan, von Buhl und Dr. Deinhard erworben hatte. Beim Weingut von Buhl war die Situation besonders: Niederberger übernahm die Eigentümerschaft des Guts, während die Bewirtschaftung des Betriebs noch verpachtet war. 2013 würde dieser Vertrag jedoch enden. Bereits in seinem letzten Lebensjahr – Niederberger verstarb im Juli 2013 – schuf der visionäre Unternehmer Fakten: Er stellte Kauffmann ein und sorgte dafür, dass dieser bereits im Herbst 2013 die volle Verantwortung übernehmen konnte. An Kauffmanns Seite in die Geschäftsführung gelangte kurz darauf der erfahrene Weinjournalist Richard Grosche, der seither die önologische Expertise auf ideale Weise mit klugen strategischen Marketingideen ergänzt. Das Dream-Team für eines der emblematischen Weingüter der Mittelhaardt war geboren.

Im ersten Herbst jedoch ging Kauffmann gleich durch ein Säurebad: Nach einem durchwachsenen Sommer hörte es im Herbst nicht auf zu regnen, es brannte allenthalben lichterloh, einen Tag zu früh lesen hieß womöglich Unreife, einen Tag zu spät Fäulnis. Im Falstaff-Interview gestand Kauffmann, dass er in diesen Tagen große Zweifel hatte, ob das Experiment Pfalz für ihn gut ausgehen würde. Doch zum einen fühlten er und seine Familie sich wohl in Deidesheim – »die Lebensqualität ist höher als in Frankreich«. Und zum anderen wurde rasch klar, wie brillant Kauffmann und das ganze Team bei von Buhl den schwierigen Jahrgang gemeistert hatten.

Denn schon Kauffmanns erster Sekt, ein Ende 2014 degorgierter Riesling brut aus dem Horrorherbst, schlug ein wie eine Bombe. 93 Punkte in einer Falstaff-Blindprobe standen nicht allein, von der »Welt« bis zum »Spiegel« waren die Kritiker begeistert. Dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war, zeigten nicht nur die Nachfolger-Jahrgänge des von Buhl-Sekts. Wie sehr Kauffmann schon vom Start weg zauberte, belegt auch der stille 2013er Deidesheimer Ortsriesling, der als Late Release erst 2018 in den Verlauf gelangte und 92 Falstaff-Punkte erlangen konnte –  absolut außergewöhnlich für einen Wein in der Preisklasse unter 15 Euro.

Unter den vielen bemerkenswerten Erfolgen Kauffmanns ist dieser vielleicht der vielsagendste: Nachdem man dem ehemaligen Bollinger-Mann anfangs vor allem zugetraut hatte, dass er den deutschen Sekt revolutioniert, werden heute seine Stillweine sogar beinahe noch stärker diskutiert und noch stürmischer gefeiert. Fast scheint es, als sei beim Sekt hinter die erste Phase ein Haken gesetzt: Schon nach bereits relativ kurzer Zeit auf der Hefe haben Kauffmanns Schäumer genau jene Initialzündung ausgelöst, die man sich erwarten konnte. Im ganzen Land feilen Winzer momentan an Sekten, die eine neue Qualität von Frische und Eleganz ins Glas bringen. Im VDP wird sogar die Adaption des Themas Lagenklassifikation auf die Sekte der Mitglieder vorbereitet – unter der kundigen Mithilfe von Mathieu Kauffmann. Im eigenen Betrieb wird die nächste Stufe der Sekt-Euphorie wohl erst dann zünden, wenn der Bestand an Reserveweinen gewachsen ist und wenn es dann irgendwann Cuvées gibt, die vielleicht fünf, sechs, sieben Jahre oder länger auf der Hefe lagen. Bis zu einem »Buhl R.D.« ist es noch ein langer Weg, aber er ist begonnen.

In der Zwischenzeit sind es die Lagen-Rieslinge, die höchste Aufmerksamkeit verdienen und bekommen. Denn Kauffmann interpretiert dieses Genre so feinfühlig, so burgundisch und gerade dewegen mit so viel Lokalkolorit, dass ein völlig neuer Ton entstanden ist: Während die Großen Gewächse von Bassermann-Jordan feist und mit vibrierendem Süße-Säure-Spiel daherkommen, diejenigen von von Winning mit präzisem Fokus auf Frucht und Mineralität, während bei Bürklin-Wolf die Mineralität zuweilen bis hin zu einer geradezu asketischen Kargheit getrieben wird, sind die Buhl-Rieslinge knochentrocken und reichhaltig in einem.

»Einen Wein auf seine Analysedaten zu reduzieren, das ist ja fast schon respektlos.«
Mathieu Kauffmann

Weine mit einer solchen inneren Ruhe lassen sich vermutlich nur dann schöpfen, wenn man die Naturgegebenheiten aus dem Effeff kennt und begriffen hat. Hört man Kauffmann zu, wenn er über die Lagen in Forst und Deidesheim spricht, dann wird unmittelbar deutlich, wie sehr er nach wenigen Jahren bereits in diesen Kosmos eingetaucht ist. Etwa, wenn er die beiden Orte kontrastiert und das gängige Vorurteil zurückweist, wonach Forst zu bevorzugen sei: »Sicher, die Weine aus Forst sind mineralischer, noch mal salziger, kräuteriger, aber nicht hochwertiger als diejenigen aus Deidesheim, sondern anders. Und junger Pechstein macht ja auch wirklich keinen Spaß.« Die Liebe zu seiner Arbeit wird greifbar, wenn Kauffmann über seine Lieblings-Erste-Lage Deidesheimer Herrgottsacker spricht: »Das ist ein Weinberg, da ist der Boden an allen Stellen gleich, das Klima, da variiert nix. Und der Wein ist so was von elegant, der geht los wie ein Laserstrahl.«

In aller Bescheidenheit Großes leisten

Bei der wenig im Rampenlicht stehenden Forster Lage Musenhang steckt Kauffmann die Hände in die Luft und erklärt: »Da sind sooo Kalkbrocken drin.« Und wenn Kauffmann über das Forster Kirchenstück spricht, den höchst bewerteten Weinberg der bayerischen Steuerklassifikation von 1828, dann hört sich das so an: »Der Boden ist ganz anders als in den Lagen Pechstein, Ungeheuer oder allem außenrum, er hat alle Farben – Rot, Gelb, Schwarz – und alles ist zugeklebt und mit Lehm oder Ton gebunden, das klebt einem am Schuh. Und wenn man den Ton aufmacht, dann sind da zwei Millimeter Steinchen von gelbem und rotem Sandstein drin und ganz kleine schwarze Bruchstücke vom Basalt.« Aus dem Detailreichtum in dieser Beschreibung spricht nicht zuletzt die Begeisterung darüber, mit solch einem Weinberg arbeiten zu können, Achtung vor der Natur, vor der Arbeit von Generationen und Demut. Ganz ähnlich hört sich das an, wenn es Kauffmann missfällt, dass manchmal viel zu viel nur über Säure, Restzucker und Alkohol gesprochen wird, und er es »fast schon respektlos« nennt, »einen Wein auf Analysedaten zu reduzieren«. »Dass ich als Franzose …«, diesen Satzbeginn aus Kauffmanns Worten auf der Bühne möchten wir hiermit vervollständigen: Man sollte nicht sagen: Obwohl er Franzose ist, ist Mathieu Kauffmann Deutschlands Winzer des Jahres geworden. Sondern: weil er als Franzose so sehr von der Idee des Terroirs durchdrungen ist. Dazu kommt seine ganz individuelle Klasse: die Fähigkeit, in aller Bescheidenheit Großes zu leisten.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 02/2019
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