Wiener Bauordnung: Freiheit für Balkonien

© Daniel Hawelka

Daniel Hawelka

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Wer liebt es nicht, das Wien der Biedermeier- und Gründerzeit? Jeder natürlich, denn es gibt wohl keine begehrteren Wohnobjekte als Stilaltbauten. Doch ein ganz wesentliches Wohnzubehör fehlt ihnen in der Regel: Balkone. Denn bis in die 1920er-Jahre musste man diese in Wien mit der Lupe suchen – von winzigen Zierbalkonen, die mehr als Ornament dienten, mal abgesehen. Zudem galt es lange Zeit als unstatthaft, sich von oben herab privat dem öffentlichen Straßenleben zu präsentieren.

Viele Hürden

Dies änderte sich im 20. Jahrhundert, und heute ist ein Neubau ohne Balkone, Loggien oder Terrassen nicht einmal mehr denkbar. Der Nachteil: Man musste dafür Platz auf dem Grundstück schaffen. Denn Balkone über der Straße waren bis zur Novelle der Wiener Bauordnung 2014 untersagt.

Trotzdem kam es in den sechs Jahren seither ­keineswegs zu einer Nachrüstungsmanie. Schließlich sind immer noch zahlreiche ­Hürden zu überwinden, wenn man den Wohnungen Luft verschaffen will: Die Zustimmung aller Eigentümer ist einzuholen, die Behörden (die MA19 für Stadtgestaltung, die MA28 für Straßenverwaltung, die MA42 für Stadtgärten sowie die Baupolizei MA37) müssen zustimmen, und das Blumenkästen-Wasser darf keinesfalls auf Passanten tropfen. Um es mit Fred Sinowatz zu sagen: Es ist alles sehr kompliziert.

Fassade oder Balkon

»Ein zeitgemäßer Umgang mit möglichen Balkonzubauten ist aus der historischen Tradition zu entwickeln«, heißt es in den Richtlinien der Stadt Wien. Die 2014 veröffentlichte Studie der MA19 betont allerdings auch: »Fassaden mit viel Dekor sollten keine Balkonzubauten erhalten, da die Proportionen der Objekte stark verändert werden könnten.« Auch Investoren scheuen aus diesem Grund oft vor der nachträglichen Balkonmontage zurück: »Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Freiflächen«, sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer von 3SI Immobilien, die sich auf Altbauten spezialisiert haben.

»Aber bei einer schön gegliederten Zinshausfassade würde ich mich fast immer für den Erhalt der Fassade und gegen den Balkon entscheiden, weil ich sonst das Objekt entwerten würde.« Viele nachträglich angebrachten Balkone in Wien seien aufgrund ihrer schweren, metallischen Optik ästhetisch sehr unbefriedigend, so Schmidt. »Das schaut einfach furchtbar aus.« Bei glatten Fassaden müsse man von Fall zu Fall entscheiden, so Schmidt. »Bei einem Objekt an der Rossauer Lände haben wir uns zum Beispiel gegen Balkone und für eine Wiederherstellung der Stuckfassade entschieden, denn mit Balkonen hätte es wie ein Neubau ausgesehen, außerdem wären diese aufgrund des starken Verkehrs dort wenig attraktiv.«

Hofseitig seien Balkone im Altbau allerdings fast nie ein Problem, auch was die Verschattung der darunterliegenden Wohnungen betrifft, so Schmidt. Infolge der jährlichen Hitzesommer und der Corona-Erfahrungen wird der Wunsch nach privatem Freiraum immer stärker. So haben sich findige Anbieter wie Easybalkon oder Wienbalkon auf die Nachrüstung von Balkonen spezialisiert. »Einen Prototyp von Wienbalkon gibt es bereits«, so dessen Erfinder, der Architekt Caspar Nikolaus Stützle, der sich das Patent schon hat schützen lassen.

»Bei einer schön gegliederten Zinshausfassade würde ich mich fast immer für den Erhalt der Fassade und gegen den Balkon entscheiden.«

Michael Schmidt, Geschäftsführer von 3SI Immobilien

Hauch von Süden

Der Clou des Systems: Sitzbank und Pflanztröge sind bereits in den Balkon integriert, bis zu zehn Personen finden auf ihm Platz. Das Interesse sei groß, so Stützle. »Bisher gibt es über 30 Anfragen, interessanterweise waren die ersten allesamt von Frauen!« Auch die MA19 habe in ihren Gesprächen Zustimmung signalisiert.

Stützle sieht das Anwendungsgebiet vor allem an glatten Fassaden in baumlosen Straßen, von denen es in Wien nicht wenige gibt. »Mehr Grün und etwas südländisches Sehen-und-Gesehen­werden würde der Stadt guttun«, sagt der Architekt. Schon die südländischen Spanier haben schließlich das Wort »balconear« erfunden, das die Beobachtung des Straßenlebens von oben bezeichnet – vor dem Fernsehzeitalter eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Und wer weiß, vielleicht wird auch Wien noch eine Balkonstadt. Denn auch hier ist nichts in Stein gemeißelt.

Hauch von Süden

Der Clou des Systems: Sitzbank und Pflanztröge sind bereits in den Balkon integriert, bis zu zehn Personen finden auf ihm Platz. Das Interesse sei groß, so Stützle. »Bisher gibt es über 30 Anfragen, interessanterweise waren die ersten allesamt von Frauen!« Auch die MA19 habe in ihren Gesprächen Zustimmung signalisiert.

Stützle sieht das Anwendungsgebiet vor allem an glatten Fassaden in baumlosen Straßen, von denen es in Wien nicht wenige gibt. »Mehr Grün und etwas südländisches Sehen-und-Gesehen­werden würde der Stadt guttun«, sagt der Architekt. Schon die südländischen Spanier haben schließlich das Wort »balconear« erfunden, das die Beobachtung des Straßenlebens von oben bezeichnet – vor dem Fernsehzeitalter eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Und wer weiß, vielleicht wird auch Wien noch eine Balkonstadt. Denn auch hier ist nichts in Stein gemeißelt.

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