Wie schön sollen unsere Städte künftig aussehen?

Pflanzen in der Stadt: Wie hier in London kühlen sie nicht nur die Gebäude, sondern sorgen für gute Luft.

© Getty Images/shomos uddin

Wie schön sollen unsere Städte künftig aussehen?

Pflanzen in der Stadt: Wie hier in London kühlen sie nicht nur die Gebäude, sondern sorgen für gute Luft.

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Sechs Türme ragen im Süden Wiens 85 Meter hoch in den Himmel. Ein bisschen verloren thronen die Bauten des Wohn- und Kaufparks Alterlaa über dem restlichen Bezirk, fast schon grotesk in ihrer Überdimension. Sie sind ein gutes Fotomotiv, stellen aber Generationen nachfolgender Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner vor ein Rätsel. Der Wiener Architekt Harry Glück hat die Wohntürme vor fast fünfzig Jahren entworfen. Seit der Fertigstellung 1985 leben um die 10.000 Menschen in den etwa 3.200 Wohnungen, die man heute wohl nicht mehr so bauen würde. Zu viele Menschen, zu viele Wohnungen auf zu wenig Platz, lautete lange die Kritik von außen. Fensterlose Gänge führen zu den Wohneinheiten, der zugehörige Kaufpark liegt teils unterirdisch und die berüchtigten Hochhaus-Fallwinde führen zu höheren Schadstoffemmissionen. Dennoch brechen die Türme in Umfragen zur Wohnzufriedenheit immer wieder Rekorde. Die Menschen leben gerne in der Satellitenstadt, klassische Ästhetik hin oder her.

Wohnpark Alterlaa

Der vom Architekten Harry Glück entworfene Wohnpark Alterlaa in Wien gilt als Vorzeigeprojekt für zeitgemäßen sozialen Wohnungsbau. Sowohl in der Architektur als auch funktional setzte Glück Maßstäbe – und das schon im Jahr 1973.

© Robert Newald / picturedesk.com

Die Schönheit des Alters

Eine schöne Stadt folgt recht einfachen Regeln. Die Architektur ist ordentlich und aufeinander abgestimmt, dabei aber nicht zu eintönig – ein Grundsatz, den Gründerzeitviertel perfektioniert haben: Die Häuser fügen sich ineinander, sind aber trotzdem individuell. Die Stadt ist lebhaft, es gibt Dinge zu beobachten und Menschen zu sehen. Hauptstraßen bieten zwar einfache Orientierung, dahinter verstecken sich aber kleine und verwinkelte Gässchen, in denen man lustvoll flanieren kann. Und die Architektur ist lokal und identitätsstiftend. Man weiß, wo man ist.

Das sollte sich reproduzieren lassen, und trotzdem denkt man bei Stadtästhetik zuerst an die kleinen Plätzchen im Barri Gòtic von Barcelona, an verschlungene Gässchen im Pariser Montmartre oder an den Prunk alter Kaiserstädte wie Wien oder Prag. »Wir erkennen, dass neben der Nutzung auch die Schönheit der Stadt eine Rolle spielt«, sagt Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Präsident des Deutschen Städtetags. Viele historische Städte haben merklich weniger mit Leerständen zu kämpfen als ihre jüngeren Gegenstücke. »Wir können uns aber keine historische Stadt ›backen‹«. Örtliche Verhältnisse, lokale Politik und auch die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt selbst bestimmen hier die Grenzen des Möglichen. Umso mehr gehe es laut Jung darum, menschenfreundliche öffentliche Räume zu gestalten.

Die Namen von Neubauvierteln fallen jedoch selten, wenn es um ästhetischen Städtebau geht. Das liegt auch schlicht am Alter: Damit ein Stadtteil funktioniert, muss er sich entwickeln können dürfen. Das dauert oft viele Jahrzehnte. Effizient ist es nicht. Und genau da liegt das Problem in schnell wachsenden Städten wie Wien, in denen in kurzer Zeit viel gebaut wird und sich auch rentieren soll. »Es kann nicht alles in der Stadt der Wirtschaftlichkeit untergeordnet werden,« sagt Sabine Knierbein. Die Stadtforscherin ist Professorin für Stadtkultur und öffentlichen Raum an der TU Wien und leitet das Interdisciplinary Centre for Urban Culture and Public Space. Sie sagt: »Wir müssen in der Stadtplanung lernen, durchaus mal ineffizient zu sein

Allee

Wie angenehm Baumbestände auf eine Stadt wirken, zeigt jede Allee. Ästhetik betrifft nicht nur die Optik, sondern alle Ebenen des menschlichen Empfindens.

© Getty Images/Kilito Chan

Klug und schön

Ineffizienz passt auf den ersten Blick aber so gar nicht in moderne Stadtkonzepte wie das der Smart City. Das Stichwort, das im Leitbild kaum einer Stadt fehlt, meint aber mehr als nur perfekt getaktete U-Bahnen, Straßenlaternen, die die Körpertemperatur der Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner messen, oder das digitale Schwarze Brett im Eingangsbereich des Neubaublocks, das von den Solarpanelen am Flachdach seinen Strom bezieht. Smart-City-Konzepte konzentrieren sich auch auf etwas, das in der Effizienz und Schnelllebigkeit einer kapitalistischen Welt oft auf der Strecke bleiben musste: ums Wohlfühlen.

Wo viele Menschen leben wollen, braucht es freilich neuen Wohnraum. Wichtige Freiflächen fallen oft Neubau- oder Nachverdichtungsprojekten zum Opfer. »Gerade dann ist es wichtig auf unterschiedlichen Maßstäben nach Schönheit und Funktionalität zu suchen – also nach dem Zusammenspiel aus was ist funktionell und was braucht es für ein Wohlbefinden«, sagt Knierbein. Das können kleine Plätze sein und große, alte Bäume die nicht weichen müssen, nur damit die Baumaschinerie schnell durchziehen kann. »So haben die Leute auch in den ersten Jahren etwas Identitätsstiftendes und gleichzeitig Schattenspendendes vor Ort.« Dieser Schatten ist in Zeiten des Klimawandels ein nicht zu unterschätzendes Gut. Wer sich einmal an einem heißen Sommertag in eine schattige Allee mit altem Baumbestand flüchten durfte, hat schnell etwas Grundlegendes verstanden: Ästhetik ist nicht einfach nur visuell, sondern erstreckt sich auf alle Ebenen des menschlichen Empfindens.

Im Studium lernen Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner vornehmlich von visueller Ästhetik. Ein Grundproblem in der Stadtentwicklung, sagt Stadtforscherin Knierbein: »In der Alltagswahrnehmung der Menschen, die etwa in Neubauquartieren am Stadtrand wohnen, schlägt sich diese visuelle Ästhetik nicht so positiv nieder, als dass ihr Wohlbefinden dadurch verstärkt würde.« Es reiche nicht aus, Wände von Neubauten hochzuziehen. »Wir müssen uns auch überlegen, wie das wirkt.«

Shanghai

Damit zeitgemäße Architektur angenommen wird, braucht es mehr als effiziente und moderne Bauten wie hier in Shanghai. Auch die Wirkung muss bedacht werden.

© Getty Images/Xinzheng

Das gehe am besten, indem man sich ein Restaurant vorstelle. Gutes Essen sei zwar auch schön angerichtet, aber das sei eben noch längst nicht alles. Geruch, Haptik und Geräuschkulisse vervollständigen das Erlebnis. »Wie erlebe ich die Geruchswelt, was kann ich fühlen und hören … Das alles spielt beim Essen eine Rolle«, sagt Knierbein. »In der Stadt ist es das Gleiche.« Für den öffentlichen Raum und das allgemeine Gefühl in einer Stadt muss die Planung aus der Wohnparzelle raus und den multisensoriellen Raum mitdenken. Also: Was können Stadtbewohnerinnen und -bewohner sehen und anfassen, gibt es Grün- und Wasserflächen, große Bäume und Plätze zum Verweilen? All das ist Ästhetik, all das bestimmt den Wohlfühlfaktor. Und all das ist noch mit den fünf Sinnen begreifbar.

Hamburg

Die Architektur der Elbphilharmonie gilt als gelungen. Doch Ökonomen würden angesichts der Kosten für das Konzerthaus wohl kaum von vorbildlicher Ästhetik sprechen.

© Niklas Ohlrogge/unsplash

Jede Ästhetik ist beautiful

Schönheit und Ästhetik können noch weitergedacht werden. Das eröffnet auch in der Stadtentwicklung neue Perspektiven, die nicht immer in sich schlüssig sind. Es ist halt kompliziert. Die ökologische Ästhetik schafft in sich schon einen Spagat. Auf der einen Seite die durchaus allgemein als attraktiv empfundenen Dach- oder Vertikalbegrünungen, auf der anderen die Kritik an der Optik nachhaltiger Energiegewinnung. Wie schön sind schon Solarpanels oder Windfarmen?

Und denkt man an kulturelle Ästhetik im Sinne der Hochkultur, ist man schnell bei Bauten wie der Elbphilharmonie im Hamburger Stadtteil Hafen-City. »Das ist ein Bauwerk, das viele Menschen begeistert, das leidenschaftlich und mutig ist«, sagt Knierbein. »Aber jeder Ökonom fände das aus einer ökonomischen Sicht der Ästhetik überhaupt nicht schön.« Die Elbphilharmonie schafft dafür etwas nicht Greifbares: Identität für ein Stadtviertel und damit auch für seine Bewohnerinnen und Bewohner.

Wem soll eine Stadt schon gehören, wenn nicht den Menschen, die in ihr leben? Öffentliche Räume haben seit jeher auch mit demokratischer Teilhabe zu tun, der öffentliche Raum betrifft schließlich jeden und jede, der oder die sich dort aufhält. Wird es Anrainerinnen und Anrainern leicht gemacht, ihre Stadt mitzugestalten, ist das politisch ästhetisch. Digitalisierungsoffensiven nach Smart-City-Konzepten können leicht Wege in die Zukunft legen, wenn sie jüngere Generationen mit interaktiven Projekten erreichen und herausfinden, welche Stadt sie sich in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren wünschen. »Bevor Jugendliche wählen können, ist das Auftreten im öffentlichen Raum eine ihrer wenigen Formen von politischem Statement. Sie bestimmen so baugestalterisch über eine Zukunft mit, an der sie als Wählerinnen und Wähler noch gar nicht teilhaben können«, sagt Knierbein. »Deswegen müssen wir die Schönheit partizipativer Prozesse beachten.« Eine Ästhetik mit vielen Herausforderungen.

Interessengruppen vertreten ihre eigenen Interessen – und die sind nicht immer im Sinne der Öffentlichkeit. Planerinnen und Planer dürfen nicht nur den lautesten Stimmen zuhören, sondern müssen auf die Bedürfnisse der Minderheitsgesellschaft achten. Gerade das sei eine Qualität von Demokratie in einer Stadt, meint die Stadtforscherin: »Dass man sich immer überlegt, wer gerade nicht partizipieren kann und wie man diese Gruppe mit einbindet.«

Jubilee Garden London

Architektur dient dem Menschen, der Gedanke der Gemeinschaft – wie hier in den Jubilee Gardens in London – steht im Fokus. Das impliziert, möglichst viele Stimmen zu hören.

© Getty Images/Andy Andrews

Stadt der Menschen

Erfolgreiche Stadtentwicklung bleibt ein Balanceakt zwischen Funktionalität und Ästhetik, zwischen Notwendigkeit und Nutzungsoffenheit. Harry Glück scheint allen Unkenrufen zum Trotz diesen Balanceakt schon vor Jahrzehnten geschafft zu haben. Der Wohnpark Alterlaa sollte all seinen Bewohnerinnen und Bewohnern den »Komfort eines Einfamilienhauses« bieten und ist tatsächlich zu einem gemeinschaftlichen Wohnort herangewachsen, weil die Menschen dort ein Sozialgefüge geschaffen haben, in dem sich der Alltag ein bisschen leichter bewältigen lässt. Das unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von modernen Smart-City-Konzepten. Der Grundsatz ist doch derselbe. Am schönsten wird die Stadt der Zukunft dann, wenn nicht vergessen wird, für wen sie ge- und umgebaut wird: die Menschen, die dort leben.

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