Weißburgunder aus der Pfalz: Verborgene Talente

Auf halbem Weg zwischen Rhein und Pfälzer Wald: die Kleine Kalmit bei Ilbesheim – ein Kalkmassiv, an dessen Südhängen sich der Weißburgunder ausgesprochen wohlfühlt.

© Andreas Durst

Auf halbem Weg zwischen Rhein und Pfälzer Wald: die Kleine Kalmit bei Ilbesheim – ein Kalkmassiv, an dessen Südhängen sich der Weißburgunder ausgesprochen wohlfühlt.

© Andreas Durst

Die Pfalz ist nicht in erster Linie für ihre Berge berühmt, daher muss man die Große Kalmit nicht kennen. Sie liegt auf dem Gemeindegebiet des Orts Maikammer und führt die »Größe« durchaus zu Recht in ihrem Namen, bildet sie doch mit ihrem Gipfel auf 673 Metern über Normalhöhennull die höchste Erhebung des Haardtgebirges. Nun kann, wo es eine Große Kalmit gibt, eigentlich auch eine Kleine Kalmit nicht weit sein. Und wirklich: Nur rund 15 Kilometer Luftlinie entfernt, beim Ort Ilbesheim, erhebt sich die kleine Schwester bis auf eine Höhe von immerhin 260 Metern. Gemein haben die beiden Berge außer dem Namen nicht viel: Die Große Kalmit ist bewaldet, auf der Kleinen wachsen Reben. Während die Große Kalmit aus Buntsandstein besteht, liegt die Kleine »wie ein Kalkriff im Oberrheingraben«, sagt Sven Leiner, einer der beiden Winzer, deren Kalmit-Weißburgunder sich im Falstaff-Test ganz vorne platzieren konnten.

Eine Kombination nach Maß

In den Parzellen, in denen sein Kalmit-Weißburgunder stehe, so gibt mit Boris Kranz ein weiterer Winzer und der Sieger der Falstaff-Verkostung von Pfälzer Weißburgundern zu Protokoll, sei der Oberboden eine leichte Lössauflage. »Aber da steht sofort der Fels drunter.« Sven Leiner kann es sogar ziemlich genau beziffern, wie schnell die Rebwurzeln ihre Füße im Kalk haben: »Wenn man einen Pfahl in den Boden drückt, dann fängt es nach 30 Zentimetern an zu knirschen, das ist der Kalk.«

Kalk und Burgunder, das ist natürlich eine Kombination nach Maß. Das weiß auch Gunter Keßler vom Weingut Münzberg, der mit einem taufrischen 2017er und einem wunderbar gereiften 2013er gleich zwei Jahrgänge seines Großen Gewächses Schlangenpfiff in die Best-of-Auswahl brachte. »In den letzten fünf Jahren fokussieren wir in unserem Weingut immer mehr auf die Burgundersorten«, sagt der Winzer, dessen Weinberge am Münzberg bei Godramstein nur etwa vier Kilometer von der Kleinen Kalmit entfernt liegen. Der Kalk hier ist allerdings ein ganz anderer, die Reben wachsen auf einem Kalkmergel mit tonigen Bestandteilen: »Das macht den Wein kühler«, sagt Keßler. Da schon Keßlers Vater an den Weißburgunder glaubte, hat das Weingut sogar eine eigene Selektion von Stöcken im Weinberg stehen. »Als mein Bruder und ich den Betrieb übernommen haben, konnten wir gleich zu Beginn mit einer trockenen Weißburgunder Auslese, Jahrgang 1989, große Erfolge feiern.« Inzwischen knüpft Gunter Keßlers Sohn Nico an diese Tradition an – und spitzt sie zu, beispielsweise bei der Wahl des Ausbaus: Ein Teil des Weins ruht im Edelstahl, ein Teil im Halbstück – vor der Abfüllung werden beide Partien zusammengelegt: »So passt es am besten.«

Am Holz scheiden sich die Stile

Die Holzfrage ist natürlich auch beim Pfälzer Weißburgunder eine Frage von stilbildender Bedeutung. Sven Leiner beispielsweise vermeidet für seinen Kalmit-Weißburgunder Neuholz, der Most läuft bei ihm direkt von der Presse in ältere Tonneaus, wo die Gärung ohne Zusätze in Gang kommt. Auch Boris Kranz lässt die Moste spontan gären, möchte aber sogar »null Holz« und hält den Edelstahltank für das ideale Gebinde, »um die Lage eins zu eins transportieren zu können«. Wieder anders sieht es bei Fritz Becker in Schweigen aus: Seine 2014er-Reserve lag zu 100 Prozent in neuen Barriques – ohne im Geringsten überholzt zu wirken. Sie trägt einem den Kalk aus der Schweigener Lage Klosterstück sogar mit besonders großer Eindringlichkeit auf die Zunge. Offenbar führen auch beim Holzeinsatz viele Wege zu einem stimmigen Resultat. Aber Becker weiß auch: »Die Fassauswahl ist eines der schwierigsten Themen.«

Manchmal bestimmen natürlich auch äußere Umstände die Auswahl des Gärgebindes, zumindest dessen Größe. So ging es etwa dem Weinbau der Lebenshilfe Bad Dürkheim bei ihrem 2016er Weißburgunder aus der Dürkheimer Lage Michelsberg – einer Lage auf Kalkmergel über einer alten Muschelbank. Der Ertrag von diesem Kleinod reichte gerade, um ein einziges Tonneau zu füllen. »Das ist ein ganz alter Terrassenweinberg, in dem bereits viele Stöcke ausgefallen sind. Der Hang wurde niemals flurbereinigt, daher ist alles Handarbeit, und das bei sehr kleinem Ertrag«, sagt Yvonne Libelli, die im Team der Lebenshilfe für Keller und Verkauf zuständig ist. 35 zu betreuende Mitarbeiter finden in diesem ungewöhnlichen Weingut einen Job, der ihnen Freude und Anerkennung bringt. Auf dem ersten Arbeitsmarkt würden sie kaum eine Chance bekommen, doch unter fachlicher Anleitung tragen sie mit ihren individuellen Talenten und Neigungen in Weinberg und Keller dazu bei, dass so noble Weine entstehen wie dieser Weißburgunder. Was könnte schöner und genussreicher illustrieren, dass der Rebstock eine soziale Pflanze ist und der Wein ein zutiefst humanes Kulturgut?

Die Lebenshilfe Dürkheim gibt 35 Schutzbefohlenen Arbeit. Mit ihrer Hilfe erzeugt sie am kalkreichen Michelsberg einen Weißburgunder von Noblesse.

Der Blick fürs Potenzial

Zurück an die Kleine Kalmit. Es ist kurioserweise gerade erst ein Jahrzehnt her, dass der Lagenname Kalmit dank der vereinten Anstrengungen der Ilbesheimer Winzer (wieder) in der Weinbergsrolle steht. Denn bei der Neufassung des Weingesetzes 1971 wurde der Name eines Gewanns der Kalmit, der Rittersberg zum Paten einer sage und schreibe 400 Hektar großen Fläche, und die Weinberge der Kalmit wurden zum Teil dieser, zum Teil der benachbarten Lage Sonnenberg zugeschlagen.

Ein Vorgang, der einem das Technokratentum der damaligen Weinrechtsnovelle vor Augen führt – und zugleich auch zeigt, wie sehr es am Blick für das qualitative Potenzial der besten Einzellagen fehlte. Der Name »Kalmit« beispielsweise symbolisiert schon durch seine Wortbedeutung Prestige, steht er doch in einer Reihe mit reputierten Lagennamen wie Kallmuth, Calmont oder Calamin. Eine mögliche Ausdeutung all dieser Lagenbezeichnungen geht auf »calidus mons« zurück: heißer Berg. Noch bemerkenswerter, gerade im Kontext weißer Burgunderweine, ist eine zweite Lesart: Kalmit könnte auch aus »calvus mons« entstanden sein: kahler Berg. Auf Französisch hieße das »Montrachet«.

Tasting »Best of Weißburgunder Pfalz«

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 04/2019
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