Weinstadt Stuttgart: Nüchterne Weinselige

Blick aus dem Stadtteil Untertürkheim hinein in den Stuttgarter Kessel: Reben vor Industrie und Fußballstadion.

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Blick aus dem Stadtteil Untertürkheim hinein in den Stuttgarter Kessel: Reben vor Industrie und Fußballstadion.

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Ein Hahn kräht. Und zwar gerade einmal zwei Seitenstraßen entfernt von einer vierspurigen Durchgangsstraße mit den üblichen urbanen Begleiterscheinungen: Tankstelle, Fitnessstudio und Schnellrestaurant, dazu die ratternde Straßenbahn in ihrem Gleisbett. Doch biegt man ab ins Wohngebiet, ist man im Nu durch die Siedlung hindurch und steht vor Feldern und Gewächshäusern. Und da braust auch schon ein Winzer auf einem sportlichen Schmalspurschlepper heran – Christoph Ruck kommt direkt aus dem Weinberg mit dem schönen Namen Cannstatter Zuckerle. Nur einen guten Kilometer entfernt schmiegt sich diese berühmte Lage in unzähligen kleinen Steilterrassen an den Flusslauf des Neckar.

Ruck schließt die Tür zu seiner holzvertäfelten Besenwirtschaft auf. »Wir sind hier schon fast auf dem Land«, sagt er. Und das, obwohl Bad Cannstatt immer­hin 70.000 zu den 620.000 Einwohnern Stuttgarts beiträgt. »Das ist das Reizvolle hier«, sagt der gebürtige Franke, »wenn man Stuttgart mit offenen Augen anschaut, dann ist es verdammt grün.« Zu diesem Eindruck trägt auch der Weinbau bei: 430 Hektar Reben wachsen auf dem Stadtgebiet, etwa gleich viele wie an der gesamten Hessischen Bergstraße. Auf jeden Einwohner Stuttgarts kommen drei Rebstöcke.

Und die wachsen mitnichten nur in den Randbezirken. Vom Hauptbahnhof aus blickt man direkt auf einen Weinberg, Luftlinie: 250 Meter. Der sogenannte Kriegsberg wurde schon im 13. Jahrhundert als Reblage gerühmt, selbst das Wuchern der Großstadt konnte die Reben nicht völlig verdrängen. Anderthalb Hektar blieben einem höheren Ziel vorbehalten: der Produktion von Riesling und Rotwein. Und das in der Metropole der angeblich so ökonomisch denkenden Schwaben! Als ginge ­es um einen Beweis für die tiefere Vernünftigkeit ökonomischer Unvernunft, sind es ausgerechnet der Baukonzern Züblin, die Industrie- und Handelskammer der Stadt und die Landesbausparkasse, die den Weinberg erhalten und bei Winzern Kelterungen in Kleinstauflagen fertigen lassen – so beispielsweise Züblin bei keinem Geringeren als Rainer Schnaitmann.

Nur drei Bushaltestellen weiter erstreckt sich schon die nächste Rebeninsel der Innenstadt: die Mönchhalde. Hier öffnet Udo Leins das Gartentörchen zu seinem Einfamilienhaus und geht voran, das Haus umrundend, und dann weiter, aber nicht etwa hinein in einen Gemüsegarten oder zu Blumenrabatten, sondern hinab in einen Terrassenweinberg mit gewaltigen Weinbergsmauern. »Vor 150 Jahren, als meine Vorfahren diesen Musterweinberg angelegt haben, waren das hier noch alles Gärten, Obstgärten und vor allem Steinbrüche. Die roten Schilfsandsteine für die Mauern wurden unten am Hang in einem Steinbruch gebrochen, der ihnen gehörte. Und die Mauern hielten sogar stand, als der Weinberg in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs von Bomben getroffen wurde.«

Christoph Ruck, Weingut Rux in Stuttgart-Mühlhausen.

Christoph Ruck, Weingut Rux in Stuttgart-Mühlhausen.

© Manuel Wagner

Nichts geht ohne Idealismus

Nach dem Krieg verkaufte die Familie den Weinberg an die Stadt, »Onkel und Tante hatten weder die Zeit noch die Leute, um den Weinbau weiter zu führen«. Auch heute noch gehört der Weinberg – unten mit Riesling, oben mit St. Laurent bepflanzt – zum Portfolio des städtischen Weinguts, das gerade dabei ist, sich unter seinem neuen Betriebsleiter Timo Saier ein frischeres, jüngeres Image zu verschaffen. Udo Leins aber, 77 Jahre und in den Terrassen flink wie ein Wiesel, bearbeitet den Weinberg, als sei er sein eigener: »Als ich 2005 in Rente ging, wurde ich in den Weinbau eingewiesen. Und da es Spaß gemacht hat und immer noch Spaß macht, dachte ich mir: So kann ich irgendwie auch der Familie etwas zurückgeben.«

Die persönliche Hingabe ist die positive Konstante im Weinbau der Stadt Stuttgart, aber auch gleichzeitig ihre Achillesferse. Denn Weinbau im Flachen sucht man im sprichwörtlichen Stuttgarter Kessel und an den Prallhängen entlang des Neckar ver­geblich. Nichts geht ohne Fleiß und Handarbeit. Und da der typische Stuttgarter Winzer ein Nebenerwerbswinzer und Genossenschaftsmitglied ist, ist das Pro­blemfeld schnell umrissen: »Am Sonntagnachmittag ist Weinberg angesagt, und im Sommer steht man auch unter der Woche oft abends von sechs bis neun im Weinberg«, berichtet Alexander Lung, der im Stadtteil Rohracker elf Ar Riesling bewirtschaftet, also 1100 Quadratmeter. Unter den sechs Genossenschaften, die auf Stuttgarter Gemarkung tätig sind, ist jene aus Rohracker die kleinste: Die 30 Mitglieder bringen es zusammen auf gerade einmal 3,5 Hektar. Lung, 37, ist das mit Abstand jüngste Mitglied seiner Genossenschaft – und hofft, dass in Zukunft noch mehr Weinverrückte seinem Vorbild als Quereinsteiger folgen: »Wir machen zum Beispiel Volkshochschulkurse mit dem Thema ›Das Jahr im Weinberg‹, in der Hoffnung, dass wir Leute an den Weinbau heranführen ­und dafür begeistern können. Und tatsächlich hat uns das schon neue Mitglieder gebracht.« In seiner Altersgruppe wird Lung, im Hauptberuf Ausbildungsleiter ­für IT-Berufe bei einem mittelständischen Unternehmen, vermutlich dennoch ein Exot bleiben: In seiner Genossenschaft waren die Mitglieder für das junge Blut so dankbar, dass sie Lung schon vier Jahre nach seinem Eintritt zum Vorstand wählten.

Herbstliches Farbenspiel im Fellbacher Weinberg, wo Nebenerwerbswinzer einen großen Teil der Reben bewirtschaften.

Herbstliches Farbenspiel im Fellbacher Weinberg, wo Nebenerwerbswinzer einen großen Teil der Reben bewirtschaften.

Foto beigestellt

Die Industrie bezahlt besser

Bei den Fellbacher Weingärtnern, einer Genossenschaft, die auch Trauben keltert, die nicht auf Stuttgarter Gemarkung wachsen, ist der 32-jährige Timo Munk Mitglied. Obwohl der Vater drei Hektar Reben betreibt, zögert der Industriemeister im Sondermaschinenbau, wenn er nach Zukunftsplänen gefragt wird: »Der Traum wäre, beides zu haben, Industrie und Weinbau, vielleicht ein Drittel Industrie und zwei Drittel Weinbau. Aber bei einem vollen Job ist nicht mehr drin als die 20 Ar, die ich momentan bewirtschafte.«

Da stimmt auch Munks Freundin Nicole Schwarz zu: »Oft kommt er vom Büro heim und sagt: ›Jetzt muss ich aber erst noch mulchen.‹ Früher hab’ ich Wein auch einfach so getrunken. Aber jetzt weiß ich, was dahintersteckt.« – »Andererseits ist es auch ein Ausgleich zur Industrie, wenn man im Weinberg steht«, gibt Munk zu bedenken. »Wenn ich in den Wengert geh’, dann ist das Ruhe, man macht sein eigenes Tempo, mal schneller, mal weniger schnell, man ist sein eigener Chef und weiß, wofür man schafft.« Um schon mal vorzufühlen, wie eine Zukunft ganz im Weinbau aussehen könnte, hat Munk ein Kellerpraktikum bei den Aldingers absolviert. »Und der Matze Aldinger sagt: ›Ich würde an deiner Stelle nicht aus der Industrie rausgehen, das ist schon Wahnsinn, was für Gehälter in der Industrie bezahlt werden, im Weinbau wird das schwierig.‹«

Die Zeiten, in denen Stuttgart 27 Keltern besaß wie im 17. Jahrhundert, als alleine in der heutigen Innenstadt 1300 Hektar Reben wuchsen, die Zeiten, als – wie noch im 19. Jahrhundert – der Weinbau eine der Haupteinnahmequellen darstellte, sie dürften endgültig vorbei sein.

Aber vielleicht findet der urbane Weinbau auch eine qualitative Nische, die ihn langfristig auf dem jetzigen Niveau stabilisiert. Beispielsweise, indem er die besonders Engagierten anzieht, Leute wie Christoph Ruck, der in seinem Alte-Reben-Trollinger »Nimbus« den Geschmack der vor-agrarchemischen Ära wiederauferstehen lässt. Wie Udo Leins, der die Geschichte seiner Ahnen weiterlebt. Wie Alexander Lung, der auch schon einmal ganz gegen die Genossenschafterehre einen Bottich Selektionstrauben zu Jochen Beurer nach Stetten gefahren hat und feststellte, dass der dort mit Maischestandzeit gekelterte Riesling bei der Qualitätsweinprüfung als extraktreichster Riesling ganz Württembergs auffiel. Oder wie Timo Munk, dessen Hin- und Hergerissensein zwischen dem Reiz der eigenen Scholle und der Sicherheit des Angestelltendaseins typisch für eine ganze Generation ist. Oder wie der Weinhändler Bernd Kreis, der schon in seiner Zeit als Sommelier bei Vincent Klink begann, 20 Ar am Degerlocher Scharrenberg zu beackern. Seit 1994 verbrachte Kreis unzählige Stunden in den Steilterrassen. Heute weiß er nur allzu gut, wie es Bio-Winzern mit ihrer Arbeit geht: »In Jahren wie 2015 spritzt man fünf Mal, in Jahren wie 2014 oder 2016 zehn oder zwölf Mal.« Weil er für die Plackerei mit der Rückenspritze etwas anderes als nur Trollinger ernten wollte, stellte Kreis den Weinberg schon früh auf die Sorten seiner Lieblingsregion, der Loire, um: auf Cabernet Franc und Sauvignon Blanc. »Eng­pflanzung, niedrige Erträge, das führt fast zwangsläufig zu guten Trauben.« Mit seinen Cabernet-Franc-Jahrgängen 2015 und 2016, ohne Schwefelzusatz bei den Aldingers vinifiziert, schreibt Kreis ein neues Kapitel im Buch der Weinstadt Stuttgart. Ein Kapitel, das mit Individualität zu tun hat – und damit, wie technische Zurückhaltung in Weinberg und Keller Ausdruck und Vielschichtigkeit hervorbringt. Kurz: ein Kapitel mit Zukunft in jedem Sinn des Wortes.

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Falstaff Nr. 06/2018
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