Weinkultur in China

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Wein getrunken wird im Reich der Mitte seit der Antike, wie Funde und Schrifttum bezeugen. Bei religiösen Ritualen, Festivitäten und Feierlichkeiten wurde Wein ausgeschenkt, dem sogar eine heilende Wirkung zugesprochen wurde. Die Sache hat nur einen Haken: Der Begriff »Jiu« für »Wein« bedeutet für Chinesen nicht Wein aus Traubensaft, sondern steht für alkoholische Getränke aller Arten, von Reiswein bis Spirituosen aus Getreiden wie den Moutai. Doch in den vergangenen Dekaden erlebte auch der Wein nach westlichem Vorbild einen enormen Boom.

Rund 1,4 Milliarden Menschen leben heute in China, das ist rund ein Fünftel der Weltbevölkerung. Und speziell die gut ausgebildete junge Generation begann nach dem Millennium davon zu träumen, was man »The Chinese Dream« nennt: vom Aufstieg in die größte gesellschaftliche Mittelklasse der Welt. Diese nach 1980 geborenen Menschen bilden ein enormes Reservoir, rund 300 Millionen von ihnen streben nach Lebensglück. Ein Marktinsider formuliert das so: »Sie träumen von einem Kühlschrank, dann vom eigenen Auto und schließlich von einer Flasche Rotwein am Tisch. Denn dann haben sie es geschafft.« Erstaunlich schnell hat der Wein seinen Status als »Gesicht gebendes« Symbol umfassend umsetzen können, sage und schreibe 96 Prozent der jungen erwachsenen Chinesen geben in einer jüngsten Konsumstudie Wein als ihr bevorzugtes alkoholisches Getränk an. Natürlich genießt Rotwein aus Frankreich das höchste Prestige, doch auch wenn die Importe wachsen – mengenmäßig spielen sie eine untergeordnete Rolle.

Weinbaugebiete in China

Weinbaugebiete in China

© Stefanie Hilgarth

Tatsächlich wird Rebensaft aus einheimischen Kellereien genossen, deren Zahl Jahr für Jahr wächst. Der Durst des roten Drachen wird immer größer: Noch 2016 tranken die Chinesen Wein im Wert von etwas mehr als 15 Milliarden US-Dollar, für 2021 ist ein Umsatz von 23 Milliarden oder eine  Steigerung von einem Drittel binnen fünf Jahren prognostiziert. Im Jahr 2020 wird China für 72 Prozent der Steigerung des weltweiten Weinimports stehen und Großbritannien als zweitwichtigsten Exportmarkt der Welt abgelöst haben. Und da die chinesischen Produzenten trotz regelmäßiger Steigerungen aktuell nicht in der Lage sind, ihren Binnenmarkt abzudecken, findet auch so gut wie kein Export statt – von minimalen Mengen einmal abgesehen. Dazu kommt, dass auch die anerkannt guten Weine der kleinen Boutique Winerys wie Grace, Silver Heights und Co. in sehr limitierten Mengen von oft nur wenigen tausend Flaschen erzeugt werden und trotz ihrer sehr hohen Preise von den chinesischen Connaisseurs extrem begehrt sind. 

Aktuell sind in China etwa 875.000 Hek­tar mit Reben bepflanzt, das ist die zweitgrößte Anbaufläche der Welt. Der Großteil davon wird allerdings zur Erzeugung von Tafeltrauben verwendet. Man schätzt, dass aus nur rund 15 Prozent tatsächlich Wein gemacht wird. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, Experten schätzen die tatsächliche Weinproduktionsfläche auf etwa 140.000 Hektar – Tendenz steigend, auch wenn sich nach zehn starken Jahren das Zuwachstempo verlangsamt hat. 11,5 Millionen Hektoliter will China zuletzt produziert haben, das entspräche mehr als 8000 Liter per Hektar, eine etwas optimistische Zahl – als Produzent nähme China die weltweit achte Stelle ein, konsumiert wurden im letzten Jahr geschätzte 17 Millionen Hektoliter Wein.

Auch das ist eine etwas schwierige Zahl, sollen doch mehr als 80 Prozent des Konsums aus chinesischer Produktion bedient worden sein. Erklären lässt sich diese aber durchaus, wenn man den Begriff »chinesischer Wein« relativiert. Es werden beträchtliche Mengen an Tankweinen aus vielen Ländern der Welt importiert und dem eigenen Gewächs beigemengt, das Endprodukt ist selbstverständlich »made in China«. Man nimmt es nicht so genau mit der Herkunft. Das Chinese Policy Institute untersuchte 2017 das Weinangebot in China und kam zu dem Schluss, dass es sich bei rund 70 Prozent aller Produkte um irgendeine Form von Fälschung gehandelt hat, egal ob aus dem In- oder aus dem Ausland. Ein Umstand, der den erfolgreichen Export von chinesischen Weinen in andere Länder nicht gerade erleichtert.

Judy Chan

Vor mehr als 20 Jahren wurde das Familienweingut Grace Vineyard gegründet, das Judy Chan leitet.

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Dabei hatte alles ganz anders begonnen: Erst zwanzig Jahre vor dem Ende der letzten kaiserlichen Dynastie, der Qing-Periode (1644 bis 1911), wurde in der Provinz Shandong in Chefoo (dt. Tchifu), heute Yantai, die erste Weinkellerei nach europäischem Vorbild gegründet. Der Vater des modernen chinesischen Weinbaus war der Regierungsbeamte und Kaufmann Chang Bishi, der Name des ersten kommerziellen Weinguts im größeren Format lautet Changyu (»Zhang Yu« bedeutet Wohlstand). Chang Bishi kaufte rund 67 Hektar Land, um Weinstöcke zu pflanzen. Er hatte es geschafft, die Produktion von Wein aus Trauben als Privatmonopol zu bekommen. Chang Bishi verfügte jedoch nicht über das nötige Fachwissen, also engagierte er 1896 einen ausgewiesenen Experten seiner Zeit als Kellermeister. Über Anregung des k.u.k. Konsuls Daniel Brandt in Singapur wurde durch das Handelsmuseum ein fachmännisch gebildeter Österreicher gesucht und gefunden: Maximilian Freiherr von Babo, 1862 in Klosterneuburg bei Wien geboren und Sohn des Leiters der Klosterneuburger Weinbauschule, sorgte dafür, dass Changyu ein Erfolg wurde. Er ließ Pressen und Fässer aus Österreich und Frankreich nach China kommen und die Weingärten nach den neuesten Erkenntnissen der Zeit anlegen. Produziert wurden Weine aus Riesling, Gewürztraminer oder Merlot, aber auch Cognac und Brandy.

Nicht weniger als 120 verschiedene Rebsorten reisten unter der Ägide des Freiherrn von Babo aus Europa nach Yantai, darunter auch eine, die unter dem Namen Cabernet Gernischt eine chinesische Besonderheit darstellt. Heute weiß man, dass der Cabernet Gernischt nichts anderes ist als die alte Bordeaux-Rebsorte Carménère, die heute vor allem in Chile kultiviert wird. Nach China kam sie unter der deutschen Bezeichnung Cabernet Gemischt, ein späterer Schreibfehler bescherte ihr den merkwürdigen Namen. Max Freiherr von Babo war der erste in einer langen Reihe von ausgezeichneten Önologen, die für Yantai Changyu tätig wurden, ihm zu Ehren wurde eines der acht Châteaux benannt, die in jüngerer Zeit als Fantasie-Kopien französischer Schlösser errichtet wurden. Das Château Changyu Baron Balboa liegt im Nanshan New District bei Shihezi City und wurde 2013 fertiggestellt. Dass der Baron von Babo und nicht Balboa hieß, ist nur ein weiterer Schreibfehler in dieser kuriosen Geschichte. Noch ein weiteres der mittlerweile acht repräsentativen Schlösser ist nach einem Paten aus Österreich benannt, es liegt in der autonomen Region Ningxia Hui und heißt Château Changyu Moser XV, hier ist bereits seit einigen Jahren Laurenz V. Moser als önologischer Berater und Mastermind tätig.

Weinerzeuger in staatlichem Besitz

Europäische Expertise und Investitionen spielten bei der Entwicklung des chinesischen Weinwunders von Anfang an eine bedeutende Rolle, und viele der mehrheitlich französischen Big Players wie Rémy Martin, Pernod Ricard, LVMH oder die Rothschilds haben seit Längerem in China Fuß gefasst. Aber die Chinesen haben aus den Zeiten gelernt, in denen sie von europäischen Schlaumeiern nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen wurden. Heute besitzen sie in so gut wie allen Joint Ventures die Mehrheit, die Strategie lautet, sich das Know-how abzuschauen, um am Ende des möglichst nahen Tages ohne ausländische Beteiligung in der Produktion auszukommen. Nicht wenige fremde Investoren stellten bald fest, dass ein sicher geglaubtes Geschäft schnell als Fass ohne Boden enden könnte und zogen sich flugs wieder zurück.

1995 zählte man erst knapp 250 Weingüter im gesamten Reich der Mitte, doch bereits 1997 waren es um 200 mehr. Denn im Jahr 1996 geschah eine Art kleines Wunder, das dem Weinbau in China enormen Anschub gab. Es war zu Beginn der Fünf-Jahresplan-Periode 1996 bis 2000, als kein Geringerer als der damalige Premier Li Peng in einer Rede an seine Landsleute die gesundheitlichen Vorteile des roten Weins aus Trauben anpries und sie aufforderte, diesem landwirtschaftlichen Aspekt endlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Das ließen sich die chinesischen Bürger nicht zweimal sagen: Flugs griffen sie zum Weinglas. In der Folge überstieg Ende der Neunzigerjahre die Nachfrage nach Wein bereits deutlich die Inlandsproduktion. Allein zwischen 1995 und 1998 verzehnfachten sich die Zahlen beim Weinimport. Ein regelrechter Wein-Boom begann sich abzuzeichnen. Heute liegt die Anzahl der Weingüter bei knapp unter eintausend Kellereien, allerdings bedarf diese Zahl einiger Erklärung: Der gesamte Grund und Boden gehört der Volksrepublik China und kann nicht erworben werden, sämtliche Weingüter stehen auf Pachtgrund. Die drei größten Weinerzeuger namens Dynasty, Great Wall und Pionier Changyu stehen zur Gänze oder teilweise direkt oder indirekt in staatlichem Besitz.

China-Wein von Baron Eric Rothschild

Allein diese drei Unternehmen, zu denen unzählige weitere größere und kleine Weingüter gehören, stehen für sechzig Prozent des chinesischen Weinmarkts, gemeinsam mit nur drei weiteren kontrollieren sie 90 Prozent. Weingüter ohne chinesischen Partner mit Mehrheitsanteil kann man lange suchen. Sogar Baron Eric Rothschild, dessen Château Lafite-Rothschild aus Bordeaux in China der begehrenswerteste Wein überhaupt ist, konnte sein Projekt in Penglai auf der Halbinsel Shandong nicht ohne chinesischen Teilhaber starten. Gemeinsam mit CITIC hatte Baron Rothschild bereits einige Millionen investiert, ohne einen der erzeugten Weine auf den Markt zu bringen, weil die ersten Jahrgänge die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten – bis es dem chinesischen Partner im Vorjahr schließlich reichte, sprich nicht gewinnversprechend genug erschien. CITIC verkaufte seine Anteile den Franzosen, die nun das Projekt alleine weiterführen. »Bei einem Weinprojekt dieser Art braucht man tiefe Taschen«, meint ein Kenner der Szene, »die Rothschilds haben solche, und dazu kommen noch 150 Jahre Vorsprung beim Produzieren eines großen Weins.«

Im September 2019 wurde der lang erwartete Wein »Long Dai« aus dem Jahrgang 2017 endlich ausgewählten Vertretern der internationalen Presse präsentiert. Der Nine Peaks von Karl-Heinz Hauptmann, der bereits mit Bessa Valley in Bulgarien und Alira in Rumänien erfolgreich investiert hat, stammt ebenfalls aus Shandong und hat bereits gezeigt, was hier möglich ist. Der erste Ultra-Premium-Wein Chinas aus französischer Hand ist jener aus dem Hochgebirgsprojekt von LVMH, das aus Trauben, die in über 2000 Meter Seehöhe in Yunnan an der tibetischen Grenze wachsen, den Ao Yun erzeugt. Dieser stoffig-würzige Wein ist auch am deutschsprachigen Markt in sehr limitierter Menge verfügbar und hat einen entsprechend hohen Preis von rund 300 Euro pro Flasche.

Wachsender Stolz und Preis

Im Laufe der vergangenen Jahre wurden chinesische Weine immer wieder auch im Ausland bei großen Proben hoch ausgezeichnet, ein positives Signal, das auch in den chinesischen Markt hineinwirkt. Waren echte Weintrinker früher stets nur an importierten Flaschen, im Optimalfall aus Frankreichs Topregionen interessiert, so wächst mittlerweile der Stolz auf die besten eigenen Weine, die meist nur sehr limitiert verfügbar sind. Man muss also immer noch nach China reisen, will man die besten Boutique-Weine kennenlernen – und die haben längst ihren Preis.

Da wären die Weine von Judy Chan von Grace Vineyard, dem wohl bekanntesten Familien-Weingut, die auch den Weg über die Grenzen des Landes hinaus finden. Ansprechend sind auch die Weine der Winzerin »Crazy« Wang Fang aus deren Kanaan Winery in Ningxia. Auch Emma Gao zählt zu den bekannten chinesischen Winzerpersönlichkeiten, sie hat das Weingut Silver Heights in Ningxia gemeinsam mit ihrem französischen Gatten Thierry Courtade aufgebaut, den sie bei einem Praktikum auf Château Calon-Ségur in Bordeaux kennengelernt hat.

Aus der Region Shanxi ist das Château Rongzi zu empfehlen, hier hat der emeritierte Pétrus-Önologe Jean-Claude Berrouet sein Wissen eingebracht. Bereits mehrfach international prämiert sind die Toprotweine von Jiabeilan aus den Helan Mountains in Ningxia, wo gerade der langjährige Distributeur von Penfolds in China, Zhang Yanzhi, die ultramoderne Pigeon Hills Winery errichtet hat, die in der Region bereits für positiven Gesprächsstoff sorgt. Einer der erfolgreichen  Pionier-Betriebe war und ist auch Moët Chandon, der in Ningxia hervorragenden Schaumwein erzeugt. Pernod Ricard steht mit Helan Mountain ebenfalls für sehr herzeigbare Weine, auch hier steht dem Winemaking mit Yanling »Linda« Ren eine Önologin vor, ihre Topkollektion heißt Xiaofeng und besteht aktuell aus einem Chardonnay und einem Cabernet Sauvignon.


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Falstaff Nr. 06/2019
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