Weingut Carl Loewen hat Kollektion des Jahres

Dream-Team an der Mosel: Karl Josef (li.) und Christopher Loewen.

© David Maupile

Dream-Team an der Mosel: Karl Josef (li.) und Christopher Loewen.

© David Maupile

Das Schild mit den drei Initialen hängt da wie seither: Die Buchstaben »C. S. W.« stehen für die Familie Carl Schmidt-Wagner. 1896 pflanzte sie an dieser Stelle der Mittelmosel 10.000 wurzelechte Rieslinge je Hektar in den steilen Rotschiefer des Maximiner Herrenbergs und markierte ihren wertvollen Besitz mit einer Tafel. Fast ein Hektar der ursprünglichen Anlage ist bis heute erhalten geblieben, ein weiterer Teil ist auch bereits 100 Jahre alt. Aus beiden wird immer noch exzellenter Wein bereitet. So ist das Schild Vermächtnis der Gründerfamilie Schmidt-Wagner und zugleich Ausweis einer geschützten Weinkultur in der Gemeinde Longuich am Tor zur Mittelmosel. Deren Beschützer heißt Karl Josef Loewen. Sein Weingut be­findet sich nur wenige Kilometer entfernt in Leiwen. Ein Örtchen zwischen Trier und Bernkastel mit knapp 1500 Einwohnern. Man kennt sich. Als sich 2007 für das Weingut Carl Schmidt-Wagner und die wurzelechten Reben kein Erbe fand, war Loewen nicht der einzige Anwärter. Auch Roman Niewodniczanski vom Saar-Weingut Van Volxem war der Rarität schon auf der Spur.

»Dass Roman am Ende kein Angebot abgab, als er von meinem Interesse erfuhr, rechne ich ihm hoch an«, erzählt Loewen. Erst neulich habe er ihm das wieder gesagt, und Niewodniczanski habe geantwortet, dass Loewen seitdem dort Großartiges geleistet habe. Die beiden eint die Gewissheit, dass die Rieslinge von Mosel, Saar und Ruwer wieder jene Anerkennung bekommen, die sie vor rund 100 Jahren einmal hatten. 2008 war der erste Jahrgang, den Loewen aus seinem neu erworbenen Museum zu Wein bereitete.

Kleiner Junge, großes Weinherz

Zwei Söhne haben die Loewens auf die Welt begleitet, da standen die Chancen nicht schlecht, dass wenigstens einer von ihnen die Wein-Gene ihres Vaters erben würde. Sebastian kam seiner Mutter Edith gleich und wurde wie sie schließlich Lehrer, Christopher begeisterte sich schon als kleiner Junge für Wein. Als er eines Tages ein seltsames selbst gebasteltes Ding an seinen Kindertraktor montierte, das er mit Feuereifer zu einem Laubschneider erklärte und gekonnt durch die Büsche bugsierte, war die Sache für die Eltern geritzt.

Vater Loewen musste sich da noch ein paar Jahrzehnte gedulden, bis er die Verantwortung für Keller und Weinberg mit seinem Sohn teilen konnte. Heute könnte man meinen, dass er auf ihre gemeinsame Zukunft regelrecht hingearbeitet hat. Aber das ist leichter gesagt als getan – denn wer weiß schon, was die Zukunft tatsächlich bringt. Seinem Faible für Weinberge mit verblassendem Weltruf und alten Reben blieb er jedenfalls treu, was seinem Sohn während dieser Zeit nicht verborgen geblieben sein dürfte. Im Dorf galt Loewen nicht selten als der »Spinner«, wenn er mal wieder eine Parzelle er­gatterte, die gemeinhin für unwirtschaftlich gehalten wurde. Loewen war von ihrem Potenzial für große Weine überzeugt, seine Kollegen von ihrer Unrentabilität.

Die Steilhänge der Mittelmosel sind das Biotop von Familie Loewen.
Die Steilhänge der Mittelmosel sind das Biotop von Familie Loewen.

© Andreas Durst

Revival der Holzkorbpresse

Vor 100 Jahren genossen solche Lagen weltweit einen exzellenten Ruf. Dass sie heute an diese glorreichen Zeiten anknüpfen, ist Winzern wie Karl Josef Loewen zu verdanken. Er erkannte die Güte dieser Weinberge nicht allein an den verschiedenen Schiefer­formationen oder Neigungen der Weinberge, sondern auch in der Genetik der Reben. Kam es aufgrund von Flurbereinigungen zu Rodungen, gab er schützenswertes Pflanzenmaterial in die Rebschule und ließ es dort vermehren und aufpfropfen. So entstand schon 1992 sein Riesling »Varidor«. Die Begeisterung für Wein musste Loewen bei seinem Sohn nie schüren, sie kam von selbst, war selbstverständlicher Teil der Familie und wurde geflissentlich übersehen. Damit war es endgültig vorbei, als Christopher sein Weinbaustudium in Geisenheim mit einer Bachelor-Arbeit über die Weinbereitung vor 100 Jahren zu einem erfolgreichen Ende brachte. 2012 setzten Vater und Sohn das Thesenpapier in die Tat um. Dass die Reben aus dem Maximiner Herrenberg zur Quelle dieses Weins wurden, war ein elementarer Aspekt bei der Re­­konstruk­tion dieses Weins und sicherlich auch Genugtuung für den weitsichtigen Vater.

Während Karl Josef Loewen seinen Riesling weiterhin nach seinen Erkenntnissen und mit moderater Technik bereitete, klaubte sein Sohn eine uralte Holzkorbpresse hervor und verschollen geglaubtes Weinwissen zusammen. Die Trauben beließ er nach der Lese über Nacht in einem Bottich im Weinberg. Der Vater brachte sie noch am gleichen Tag in den Keller, wo sie entrappt und mit einer pneumatischen Presse aus dem 21. Jahrhundert schonend gepresst wurden, wie es heute gerne heißt. Einen Tag später gab Christopher einmal vollen Druck auf die antike Korbkelter und ließ den ­Maischekuchen 24 Stunden lang ausbluten. Beide Weine wurden spontan vergoren, wie es bei Loewen ohnehin üblich ist. »Wir waren beide gespannt, ob sich überhaupt geschmackliche Unterschiede feststellen lassen würden«, sagt Christopher Loewen. Um eine Erfahrung reicher und zwei sehr ähnliche Weine im Keller, diesen Ausgang habe er damals nicht für unmöglich gehalten.

Es kam anders, weil die Weine völlig anders, doch beide delikat gerieten. Der eine aus der konkreten Gegenwart, der andere eine Möglichkeit aus der Vergangenheit: Klarheit versus Mystik. 2015 wiederholten sie dieses Projekt nun bereits zum vierten Mal. Der Retro-Riesling mit dem Namen »1896« muss mittlerweile streng zugeteilt werden, so gefragt ist er. Man darf sich das einmal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen: Erzeugt mit scheinbar überholten Erkenntnissen und uralten Gerätschaften, kostet dieser Wein rund 40 Euro ab Hof, und kein Weinliebhaber zuckt beim Kauf mit der Wimper dabei. Auch so gewinnt man den Erfolg der Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Und das ist noch lange nicht alles. Herzlichen Glückwunsch zur Kollektion des Jahres.

Aus dem Falstaff-Magazin 8/2016

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