Was bringt Smart Living?

Expertenrunde: Eugen Otto, Silja Tillner und Oona Horx-Strathern sprechen über Licht und Schatten eines durchtechnisierten Haushalts. (V. l. n. r.)

© Lukas Ilgner

Expertenrunde: Eugen Otto, Silja Tillner und Oona Horx-Strathern sprechen über Licht und Schatten eines durchtechnisierten Haushalts. (V. l. n. r.)

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Ein kritischer Round Table mit drei Wohnexperten, der vielleicht zeigt, dass wir uns am Ende ja doch nur nach einem analogen Leben mit menschlichen Kontakten sehnen. 

LIVING: Wie smart ist denn der Raum, in dem wir uns gerade befinden?
Eugen Otto: Sehr smart! Das ist ein klassischer Altbau mit hohen Räumen, alten Kastenfenstern, robustem Fischgrät-Parkettboden und einer so intelligenten Bauweise, dass man auch im heißesten Sommer keine Klimaanlage braucht.

In den letzten Jahren hat sich der Smart-Begriff stark gewandelt. Heute verbindet man damit vor allem Hightech, mediale Vernetzung und diverse Energiesparmaß-nahmen. Welche Smartness nutzen Sie denn in Ihrem eigenen Leben?  
Oona Horx-Strathern: Mein smartes Highlight sind unsere beiden Elektroautos. Wir haben einen BMW i3 und einen Tesla, die wir beide zu einem großen Teil aus unserer eigenen Fotovoltaikanlage speisen, die wir zu Hause haben. 
Otto: Ich nutze meinen Fingerprint als Schlüssel. Und bei unseren britischen Partnern Knight Frank in London kann man die transparenten Glaswände in den Meeting-Räumen auf Knopfdruck verschleiern und undurchsichtig machen. Ich finde diese Technologie genial.
Silja Tillner: Das Smarteste, das ich je gesehen habe, ist ein drehbares Solarhaus aus den Neunzigerjahren – und zwar das »Heliotrop« von Architekt Rolf Disch in ­Freiburg im Breisgau, das sich um die eigene Achse dreht und auf diese Weise dem Sonnenverlauf folgen kann. Die Idee ist mehr als 20 Jahre alt und immer noch verblüffend gut.

Eugen Otto: »Neue Technologien sind nicht nur das Resultat männlicher Fantasie, sondern auch Ausdruck einer Sehnsucht nach einem leichteren, bequemeren Leben.«

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Das sind alles ziemlich kostspielige Angelegenheiten, die sich Otto Normal­verbraucher kaum leisten kann. Warum ist das Thema dennoch so präsent? 
Horx: Wir haben immer schon danach getrachtet, uns zu entwickeln und das Leben neu zu entdecken und neu zu erfinden. Manche dieser materiellen und technischen Entwicklungen erweisen sich als sinnvoll, tragen Früchte und werden weiterentwickelt und somit auch billiger. Andere stellen sich als Sackgasse heraus.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen? 
Horx: Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist die Neuerfindung der Küche in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Neue, moderne Geräte kamen auf den Markt, und zwar mit dem Fokus, das Leben im Haushalt zu erleichtern und die Hausfrau zu befreien: Herde, Backöfen, Bügelmaschinen … Im Rückblick stellte sich jedoch heraus, dass diese Neuerfindungen von Männern ausgegangen sind und die Frauen nicht befreit, sondern – ganz im Gegenteil – noch mehr an die Küche gebunden haben als je zuvor. Sie haben den Alltag eher komplizierter als einfacher gemacht. Etwas Ähnliches wiederholt sich heute im Smart Home, das ein Spielzeug für Männer zu sein scheint, die selten zu Hause sind. Auch heute noch sind die meisten Technologien reine Männerfantasie. Ich sage immer »Digital Viagra« dazu. 

Herr Otto, wie geht es Ihnen mit dieser Zuschreibung?
Otto: Ich finde den Begriff »Digital Viagra« originell. Ich kann dem zu 70 Prozent zustimmen. Aber eben nur zu 70 Prozent. Zu 30 Prozent sind die neuen Technologien nicht das Resultat männlicher Fantasie, sondern wirklich Ausdruck einer Sehnsucht nach einem leichteren, bequemeren Leben. 
Tillner: Man muss sich vor Augen halten, dass technologische Erfindungen und Entwicklungen auch in der Vergangenheit stets an die Vision geknüpft waren, das Wohnen und das Zusammenleben in der Stadt zu ­optimieren – ob das nun die städtebaulichen Visionen eines Frank Lloyd Wright oder ­utopische Infrastruktur- und Mobilitäts­systeme von Archigram, Cedric Price oder ­Buckminster Fuller sind. Besonders faszinierend finde ich den amerikanischen Science-Fiction-Autor William Gibson, der schon in den Siebzigerjahren große Innovationen der heutigen Zeit vorweggenommen hat. In seinen Büchern geht es um Iriserkennung, Fingerprints, digitale Kommunikation, selbst fahrende Autos, aber auch um scheinbar einfache Errungenschaften wie etwa Fahrrad­botendienste und radikale Transformationen des öffentlichen Raums. 

Silja Tillner: »Es ist erschreckend, wie wenig Bildung und Aufklärung in Zusammenhang mit neuen Technologien betrieben wird.«

© Lukas Ilgner

Sie haben einige Jahre als Stadtplanerin in Kalifornien gelebt. Der Westen der USA gilt als eine der Brutstätten neuer Technologien. 
Tillner: Ich habe in Los Angeles gelebt, und damals war das in Planung, was heute Realität ist. Zum Beispiel Apps, die einen mit einer Nachricht auf das Smartphone über einen Stau und Vorschlägen zu alternativen Fahrrouten informieren. Man bekam auch kon­krete ­Empfehlungen, auf welche öffentlichen ­Verkehrsmittel man umsteigen sollte, um schnellstmöglich an sein Ziel zu gelangen. Außerdem wurden gerade Apps für Fahrgemeinschaften entwickelt. Das ist wirklich smart! Gerade in der Großstadt können smarte Technologien auf diese Weise zu einem klimatisch, ökologisch und auch volkswirtschaftlich besseren Zusammenleben führen. 

Damit sind wir jetzt am Kern angelangt. Smart Living hat vor allem mit der Ver­netzung unterschiedlicher Systeme zu tun. Warum ist genau davon so selten die Rede? 
Tillner: Das hat einen ganz einfachen Grund: Kühlschränke, die selbst Milch nachbestellen, Kaffeemaschinen, die man via App einschaltet, und Alarmanlagen, die man aus Australien aktivieren und deaktivieren kann, lassen sich viel besser verkaufen. Auf solche Gimmicks springen die Medien und letztendlich auch die Menschen viel besser auf als auf seriöse Ansätze zu Smart Grids und Energie- und Ressourcenschonung. 

Und wie ist das in der Immobilienwirtschaft? 
Otto: Nachgefragt wird vieles. Allerdings geht es in der Immobilienwirtschaft weniger um Smart Grids, sondern in erster Linie um Wohnkomfort und Sicherheit – um neue Fern­seh­technologien, um romantische Lichtstimmung auf Knopfdruck, um Schuhschränke, die sich per Fernbedienung aus dem Boden aufklappen lassen. Vor allem im Luxus­bereich verkommen viele Smart-­Living-Ansätze zu popanz- und parvenühaften Verirrungen. Habe ich alles schon erlebt. 

Und wie viel davon ist sinnvoll? 
Otto: Einiges, aber nicht alles. Solche ­Details und Spielereien machen ein Projekt im Wiederverkaufswert – aber auch in der eigenen emotionalen Bindung – deutlich ­attraktiver. Und daher verkaufen sich viele Smart-Living-Ansätze im gehobenen Segment sehr gut. So nachgefragt diese Technologien aber auch sind, dienen sie letzten Endes in erster Linie dem Status, denn wirklich genutzt werden sie kaum. 

Und gibt es einen Unterschied zwischen Altbau und Neubau? 
Otto: Einen sehr großen sogar. Im Altbau sind die Käufer viel eher zu Kompromissen bereit. Man schätzt die Bausubstanz und versteht, dass in einem historischen Haus nicht alles möglich und nicht alles sinnvoll ist. Im Neubau hingegen ist die Kompromissbereitschaft eher gering. Je smarter, desto besser. 

Oona Horx-Strathern: »Die große Herausforderung für die Zukunft ist es, die richtige Balance zwischen digitalem und analogem Leben zu finden.«

© Lukas Ilgner

Frau Horx, Sie forschen viel zum Thema und haben dazu das Buch »Wir bauen ein Zukunftshaus« geschrieben. Ist das so? 
Horx: Und wie! Wissen Sie, wir sehen uns selbst als Versuchskaninchen. Wenn wir zum Thema Zukunft forschen, müssen wir auch bereit sein, Experimente zu machen und in Experimenten zu leben. Viele davon haben sich als Fehlentwicklung herausgestellt. 

Sie haben Ihrer Katze vor einigen Jahren einen Chip unter die Haut implantieren lassen, damit sie durch die Katzentüre ins Haus gelangen kann. Was ist daraus geworden? 
Horx: Das hat gut funktioniert, allerdings hat unser Hund sie eines Tages davongejagt. Jetzt haben wir zwar eine intelligente Katzentür, aber keine Katze. Ich habe schon seit langer Zeit die Idee, mir selbst einen solchen Chip implantieren zu lassen, damit ich in meiner Handtasche nicht ewig nach dem Hausschlüssel kramen muss. Allerdings habe ich noch keinen Arzt gefunden, der sich bereit erklärt hat, das zu machen. 
Tillner: Eine tolle Idee! 

Nach all diesen Sehnsüchten und Verirrungen: Wo sehen Sie die größte Gefahr für die Zukunft?
Horx: Sie sehen ja selbst, dass auch ich ein kurioses Bedürfnis nach bizarren Zukunftstechnologien habe. So wie viele andere Menschen auch. Die große Gefahr ist, dass die neuen Technologien zu sehr in unser Leben eingreifen und mehr und mehr zur Prothese unseres eigenen Körpers werden. 
Otto: Die größte Gefahr sehe ich in Big Brother, der uns auch regieren möchte. Das will ich nicht. 
Tillner: Ich finde es erschreckend, wie wenig Bildung und Aufklärung in Zusammenhang mit den neuen Technologien betrieben wird. Da entstehen riesige Gaps und Defizite, die uns noch Generationen begleiten werden, wenn nicht mehr objektiv informiert wird.

Und die größte Chance und Herausforderung? 
Tillner: Durch die neuen Technologien verändert sich unser Leben, weil plötzlich das entlegenste Bergdorf ins Zentrum der Welt rücken kann. Das sind enorme Chancen. Und ich bin davon überzeugt, dass uns im Bereich von Architektur und Stadtplanung eine technologische und energetische Revolution bevorsteht. 
Horx: Die große Herausforderung für die Zukunft ist es, die richtige Balance zwischen digitalem und analogem Leben zu finden – zwischen Online- und Offline-Leben. Wir wollen ja keine Beziehung zu Geräten. Wir wollen Beziehungen zu Menschen. 
Otto: Es braucht mehr Dialog – und zwar Dialog zwischen Architektur, Stadtplanung, Soziologie, Forschung, Technologie und Immobilienwirtschaft. Mein Wunsch ist, dass wir uns einmal im Monat an einen Round Table setzen und gemeinsam über die Zukunft diskutieren. Am Ende dieses Gesprächs merke ich, dass ich diesen interdisziplinären Dialog in meinem beruflichen Alltag vermisse. Können wir so etwas ins Leben rufen? 

Die Living-Salon-Gesprächspartner

Silja Tillner, 1960 in Wien geboren, studierte Architektur, unterrichtete in Innsbruck, Mailand und Texas und arbeitete vier Jahre lang als Architektin und Stadtplanerin in Los Angeles. Seit 1995 lebt und arbeitet sie in Wien. Gemeinsam mit ihrem Partner Alfred Willinger führt sie das Architekturbüro Tillner & Willinger. Erst kürzlich stellte sie die Wiental-Terrasse über der U4-Strecke fertig. 

Oona Horx-Strathern, 1963 in Dublin geboren, ist Journalistin, Autorin und Zukunfts-forscherin. Gemeinsam mit ihrem Mann Matthias Horx betreibt sie das Zukunftsinstitut mit rund 35 Mitarbeitern.
Sie selbst wohnt im sogenannten Future Evolution House und schrieb zu diesem Thema das Buch »Wir bauen ein Zukunftshaus. Ein Familiendrama in drei Akten«. 

Eugen Otto, 1962 in Wien geboren, ist Jurist und geschäftsführender Eigentümer der Otto Immobilien Gruppe. Das 1956 gegründete Familienunternehmen ist auf Verwaltung, Bewertung sowie Verkauf und Vermietung von Wohn- und Gewerbeimmobilien spezialisiert. Otto ist Österreich-Präsident der FIABCI, des Internationalen Verbands der Immobilienberufe, mit Sitz in Paris.

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