Waadtländer Naturparks: Into the Wild

Malerische Kulisse: der Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut mit dem Berg Dent de Ruth im Hintergrund.

© swiss-image.ch | Marcus Gyger

Malerische Kulisse: der Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut mit dem Berg Dent de Ruth im Hintergrund.

© swiss-image.ch | Marcus Gyger

Das Waadland glänzt nicht nur mit kulinarischen Höhenflügen, sondern auch mit unberührter Natur und historischen Stätten, welche die Herzen der Natur- und Geschichtsliebhaber höherschlagen lassen. Nördlich von Nyon erstreckt sich der Parc Jura vaudois, ein 530,6 Quadratkilometer großer Naturpark. Der Park umfasst den breiten Höhenrücken der vordersten Jurakette und liegt im Mittel auf 1300 bis 1400 Metern über Meer. Die Natur- und Kulturlandschaft geht hier auf das Mittelalter zurück, als die Bewohner der Region verschiedene Waldabschnitte rodeten und die Rodungsflächen anschließend in Sommerweiden für das Vieh verwandelten. So entstand durch Menschenhand ein einzigartiges Nebeneinander von ausgedehnten Wäldern und Bergweiden.

Ab dem 12. Jahrhundert waren die Klöster von Oujon, Bonmont und Saint-Claude federführend bei diesem Prozess. Auf den Höhen wurden verschiedene Sennenhöfe errichtet, in denen Käse hergestellt wurde. Heute werden die Weiden immer noch extensiv genutzt, und auch die Waldwirtschaft hat eine gewisse Bedeutung. Zum Naturpark wurde die Region erst auf Initiative des Geologen Daniel Aubert. Er war es, der im Jahr 1971 die Einrichtung von Skianlagen, wie sie damals auf französischer Seite am Noirmont errichtet wurden, unterbinden wollte. Mit Erfolg, denn im Jahr 1973 wurde auf seine Bestrebungen hin ein Vertrag unterzeichnet, der das Parkgebiet mit seinen ausgedehnten Wäldern und Bergweiden unter Schutz stellte.

Rückzugsort für gefährdete Arten

Heute prägen ausgedehnte Fichtenwälder sowie Hochjuraweiden die Szenerie. Typisch für Letztere sind die Trockenmauern, die hauptsächlich im 19. und 20. Jahrhundert errichtet wurden. Ursprünglich waren sie dafür gedacht, die Viehweiden einzuzäunen, später wurde damit der Grundbesitz eingezeichnet. Heute stellen sie optimale Lebensräume für Reptilien und Insekten dar. Während des Sommerhalbjahres gedeihen auf den Wiesen geschützte Pflanzen wie Orchideen, Goldregen, Alpenbalsam und der seltene Moor-Steinbrech – der Park ist der einzige noch bekannte Schweizer Standort der gefährdeten Art. Es lohnt sich also, als Besucher die Augen offen zu halten. Tierliebhaber entdecken mit ein wenig Glück Gämsen, Hirsche, Wildschweine und sogar Luchse. Auch Vipern und die seltene Kreuzotter sind hier zu finden. Wer ohne Adleraugen haben zu müssen aus dem Vollen schöpfen möchte, kann dem am Rande des Naturparks gelegenen Tierpark La Garenne einen Besuch abstatten.

Hier lassen sich auf rund drei Hektaren Wölfe und Luchse beobachten, genauso wie Füchse, Bartgeier und viele andere Tiere. Eröffnet wurde der Park im Ort Le Vaud im Jahr 1965. Im Bedarfsfall werden hier auch Wildtiere gepflegt, zudem unterstützt man geschützte Arten bei der Fortpflanzung. Mehrere Picknickbereiche sowie ein Restaurant mit Terrasse laden ein, den ganzen Tag hier zu verbringen. Ganz in der Nähe, im Taleinschnitt des Col de la Givrine, östlich des markanten Juragipfels La Dôle, liegt das Dorf Saint-Cergue. Durch die Lage hoch über dem Genfersee lässt sich von hier aus ein großartiger Blick auf die Alpenkette bis hin zum Mont Blanc genießen. Die ruhige Juralandschaft und die ätherisch geschwängerte Luft der weiten Wälder sind die Hauptanziehungspunkte des Ferienorts. Das Juradorf entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kurort, der 1919 mit dem Bahnbau seinen Höhepunkt erreichte. Heute noch führt die schmalspurige Eisenbahnlinie vom Genferseeufer in Nyon in zahllosen Kehren und über 20 Kilometer hinauf nach Saint-Cergue und weiter über den Col de Givrine bis zum Schweizer Grenzort La Cure.

Der Parc Jura vaudois ist ein perfektes Ziel für einen Tagesausflug – neben der Tier- und Pflanzenwelt geizt auch das Waadtland hier mit kulinarischen Höhepunkten nicht. Das Vallée de Joux – die Heimat der Weichkäsespezilität Vacherin Mont-d’Or – befindet sich beispielsweise hier. Am Lac de Joux – einem fischreichen See im selben Tal – locken altehrwürdige Wirtshäuser mit frischem Fisch und allerlei anderen regionalen Köstlichkeiten.

Essbare Natur

Der zweite Waadtländer Hotspot für Naturliebhaber ist der Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut. Dieser liegt zwischen dem Ufer des Genfersees, dem Greyerzerland und dem Saanenland in den Kantonen Waadt und Freiburg. Die charakteristische Voralpen-Landschaft mit Talebenen, Alpwiesen, Waldgebieten und Weiden ist auch hier Zeuge vom jahrhundertelangen Wirken der einheimischen Bevölkerung.

Besonders interessant für Gourmets: Der Naturpark ist die Wiege der traditionsreichen Käseproduktion des Waadtländer L’Etivaz, einem traditionellen Alpkäse. Wertvolle Naturschutzgebiete wie das Tal von L’Etivaz bilden die Kernzone des Naturparks und sind beliebte Ausflugsziele. Einen Blick in die Vergangenheit der Region bieten die historischen Gebäude der Dörfer, die schindelbedeckten Alpställe genauso wie das »Grand Chalet« in Rossinière, unweit der Orte Gstaad und Château d’Œx. Das »größte Holzhaus der Schweiz« wurde zwischen 1752 und 1756 vom Zimmermeister Joseph Geneyne erbaut. Das Gebäude, zunächst »Grande Maison« genannt, verfügt über eine Grundfläche von 500 Quadratmetern, fünf Stockwerke und 113 Fenster. Die Fassade ist reich dekoriert und enthält eine mit rund 2800 Buchstaben gemalte Widmung. Im Jahr 1976 erwarb der Maler Balthasar Klossowski de Rola, bekannt als Balthus, das Haus und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 2001.

Unweit des »Grand Chalet« wird der Naturpark Gruyère Pays-d’Enhaut auch kulinarisch erlebbar. Chefkoch Patrick Gazeau verarbeitet in seinem »Les Jardins de la Tour« mit Vorlieben lokale Produkte. Schon vor einigen Jahren begann er, lokal gewachsene, selbst gesammelte Beeren in seinen Gerichten zu verwenden, mit der Zeit kamen Kräuter und Blüten dazu. Auch wenn Gazeau bekannt ist für seine Fischgerichte, so sind die Bergpflanzen und ihr frischer Geschmack auf dem besten Weg, die Hauptakteure auf seinen Tellern zu werden.

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