Verena Konrad im exklusivem LIVING-Gespräch über die Architekturbiennale

»Man kann die Spiegelfläche entweder als Kuppel lesen oder aber als oberste Kappe einer ziemlich großen Kugel, auf der wir uns gerade befinden.« Beitrag von LAAC Architekten im Garten des Österreich-Pavillons. 

© Martin Mischkulnig

»Man kann die Spiegelfläche entweder als Kuppel lesen oder aber als oberste Kappe einer ziemlich großen Kugel, auf der wir uns gerade befinden.« Beitrag von LAAC Architekten im Garten des Österreich-Pavillons. 

© Martin Mischkulnig

LIVING: Soeben hat die Architekturbiennale in Venedig ihre Pforten geöffnet. Mit welchem Eindruck sind Sie vom Eröffnungswochenende zurückgekommen? 
Verena Konrad: Die Biennale ist immer ein Ort der Vielfalt. Ich bin daher voll mit Eindrücken, diesmal nicht nur in Bezug auf die Präsentationen selbst, sondern auch im Hinblick auf viele neue Kontakte. Hinzu kommt natürlich unsere eigene Arbeit im Josef-Hoffmann-Pavillon. Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus Inspiration und offenen Fragen, aus Zufriedenheit und Erschöpfung. 

Wie haben Sie als Kommissärin auf das diesjährige Generalmotto »Freespace« reagiert? 
Die Biennale ist eine Plattform, die die Chance bietet, Architektur als kulturelles und zivilgesellschaftliches Moment in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir wollten den Begriff des Freespace als einen Freiraum im Denken thematisieren. Es gibt nicht die eine Wahrheit, denn der Freiraum ist immer auch ein Raum, in dem verschiedene Zugänge koexistieren – eben nicht nur einer. Ich habe mich als Kommissärin daher dazu entschieden, drei sehr unterschiedliche Positionen einzuladen, die quasi stellvertretend für die Vielfalt stehen. 

Wie ist die Auswahl von Henke Schreieck, LAAC und Sagmeister & Walsh zustande gekommen? 
Ich habe drei Teams gewählt, die sehr unterschiedliche Zugänge zu Architektur haben, die sich methodisch voneinander unterscheiden und die auch mit verschiedenen Medien arbeiten. Nicht zuletzt sind es drei Teams, die unterschiedliche Generationen repräsentieren und in denen Männer und Frauen eine sehr gleichwertige Rolle in Leitungsfunktionen haben. Und das Allerwichtigste: Alle drei Teams sind es in ihrer Praxis gewohnt, kooperativ und interdisziplinär zu arbeiten, Kon-traste auszuhalten und mit ihnen produktiv umzugehen.

»Wir wollten den Begriff des Freespace als einen Freiraum im Denken darstellen. Es gibt nicht die eine Wahrheit, denn der Freiraum ist immer auch ein Raum, in dem verschiedene Zugänge koexistieren.« Verena Konrad Österreich-Kommissärin, Biennale 2018

Verena Konrad, geboren 1979 in Oberösterreich, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Theologie in Innsbruck und ist heute als Kuratorin, Theoretikerin und Kulturmanagerin tätig. Zu Beginn arbeitete sie an der Kunstuniversität Linz sowie in der Kunsthalle im Wiener Museums-quartier. Seit 2013 ist sie Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts vai in Dornbirn. Als Kommissärin des Österreich-Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig hat sie den diesjährigen Beitrag »Thoughts Form Matter« konzipiert.

© Martin Mischkulnig

Sie haben drei Rauminstallationen ineinanderfließen lassen. Welche Kontraste und Überschneidungen ergeben sich dadurch? 
Die drei gestaltenden Teams haben drei eigenständige Arbeiten realisiert, die sich räumlich und inhaltlich überlagern. Henke Schreieck haben eine begehbare Holzskulptur errichtet. Der Raum erschließt sich in der Bewegung, im Erklimmen der einzelnen Plattformen. Die Sphäre von LAAC wiederum bricht die strenge Symmetrie des Josef-Hoffmann-Pavillons, indem sie den Mittelpunkt verschiebt, die eigene Bewegung bewusst erleben lässt und durch ihre Spiegelung alle natürlichen und kulturellen Einflüsse verzerrt visuell wiedergibt. Freiraum im Denken ist hier der Widerstand gegen die Norm, gegen das Absolute. Spannend finde ich im Gegensatz dazu, wie die Materialien, die bei Sagmeister & Walsh zu sehen sind, in der Realität eigentlich gar nicht existieren. Sie zeigen, wie sehr unser Denken mit Imagination verbunden ist und wie sehr dieses Imaginierte unsere Erwartungshaltung im Alltag beeinflusst. Natürlich war diese Kombination bis zu einem gewissen Grad auch ein Experiment. 

Wenn wir Österreich verlassen: Welche Trends und Tendenzen haben Sie auf der Biennale heuer beobachtet? 
Die Frage nach den Trends muss ich unbeantwortet lassen. Die Architekturbiennale in Venedig ist keine Produktmesse, auf der aktuelle Trends dargestellt werden. Paolo Baratta, der Präsident der Biennale, formuliert es als den kulturellen Anspruch, den wir mit Architektur verbinden. Dieser Anspruch besteht für uns auch darin, die sonst übliche, rein ökonomische Herangehensweise an das Bauen kritisch zu beleuchten.

Dann lassen Sie mich anders fragen: Gibt es Tendenzen in der künstlerischen Herangehensweise, die Sie beobachtet haben? 
Eine zentrale Aussage, aus der man thematische Tendenzen herauslesen könnte, zieht sich meiner Beobachtung nach nicht durch. Was ich allerdings beobachtet habe, ist eine gewisse Rückbesinnung auf die Qualitäten des Raums an sich. Das ästhetische, poetische und auch emotionale Moment dieser Biennale ist zum Teil stark kritisiert worden. Ich sehe Poesie und Kritik aber nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Erst eine tiefe Innensicht ermöglicht Urteilsbildung. Solange dieser poetische Blick die Realität nicht verstellt und verklärt, halte ich ihn für eine Stärke.

Gibt es geografische, kulturelle oder religiöse Unterschiede in der Interpretation des freien Raums? 
Geografische, kulturelle und religiöse Unterschiede existieren überall auf der Welt. Zu jeder Biennale tappen wir – vermutlich aufgrund der Präsenz der Länderpavillons – in diese Falle. Der Versuch, das Denken national zu verankern, ist sehr problematisch. Natürlich gibt es Bezüge, die lokal sind, Projekte, die einen Ort haben. Letztendlich darf man aber nicht vergessen, dass die Diskussion über Architektur in einem globalen, längst schon stark miteinander vernetzten Raum stattfindet. 

Für seinen Beitrag »Svizzera 240: House Tour« wurde der Schweizer Pavillon mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. 
Die Schweiz hat einen spannenden Beitrag geliefert, der anhand einer humorvollen Inszenierung den Umgang mit Baustandards anspricht. Ich finde den Pavillon sehr gelungen, weil er die Besucherinnen und Besucher direkt anspricht und zur Diskussion anregt. Allerdings finde ich die Preisverleihung, die einen gewissen Wettbewerb erzeugt, für das Anliegen der Biennale eher kontraproduktiv. Es sind so unterschiedliche Beiträge, die auch aus ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen heraus entstehen. Warum sollte man das vergleichen? 

Welche Pavillons haben Sie besonders beeindruckt? 
Lassen Sie mich kurz überlegen … Unter den Pavillons würde ich sagen: Israel. Bei den Einzelpositionen hat mich der Beitrag von Anna Heringer sehr beeindruckt. 

Inwiefern? 
Der Beitrag der israelischen Kollegen hat den Titel »In Statu Quo: Structures of Negotiation«. Auch hier geht es um Koexistenz, allerdings um die Koexistenz von Religionen sowie den politischen Umgang mit den heiligen Stätten. Der Beitrag ist informativ, gut inszeniert und schafft eindrückliche Bilder für das eigentlich Nicht-Sichtbare. 

Sie haben auch die Arbeit von Anna Heringer angesprochen …
Anna Heringer hat eine kleine, aber wirkungsvolle Installation im Arsenale gemacht: »This is not a shirt. This is a playground« zeigt, wie sich die Menschen in ihren Dörfern in Bangladesch eine eigene Existenzgrundlage aufbauen und von ihrer eigenen Erwerbstätigkeit leben können, indem sie Textilien bearbeiten, eine Schneiderei aufbauen und die Wertschöpfungskette im Ort belassen – anstatt in die Großstadt zu ziehen und ihre Ressourcen an die globale Textilindustrie zu verschenken. Ihre Arbeit ist zugleich auch ein Crowdfunding-Projekt, um das Projekt in Bangladesch zu unterstützen. Ich habe schon ein »Didi-Shirt« zu Hause. 

Was nehmen Sie persönlich von dieser Biennale mit? 
Sehr viel! Die Biennale ist ein Ort, an dem man seine eigene Haltung, seine Ansichten auf Aktualität überprüfen und sehen kann, wie andere mit drängenden Fragen der Zeit umgehen. Gerade in Zeiten, da das Bauen vor allem Moden, Trends und ökonomisch funktionalen Kriterien unterworfen ist, finde ich diese Rückbesinnung auf das eigene Tun und Wirken sehr wichtig. Das betrifft nicht nur Architektinnen und Architekten in ihrer Profession. Diese intellektuelle Rückversicherung ist wichtig für alle Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen. 

Der erste Stress ist überstanden. Wie geht es weiter? 
Für mich hat die Biennale soeben begonnen. Wir haben unseren Beitrag für die Besucherinnen und Besucher gemacht. Ich werde regelmäßig für Ausstellungsgespräche nach Venedig fahren. Außerdem zeigen wir im Vorarlberger Architektur Institut vai bis 6. Oktober die Ausstellung »Making of«, in der wir einen Blick hinter die Kulissen der Biennale werfen. 

»Thoughts Form Matter« im Österreich-Pavillon

© Darko Todorovic

Der österreichische Pavillon wird auch heuer wieder – eine fast schon rot-weiß-rote Tradition in Venedig – von drei interdisziplinären Teams bespielt. Kommissarin Verena Konrad entschied sich für das Wiener Büro Henke Schreieck Architekten (OMV Headquarter, Erste Campus), für die Innsbrucker LAAC Architekten (Landhausplatz Innsbruck, Copa Cagrana Wien) sowie für das New Yorker Grafikdesign- und Medienstudio Sagmeister & Walsh. Henke Schreieck haben eine begehbare Holzskulptur errichtet, von deren Spitze man einen Blick auf die Nachbarpavillons in den Giardini erhaschen kann. Ergänzt wird die Installation von einem Lichtatrium aus japanischem Papier (in Zusammenarbeit mit Anna Rubin). LAAC hat eine kreisrunde, gewölbte Bodenskulptur in den Pavillon eingeschrieben. Die verspiegelte Fläche schafft nicht nur visuelle, sondern auch kinästhetische Irritationen im Begehen. »Man kann die Spiegelfläche entweder als Kuppel lesen oder aber als oberste Kappe einer ziemlich großen Kugel, auf der wir uns gerade befinden«, sagen die beiden LAAC-Architekten Kathrin Aste und Frank Ludin. »Es ist eine fiktive Kugel mit einem Durchmesser von 256 Metern, also ein Modell der Erde im Maßstab 1:50.000.« Und Stefan Sagmeister und Jessica Walsh haben zwei abgedunkelte Räume mit Video- und Sound-Installationen bespielt. Die Architekturbiennale in Venedig ist noch bis 26. 11. 2018 zu sehen.

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