Vandermeulen - Traum und Legende

Vandermeulen hat Weine u.a. aus dem Bordeaux abgefüllt.

Weinberge Bordeaux © Shutterstock

Vandermeulen hat Weine u.a. aus dem Bordeaux abgefüllt.

Vandermeulen hat Weine u.a. aus dem Bordeaux abgefüllt.

Weinberge Bordeaux © Shutterstock

http://www.falstaff.de/nd/vandermeulen-traum-und-legende/ Vandermeulen - Traum und Legende Das Unternehmen Vandermeulen ist längst erloschen, doch seine Flaschen kreisen noch immer in der Welt der Liebhaber. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/e/4/csm_Bordeaux-Vandermeulen-c-shutterstock_f95b508145.jpg

Man muss sich die Brüder Vandermeulen als glückliche Menschen vorstellen: Sie hatten Zugang zu den Fasskellern der besten Bordeaux-Châteaux und Burgunder-Domänen. Dort, wo der Grand Vin bis zur Abfüllung in Barriques reifte, sollen sie – so die Legende – Jahr um Jahr Fass für Fass probiert und sich die besten Gebinde ausgesucht haben.
 
In der alten Welt des Bordeaux-Weinhandels spielten Händler, Négociants, die wichtigste Rolle als Abfüller. Der Schlossabzug war noch die Ausnahme, die Négociant-Abfüllung die Regel. Die Châteaux und Domänen der damaligen Zeit konzentrierten sich vor allem auf die weinbauliche Arbeit und überließen die Vermarktung dem Handel. Es gab auch gute französische und englische Négociants, doch Primus inter Pares war J. Vandermeulen Decanniere: Zwei Brüder sollen es gewesen sein, der eine Kaufmann, der andere Kellermeister. In Ostende in Westflandern an der Nordsee füllten sie einige der größten Weine der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab, so etwa den 1921er Château d’Yquem, den 1947er Château Cheval Blanc oder den 1947er Château Pétrus.

Flasche und Etikett

Die Fässer wurden nach dem Kauf direkt nach Ostende geschafft, dort reiften die Weine noch weiter, oft länger, als es in den Châteaux üblich war – je nach Jahrgang drei bis fünf Jahre. Vandermeulen hatte Zeit und Geld. Die Weine wurden in verschiedenfarbige Bordeaux- und Burgunderflaschen gefüllt und erstklassig verkorkt. Die Gestaltung der Etiketten war indes von nüchterner Strenge: Sie zeigten das immer gleiche, farblich oft der jeweiligen Weinart angeglichene Logo mit dem Wappen der Stadt Ostende, umringt vom Schriftzug der Firma J. Vandermeulen Decanniere und einer dezenten Goldrahmung. Das war auch pragmatisch gedacht, denn so ließen sich die Etiketten für mehrere Jahre verwenden. Der jeweilige Jahrgang wurde mit blauer Farbe meist in die untere linke Ecke auf das Etikett gestempelt.

Château Cheval Blanc

Foto beigestellt

Ansonsten reichte eine sparsame Beschriftung mit dem Namen einer berühmten Lage oder eines Château. Das genügte als Verkaufsargument. Etwa sechs Jahrzehnte lang, wohl bis zum Jahrgang 1955, war Vandermeulen aktiv. Wie viel Wein das Unternehmen von einem bestimmten Jahrgang abfüllte, ist leider unbekannt – obwohl man davon ausgehen kann, dass die Güter Buch darüber führten, wie viele Barriques sie jeweils verkauft hatten. Doch diese schweigen sich aus – vermutlich, weil es ihnen ein Dorn im Auge ist, dass Vandermeulen die besten Fässer hatte.

Leicht zu fälschen

Fälschern öffnet das Tür und Tor, zumal sich Vandermeulen-Flaschen auch noch leichter fälschen lassen als andere, weil sie so schlicht und einheitlich sind. Eine kleine, weltweite Sammlergemeinde steht im Fokus der Fälscher, weil sie bereit ist, exorbitante Summen für einen Schluck Geschichte hinzublättern. Gewissermaßen in der Absicht, den Fluss des Vergehens und Vergessens anzuhalten und an der Aura einer historischen Ära teilzuhaben: mit Auge und Nase, Mund und Hirn.

Der Weinbau dazumals

Aber es gibt auch noch eine im Weinbau selbst begründete Faszination für authentische, gereifte Weine: Sie verkörpern eine andere Geschmackswelt, weil sie ganz anders entstanden sind als heute. Bis Ende der 1940er-Jahre wurde Wein in Frankreich weitgehend noch nach archaischen Methoden hergestellt: Der Weinbau hatte sich seit dem Mittelalter kaum verändert, die Weinberge wurden noch nicht maschinell bearbeitet, sie wurden mit Pferden gepflügt, und die Rebstöcke wurden von Hand geschnitten, gebunden, gehackt – im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Jahr für Jahr. Die Vegetation der Weinstöcke bestimmte den Lebensrhythmus der Menschen. Das Leben eines Weinbergarbeiters war hart und oft kurz. Nach der Lese wurden die Trauben mit Füßen getreten, und die Maische gärte in großen Holzbottichen, in die die Arbeiter zur Pigeage nackt einstiegen und oft bis zum Hals eintauchten, um die Maische zu bewegen. Nicht selten erstickte einer von ihnen im Kohlendioxid der Gärungsgase. Dennoch war die Weinernte für die Menschen in den Weinbaugebieten die schönste Zeit des Jahres. Der Weinbau war aus heutiger Perspektive eine entrückte, bäuerliche Welt – und die Winzer waren mit dem Wein anders, vielleicht auch demütiger und inniger verbunden.

1952 gab es zur Bestellung »kosteloos« eine Flasche 1918er Yquem obendrauf. Kein schlechter Rabatt, heute würde diese Flasche rund 2000 Euro kosten!

Vandermeulen-Jahrgänge

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die besonderen Jahrgänge rar, zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, überkommene Strukturen und eine Reihe schlechter Jahrgänge führten dazu, dass die Erntemengen drastisch zurückgingen und mit Weinbau kaum noch Geld verdient wurde. Nicht nur schlechte Jahrgänge wurden mit Weinen aus Algerien oder dem Rhônetal verschnitten. Und es dauerte Jahrzehnte, bis sich das System der kontrollierten Ursprungsbezeichnung (AOC) durchsetzen konnte. Selbst die Ikone des burgundischen Weinbaus, die Domaine de la Romanée-Conti, verkaufte Wein an Vandermeulen; sie war in diesen Jahrzehnten existenziell bedroht und konnte erst ab 1959 wieder Gewinne erzielen. Vor diesem Hintergrund wirkt es plausibel, dass seriöse Händler wie Vandermeulen Zugang zu besten Qualitäten hatten, zumal sie stets flüssig gewesen sein sollen und korrekt und pünktlich in der Bezahlung waren. Vor allem aber besaßen sie das Vertrauen der Erzeuger, weil ihre Abfüllungen hervorragend waren.

Bis heute tauchen immer wieder Vandermeulen-Abfüllungen auf, aus Jahrgängen wie 1917, 1923, 1928, 1929 und vor allem aus der Nachkriegszeit mit den Jahrhundertjahrgängen 1945, 1947, 1949 – einer Zeit, in der Weinflaschen, Korken und Etikettenpapier knapp waren. Auch Bouteillen aus den Jahrgängen 1952 und 1955 sind noch im Umlauf. Oft gibt es vom selben Wein verschiedene Abfüllungen, ohne, dass dies auf den Etiketten vermerkt wäre. Die Etiketten weisen, etwa beim Jahrgang 1947, geringe Abweichungen auf. Liegt das daran, dass die Brüder nur der Inhalt interessierte und weniger die Verpackung, oder tappen wir hier schon im Nebel der Fälschungen und ihrer Mythen herum?

FACTS

Primus Pares unter den Négociants
Aktiv
Bis 1955, ca. 60 Jahre
Jahrhundertjahrgänge
1945, 1947 und 1949
Merkmal
Schlichte Etiketten, dadurch besonders fälschungsanfällig

Ein Spritzer Port?

Immer wieder hört man, Vandermeulen hätte die Barriques mit Branntwein gescheuert und die Weine beim Abfüllen mit etwas Portwein versetzt, mit einer Art Liqueur d’Expédition verstärkt, um sie haltbarer und gehaltvoller zu machen. Wahrscheinlich handelt es sich hier eher um Legenden aus der Welt der Fälschertricks denn um historische Wahrheiten. Bei so mancher Raritätenprobe werden altersmüde, fade Weine auch schon mal insgeheim mit einem Schuss Port aufgefrischt. Legendäre Vandermeulen-Jahrgänge wie 1947 sind in tropischen Sommern gewachsen, vergleichbar mit 2003. Sie führten zu hochkonzentrierten Trauben mit immensem Tanningehalt. Kurz, es sind Weine aus Hitzejahren, die heute teils portweinartig schmecken, aber in ihrer Jugend rustikal und jahrzehntelang verschlossen waren. Bittere Tanninbrummen, Lichtjahre von Schliff und Finesse entfernt. Doch mit der Zeit sind sie immer feiner geworden. Die Vandermeulens haben die Weine extra lange in Holzfässern ausgebaut, um ihnen eine besondere Langlebigkeit zu verleihen, da ihre Kunden gute Weinkeller besaßen – und die nötige Geduld, auf die Trinkreife jahrelang warten zu können. In der Tat sind Vandermeulen-Abfüllungen heute oft frischer als diejenigen, die die Châteaux damals selbst abfüllten.

Das Ende: Mise au château

In den frühen 1920er-Jahren tauchte im Médoc ein Marketing-Genie auf: Baron Philippe de Rothschild (1902–1988), der Mouton-Rothschild ab 1922 leitete und kühne Ideen hatte, darunter die Erzeugerabfüllung unter der Devise »Toute la récolte mis en bouteille au Château« – die gesamte Ernte eines Jahrgangs soll auf dem Weingut abgefüllt werden. Der Krieg verzögerte zunächst die weitere Realisierung im Bordeaux, doch 1955 wurde schließlich ein Gesetz erlassen, wonach die Châteaux nur noch selbst abfüllen durften. Damit endete die Geschäftsgrundlage der Firma Vandermeulen, die bald darauf ihre Tätigkeit einstellte.

Falstaff Magazin Deutschland 02/2016

Mehr zum Thema

  • 30.04.2014
    Big Bordeaux Business
    Falstaff über die geheimnisvollen Gepflogenheiten einer Branche, die mit den berühmtesten Weinen der Welt handelt.
  • 17.02.2016
    Falstaff Shortlist 01/2016 – Weine aus aller Welt im Handel
    Weine aus aller Welt aktuell im Handel.
  • 22.05.2015
    Hervorragender Chardonnay muss nicht teuer sein!
    Wir stellen Ihnen die Chardonnays vor, die für wenig Geld viel Wein bieten.
  • 20.05.2015
    Der Rote Hang wird röter
    In Rheinhessens berühmtesten Steillagen muss König Riesling um seine Vormacht fürchten – denn immer mehr Winzer wenden sich jetzt roten...
  • MEHR ENTDECKEN

    Mehr zum Thema

    News

    Glossar: Alles, was man über Roséweine wissen muss

    Von Blanc de Noir bis Weißherbst – Falstaff erklärt die ganze Vielfalt pinkfarbener Weine.

    News

    Top 10 Premium Jahrgangs-Champagner 2006

    Zum Tag des Champagners präsentieren wir Ihnen die zehn besten Champagner aus dem Jahrgang 2006, der als besonders harmonisch gilt.

    News

    Falstaff & CASO Design – Eine exklusive Kooperation

    CASO Design und Falstaff haben ein gemeinsames Ziel: Weinliebhabern genussvolle Momente zu bereiten

    Advertorial
    News

    Aufruhr in Italien wegen geplanter »Wein-Verwässerung«

    Aus Gesundheitsgründen überlegt die EU, künftig die Verwässerung von Wein zu erlauben. Rom zeigt sich schockiert über den Vorschlag und ortet einen...

    News

    Deutsche Weinvielfalt bei der Virtuellen WeinTour

    Es geht wieder los: Das interaktive Wein- und Tourismusevent geht in die zweite Runde

    Advertorial
    News

    Frostiger Erfolg: Erster Eiswein nach fast 20 Jahren

    Auf rund 300 gefrorenen Quadratmetern holt Sachsens größter Weinerzeuger seit langem wieder eine erfolgreiche Eisweinlese ein.

    News

    Deutsche tranken 2020 wieder mehr Wein

    Jetzt wurde Bilanz gezogen — das Jahr der ewigen Lockdowns hat in Deutschland zu einem erhöhten Weinkonsum geführt.

    Cocktail-Rezept

    Not so Bloody Mary

    Erfolg durch Experimentierfreude: Im »Angels’ Share« in Basel zaubert Christoph »Chutz« Stamm kreative Cocktails auf den Tisch. Besonders spannend:...

    News

    Kalifornien: Großbrände bedrohen den Weinbau

    Waldbrände ziehen eine Schneise der Verwüstung durch den US-Bundesstaat Kalifornien. Kalifornische Winzer sprechen von der »größtmöglichen...

    News

    Carl Tesdorpf: Traditionsweinhandlung mit neuem Webshop

    Die renommierte Weinhandlung aus Hamburg geht mit der Zeit. Neben der Erweiterung des Weinsortiments führt das Unternehmen einen eigenen Webshop und...

    News

    Idris Elba präsentiert Champagner und Rosé aus Frankreich

    Der britische Schauspieler stellte Anfang September in Kooperation mit zwei französischen Weingütern sein Label »Porte Noire« vor.

    News

    Weincenter Lörrach mit größerem Web-Sortiment

    Im Weincenter Lörrach sind nur ausgewählte Weine, die durch ihre Qualität und das unschlagbare Preis-Genuss-Verhältnis überzeugen, erhältlich. Offline...

    Advertorial
    Rezept

    Geschmorte Ochsenschulter

    Mit glasierten Zwiebeln, Karotten und Kartoffelschaum serviert, steht beim Rezept von Thomas Martin aus dem Restaurant »Jacobs Restaurant« der Wein im...

    Rezept

    Kabeljaurückenfilets mit Karotten, Haselnuss und Rosmarin

    Beim Rezept von Giuseppe D'Errico aus dem Restaurant »Ristorante Ornellaia« ist Wein der Star im Gericht.

    Cocktail-Rezept

    Frosé

    Slushies liegen voll im Trend – wir haben das Rezept für den aktuell wohl bekanntesten unter ihnen ausprobiert.

    Cocktail-Rezept

    Sherry Cobbler

    Diesen Drink könnte man auch Fruchtsalat mit Alkohol nennen.

    Cocktail-Rezept

    Rausch im Rauch

    Überraschende Kombination: Kubebenpfeffer mit Birnen-Senf-Sauce – als Cocktail.

    Cocktail-Rezept

    Sherry Cobbler

    Ein Drink, der bereits im 19. Jahrhundert die Bars beherrschte: der Cobbler.

    Cocktail-Rezept

    A gentle breeze of Sherry

    Sherry ist ein wundervoller Aperitif und (in süßen Varianten) Digestif. Beim Mixen konnte dieser Wein aber nie so richtig Fuß fassen – einige...

    Cocktail-Rezept

    Tikal

    Dieser Drink ist nach der bedeutendsten Maya-Stadt Guatemalas, die ein wenig an Manhattan erinnert, und der Hauptzutat Zacapa aus Guatemala benannt.