Unter vier Augen mit Ronald van Tienhoven

Multikulti – Die ehemalige NDSM-Werft im Norden Amsterdams mutierte zum Kinetisch Noord, einem Zentrum für Underground Culture mit Beach-Hotels und Pop-up-Restaurants.

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Multikulti – Die ehemalige NDSM-Werft im Norden Amsterdams mutierte zum Kinetisch Noord, einem Zentrum für Underground Culture mit Beach-Hotels und Pop-up-Restaurants.

Multikulti – Die ehemalige NDSM-Werft im Norden Amsterdams mutierte zum Kinetisch Noord, einem Zentrum für Underground Culture mit Beach-Hotels und Pop-up-Restaurants.

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LIVING: Herr van Tienhoven, was unterscheidet die Amsterdamer Kunstszene von der in anderen europäischen Städten?
Roland van Tienhoven: Noch in den 80er-Jahren war Amsterdam von Rezession geplagt und, verglichen mit Paris oder Kopenhagen, praktisch ein Slum. Das hieß aber auch: Man konnte billig wohnen, die Hausbesetzerszene florierte und bildete einen kulturellen Humus für Künstler. In den 90er-Jahren waren es Design, Wissenschaft und die digitale Welt, die in kleinen Initiativen aufkamen, vor allem die Hackerszene war hier sehr wichtig für die visuelle Kultur. Manche von ihnen gibt es heute noch, und sie haben sich ihren Experimentiergeist bewahrt.  

Wie hat sich die Stadt jüngst entwickelt? 
Heute leben in Amsterdam 177 Nationalitäten – mehr als in jeder anderen Stadt der Welt! Auch die Kunstszene ist international geworden, mit einem breiteren Spektrum an Kulturen und Farben. Und die koloniale Vergangenheit der Niederlande wird endlich kritisch -thematisiert. Auf der anderen Seite muss die Kunstszene auf eine veränderte Stadt reagieren. In Amsterdam sind heute die Finanzindustrie, die Werbeindustrie und Dienstleistungsunternehmen zu Hause. Das Leben hier ist teuer geworden, und es ist schwieriger, Räume und Ressourcen zu finden. Es gibt aber immer noch Orte voller Energie und Atmosphäre.

Ronald van Tienhoven lebt in Amsterdam und arbeitet als Künstler, Designer, Kurator, Lehrer und Berater. Er entwickelte zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum und lehrte Industriedesign an der TU Eindhoven. 

© Gert Jan Van Rooij

Gibt es trotzdem Stadtviertel, die heute als Treffpunkte der Kunstwelt fungieren? 
Natürlich! Der Place-to-be ist heute definitiv der Norden Amsterdams, jenseits des Flusses IJ. Früher war diese Gegend von der Stadt völlig abgeschnitten und isoliert, nur mit Fähren erreichbar. Heute finden die meisten Initiativen, ob Stadtplanung, Architektur, Kunst oder Design, ob Musik oder Performance, hier statt. 

Auch Architektur und Design aus den Niederlanden genießen einen hervorragenden Ruf. Gibt es Schnittmengen zwischen diesen Disziplinen und der Kunst? 
In den Niederlanden ist es nicht immer leicht, zwischen Design und Kunst zu unterscheiden. Oft ähneln sich die kritische Haltung und die Tendenz zum Konzeptionellen. Joep van Lieshout ist ein Beispiel für jemanden, der in allen Disziplinen gleichzeitig zu Hause ist. 

Auch Ihre eigene Arbeit ist interdisziplinär. Ist Amsterdam ein idealer Nährboden dafür?
Ja. Ich wähle für jedes Thema das ideale Medium. Das kann traditionell oder modern sein – oder beides. Mein persönliches Netzwerk in Amsterdam hat dieselbe Haltung. Eindhoven als wichtiges Zentrum für Design und Technologie hat uns genauso geprägt.

Welche Galerien und Museen würden Sie einem Wochenendbesucher empfehlen?
In Amsterdam-Noord das Filmmuseum EYE und die ehemalige NDSM-Werft. Im Zentrum die Ode Kerk, das Schifffahrtsmuseum und das Mediamatic. Im Jordaan-Viertel hat sich ein Cluster von interessanten Galerien entwickelt. Im Viertel Zuidoost, wo viele Menschen aus Surinam, Westafrika und Westindien leben, gibt es das Centrum Beeldende Kunst. Und das Stedelijk und das Rijksmuseum, beide mit neuen Programmen nach langer Renovierung.

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