Unter vier Augen mit Felicitas Thun-Hohenstein

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LIVING: Die Kunst-Biennale wurde im Mai eröffnet. Wie sind Ihre Erfahrungen als Kommissärin des Österreich-Pavillons bisher? Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?
Felicitas Thun-Hohenstein:
Der österreichische Beitrag von Renate Bertlmann bekommt im Zusammenspiel der Gesamtschau sehr viel Aufmerksamkeit. Bereits am Tag der Eröffnung wurde der Pavillon in der »La Repub-blica« als einer der drei spannendsten der diesjährigen Biennale angeführt. Das hat uns natürlich sehr gefreut! Die Resonanz des Publikums und der Medien ist sehr positiv.

Sie haben mit Renate Bertlmann zum ersten Mal eine Solo-Künstlerin ausgewählt. Was war der Grund dafür?
Die Geschichte der Moderne ist unter Auslassung von Künstlerinnen geschrieben worden. Man muss sich vorstellen, dass seit der Etablierung des österreichischen Pavillons noch nie eine Einladung an eine Künstlerin für eine Einzelpräsentation ergangen ist. Es war also höchst an der Zeit, diesem Anachronismus ein Ende zu setzen.

»Ich mache bei jedem Besuch neue Entdeckungen«

Felicitas Thun-Hohenstein ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Professorin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Sie leitet etliche Forschungsprojekte, ist Kuratoriumsmitglied des mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und Autorin und Herausgeberin zahlreicher Texte und Publikationen.  

Felicitas Thun-Hohenstein ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Professorin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Sie leitet etliche Forschungsprojekte, ist Kuratoriumsmitglied des mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und Autorin und Herausgeberin zahlreicher Texte und Publikationen.  

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Die Länder-Pavillons in den Giardini sind so etwas wie Schaufenster der Nationen. Muss die Kunst »Österreich« repräsentieren, und kann sie das überhaupt?
Für die Kunst bleibt die Biennale ein Widerspruch, wenn auch ein produktiver: Einerseits versteht sie sich als transnational, denn von wo ein Künstler kommt, wo eine Künstlerin lebt und arbeitet, ist längst sekundär, andererseits werden ihre Werke zur Repräsentation in den Dienst genommen. Renate Bertlmann macht mit allen Mitteln der Kunst klar, dass geogra-fische Grenzen immer künstlich sind, und die in unseren Köpfen ebenfalls.

Was sind die Highlights der Biennale 2019 für Sie? Was hat Sie überrascht?
Ein absolutes Highlight ist zweifelsfrei der litauische Pavillon, der völlig zu Recht den Goldenen Löwen gewonnen hat. Das Angebot während der Biennale ist jedoch so ausufernd, dass ich bei jedem meiner Besuche eine neue Entdeckung mache. So bin ich letzte Woche im Arsenale der Arbeit von Mari Katayama begegnet, die das erste Mal auf einer Biennale
gezeigt wurde. Dem Generalkurator Ralph Rugoff ist eine bemerkenswerte Ausstellung ohne überstrapazierten theoretischen Überbau gelungen. Gezeigt wird erstaunlich viel Malerei, wie zum Beispiel die farbstarken Bilder der brasilianischen Künstlerin Ad Minoliti und die Alltagsszenen der nigerianischen Malerin Njideka Akunyili Crosby oder die abstrakten Bilder der österreichischen Künstlerin Ulrike Müller. 

Die Biennale nimmt ein halbes Jahr in Anspruch. Welche Orte für Kunst würden Sie für die sechs Monate in Venedig ohne Biennale empfehlen?
Die Ausstellung von Helen Frankenthaler im Museo di Palazzo Grimani sollte man nicht versäumen. Ein besonders spannender Ort ist die renovierte Kirche San Lorenzo, in der die TBA21-Academy von Francesca Habsburg ihren interdisziplinären Ocean Space, der Kunst und Ökologie verknüpft, mit einer sehr poetischen Videoinstallation von Joan Jonas eröffnet hat. Sehr berührend ist die Ausstellung von Edmund de Waal im Ateneo Veneto und in der spätbarocken Scola Canton. Ein Besuch der Scuola Grande di San Rocco mit ihrem einzigartigen Bilderzyklus des großen Jacopo Tintoretto ist immer ein Highlight, denn gerade durch die unmittelbare Nachbarschaft von Alt und Neu, historischer Architektur und zeitgenössischen Installationen ergeben sich viel­­fä­ltige Verbindungen, die in dieser Form nur
in der Lagunenstadt erlebt werden können.

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