Unter vier Augen mit Deniz Ova

Auch dafür bietet die Istanbul Design Biennial Platz, wie die Installation »Fluid Measures« von Judith Seng zeigt. 

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Auch dafür bietet die Istanbul Design Biennial Platz, wie die Installation »Fluid Measures« von Judith Seng zeigt.

Auch dafür bietet die Istanbul Design Biennial Platz, wie die Installation »Fluid Measures« von Judith Seng zeigt. 

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LIVING: Was charakterisiert die Kunst- und Designszene in Istanbul? Wie hat sie sich entwickelt?

Deniz Ova: Unterschiedlich! Die Kunst ist größer und populärer und hatte von Anfang an die bessere Infrastruktur. Es gibt viele archäologische Funde in der Türkei und sehr archäologieorientierte Museen, dafür wenige staatliche Museen für moderne Kunst. Zeit-genössisches findet man eher in den Galerien und Museen privater Sammler. Mit der Gründung der Istanbuler Kunst-Biennale 1987 hat sich die Kunst internationalisiert. Die Anzahl der Galerien ist immens gestiegen – es gab zwar schon in den 1950er-Jahren eine Handvoll, aber der richtige Schwung ist in den letzten 20 Jahren entstanden. Architektur und Design waren dagegen lange eher geschlossene Szenen mit starker Nähe zur Industrie. Im Design hat sich das erst in den letzten Jahren geändert – man hat von Istanbul aus wichtige Events wie den Salone Milano und die London Design Week genau verfolgt. Seit 2012 gibt es die Istanbul Design Biennial.

Welche Rolle spielt die Istanbul Design Biennial für Istanbul?
Noch ist die Türkei kein »Design-Land«. Design bedeutet hier: schöne Objekte, die teuer sind. Wir haben mit der Istanbul Design Biennial die Kiste geöffnet: nicht nur Wohnung, Schuhe, Kleider, sondern etwas Umfassendes. Wir zeigen, wie und wo Design im Leben stattfindet. Unser Anliegen ist es, eine Beziehung aufzubauen zwischen Besuchern und Stadt. Die Biennial findet zwar in geschlossenen Räumen statt, aber wir öffnen uns mit Aktivitäten zur Stadt, etwa mit Design Walks und thematischen Routen. Man geht sozusagen mit der Design-Brille durch die Stadt.

»Istanbul hat eine junge Szene«

Deniz Ova ist Direktorin der Istanbul Design Biennial und leitet seit 2007 die Abteilung für internationale Projekte bei der Istanbul Foundation for Culture and Arts (İKSV).

Deniz Ova ist Direktorin der Istanbul Design Biennial und leitet seit 2007 die Abteilung für internationale Projekte bei der Istanbul Foundation for Culture and Arts (İKSV). 

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Gibt es Stadtviertel in Istanbul, die sich zu Hotspots der Kunst entwickelt haben?
Früher war Beyog˘lu das Ballungszentrum für Museen, Galerien und Kinos. Aber durch die dynamische Entwicklung Istanbuls und seiner Infrastruktur hat sich das inzwischen verteilt. Junge Künstler suchen günstige Räume und Stadtviertel und ziehen dann weiter, wenn diese zu teuer werden. Die Gentrifizierung passiert enorm schnell. Die europäische Seite war, was Künstlerviertel betrifft, immer stärker vertreten, weil hier auch die wesentlichen kulturellen Institutionen angesiedelt sind. Das Nachtleben hat sich aber sehr auf die asiatische Seite verlegt. Es ist eine junge Szene, ebenso jung wie die Bevölkerung. Es tut sich sehr viel.

Ist Istanbul also die Kunsthauptstadt der Türkei?
Schon! Aber die erste Universität für Architektur und Design, die Middle East Technical University, wurde in Ankara gegründet. Es gibt viele Künstler aus anderen Städten, die nach Istanbul kommen. Wenn man nicht das Land wechseln kann, wechselt man eben die Stadt. Aber auch Ankara oder Izmir haben neue und sehenswerte Museen und Institutionen.

Was würden Sie Besuchern empfehlen, die auf einem Drei-Tages-Trip nach Istanbul kommen? 
Drei Tage sind nicht genug für Istanbul! Als Kunstliebhaber sollte man zur Zeit der Istanbul Biennale hier sein, weil dann auch die Galerien neue Ausstellungen zeigen. Das gleiche gilt natürlich für die Design Biennial. Die traditionellen Sachen gehören auf jeden Fall dazu: Topkapı, Hagia Sophia, die Blaue Moschee. Istanbul ist sehr alt, alles baut hier auf der Geschichte auf. Um die Stadt zu ver­stehen, muss man die Geschichte und das Moderne kennenlernen – und unbedingt ans Wasser! In einem Café am Bosporus sitzen und den Schiffen zuschauen. Mit der Fähre auf die asia­tische Seite fahren und dort ausgehen, den Markt in Kadıköy besichtigen, im Park am Wasser picknicken, joggen – oder im Meer schwimmen.

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