Christian Lohse, Christian Jürgens und Holger Bodendorf haben in der VOX-Reihe »Game of Chefs« eine Dopppelfunktion inne, indem sie als Juroren und Mentoren auftreten. / Foto beigestellt
Christian Lohse, Christian Jürgens und Holger Bodendorf haben in der VOX-Reihe »Game of Chefs« eine Dopppelfunktion inne, indem sie als Juroren und Mentoren auftreten. / Foto beigestellt

Viele Köche möchten wohl gern so sein wie Kollege Johann Lafer – so wahnsinnig erfolgreich, so wahnsinnig bekannt. Doch schneller Erfolg wird vor allem hierzulande oft hinterfragt und kann Neid und Missgunst mit sich bringen. Mithilfe des (gebührenpflichtigen) Fernsehens hat sich der gebürtige Steirer zu einer überaus profitablen Eigenmarke entwickeln können. Wie sich Fernsehpräsenz monitär auszahlen kann, weiß jeder seit den Tagen des Clemens Wilmenrod 1953. Der Pionier legte schon ein knappes Jahr später sein erstes von fünf Kochbüchern, »Es liegt mir auf der Zunge«, vor. Gesamtauflage: eine Viertelmillion. Tatsächlich hören potenzielle Großköche immer wieder wörtlich, wenn eine Casting-Agentur zum Hörer greift: »Das Honorar ist ja eher klein – aber der Wert liegt darin, dass man Sie plötzlich überall kennt, dass Sie zur Marke werden. Und dann kommen die Verträge ...«

Lafer!Lichter!Lecker!
Für einen Auftritt in der Erfolgssendung »Lafer!Lichter!Lecker!« zahlt die Hamburger Produktionsfirma »Die Fernsehmacher« Lafer deutlich weniger als tausend Euro. Ein Taschengeld bei geschätzten 15 Millionen Euro Umsatz des Lafer-Imperiums: »Die Honorare dieser Sendungen sind sehr übersichtlich. Für mich ist das ein Gesamt­paket vieler Einzelteile. Bekanntheitsgrad bedeutet, dass die Leute möglicherweise, wenn du Produkte unter deinem Namen hast, diese kaufen oder dein Restaurant be­­suchen. Man muss also immer gucken, was ist part of the deal. Für mich ist das ein Gourmet-Netzwerk, so hilft möglicherweise das Eine dem Anderen.« Allerdings hilft es auch dem »Anderen«, dem ZDF, und das beschreibt, wie die Sache laufen soll: »Ob im Rahmen von Sportgroß­ereignissen, erfolgreichen Serien, unseren Kochformaten oder hochwertigen Magazinsendungen – seien Sie mit Ihrer Marke ganz nah dran und präsentieren Sie sich im direkten Umfeld Ihrer gewünschten Sendung. Schaffen Sie durch den in der TV-Landschaft mittlerweile fest etablierten Kommunikationsbaustein ›Programmsponsoring‹ einen Mehrwert für Ihr Unternehmen und gestalten Sie mit einer 7-sekündigen Trailerplatzierung direkt am Sendungsanfang und -ende sowie bei den jeweiligen Unterbrechungen Ihren individuellen Auftritt.«

Lafer zählt zu einen der erfolgreichsten TV-Stars. / Foto © ZDF/Wolfgang Lehma

Sterne-Restaurant und Tante-­Emma-Laden
Wer abends Lafers »Stromburg« ansteuert, muss sich auf eine kleine Überraschung gefasst machen. Denn hinter dem eleganten Eingang tut sich Lafers Warenwelt auf. Die lange Empfangstheke scheint sich unter einer dicken Schicht Bücher zu biegen. An der Wand dahinter reihen sich Gläschen an Döschen. Wird der Tante-Emma-(Onkel-Johann-) Laden abgeräumt oder wenigstens verhüllt, wenn wieder einmal einige der Super-Promis zu »König Johann« kommen? An der Wand ins Untergeschoss hängen ihre Bilder wie Jagdtrophäen. »Der Johann«, erklärt ein bekannter Sternekoch, »macht diesen Promi-Bonus zu Geld. Er hat ungefähr 42 Lizenzen laufen!« Darunter einige sehr lukrative Verträge als »Testimonial« mit Firmen-Giganten wie Kenwood, Lindt, Villeroy & Boch und dem Weltmarktführer Weber Grill. Ist man erst einmal im Gespräch und gefragt, muss man zugreifen und das hat Lafer erkannt.
Weber Grill konnte sich schon vor einem Jahr über einen gelungen inszenierten Coup freuen: Im Mainzer Sender lief zur besten Sendezeit an einem Samstagabend im September »Deutschlands größte Grillshow«. Nach einem kleinen Schleichwerbe-Skandal 2010 nur noch mit abgeklebten Logos. Und wohl nur rein zufällig im Gerry-Weber-Stadion ... Von Johann Lafers Popularität profitiert dann auch sein TV-Partner Horst Lichter. Dem gelegentlich zu schlüpfrigen Witzchen neigenden Rheinländer verhalf das Fernsehen zum Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen. Lichter brachte es nicht nur zu eigenen TV-Shows, er vermarktet sein schnurrbärtiges Gesicht nun auf der Speisekarte der Deutschen Bahn, auf Tütensuppen von Maggi, für das Fleischangebot einer Billig-Supermarkt-Kette oder ein »leckeres Bierchen«. Aber nicht jeder Fernsehkoch nimmt, was er kriegen kann: »Ich achte darauf, für was ich mich hergebe. Ist es ein tolles Produkt, hinter dem ich stehe, dann lasse ich mich auch ­darauf ein. Für Lebensmittel würde ich aber keine Werbung machen«, erzählt uns Ole Plogstedt, der bei RTL 2 als Kochprofi im Einsatz ist und in seinem Restaurant »Olsen« in Hamburg auf Fairtrade-Produkte wie ­Kaffee, Schokolade und sogar Blumen­dekoration Wert legt.

Quantität statt Qualität
Aber um Qualität geht es bei den meisten TV-Kochsendungen ja auch nicht, sie sind, so Lafer, »... zu einem Infotainment-Thema abgedriftet«. PD Dr. med. Thomas Ellrott ist Ernährungspsychologe und kennt die unterschiedlichen Motive der Zuseher: »Einmal gibt es diejenigen, die tatsächlich von den prominenten Vorbildern lernen möchten und sich Anregungen für das Kochen zuhause holen. Wahrscheinlich ist das eine Minderheit. Ein weit größerer Teil der Zuschauer dürfte besonders deshalb einschalten, weil Kochshows eine wunderbare Form der Unterhaltung darstellen. Sie überfordern nicht und lassen die Sorgen des Alltags vor der Tür: garantiert kein Terror, keine Finanzkrise, kein Mord und Totschlag, keine Naturkatastrophe – quasi leichte Kost zum Entfliehen aus dem Alltag der schlechten Nachrichten. Die dritte Zuschauergruppe rekrutiert sich aus jenen, die sich zuhause einsam fühlen. Die Kochshow vermittelt ein wohliges Gemeinschaftsgefühl und ersetzt das nicht vorhandene gemeinsame Kochen und Essen im eigenen Zuhause.« Aktuell gehen die Shows munter weiter, sogar mit TV-Hosts oder Juroren, denen man so etwas kaum zugetraut hätte: Bei »The Taste« des Senders VOX, wo neben dem »Küchenbullen Mälzer« sich altgediente TV-Chargen wie Léa Linster, Frank Rosin oder Alexander Herrmann vor die Kamera stellen, wurden Juroren wie die Drei-Sterne-Köche Christian Jürgens und Thomas Bühner an­­gelockt. Und bei der VOX-Reihe »Game of Chefs« treten Jürgens, Holger Bodendorf und Christian Lohse gar selbst als »Juror und Mentor« auf. Beispiele dafür, dass es auch informativer gehen kann, sind etwa die Crew des mittäglich gesendeten »ARD-Buffets«, darunter Vincent Klink und Jacqueline Amirfallah, und das im WDR sich emsig Worte, Zutaten und Küchengeräte zureichende Ehepaar Martina Meuth und Bernd »Moritz« Neuner-Duttenhofer. Ein Zeichen dafür, dass Kochshows auch nach zehn Jahren noch immer erfolgreich sein können, setzt das TV Format »Die Kochprofis« auf RTL 2. Andi Schweiger, Frank Oehler, Ole Plogstedt und Nils Egtermeyer versuchen Betriebe vor dem wirtschaftlichen Ruin zu retten. Egtermeyer sieht durch die Kochshows eine Aufwertung für den Beruf des Kochs. Plogstedt ermahnt dennoch: »Viel zu vielen wird suggeriert, dass die Gastronomie ein leichtes Leben ist. Zu viele nicht Gelernte wagen den Schritt in die gastronomische Selbstständigkeit. Eine ­Entwicklung, die keineswegs positiv ist.«

Andi Schweiger, Nils Egtermeyer, Ole Plogstedt und Frank Oehler sind als »Kochprofis« auf RTL 2 unterwegs. / Foto © RTL II / Severin Schweiger

Wie ausgesprochen lustig ein TV-Format des Genres sein kann, ohne in den seichten Schlammgewässern zu versacken, haben die »Beef Buddies« bewiesen. In 20 Sendungen ging es bei ZDFneo derart unkonventionell und witzig rund ums Thema Fleisch zur Sache, dass sich sofort eine riesige Fangemeinde in den sozialen Medien bildete. Frank Buchholz, Chakall und Tarik Rose haben so in kürzester Zeit mehr als 70.000 Beef-Buddies-Bücher verkauft. Der Mainzer Sender hat sich aus »Programm-politischen Gründen«, wie es heißt, von ihnen getrennt. Die Sendung entspräche nicht »den zukünftigen ZDFneo-Programmsäulen Fiction, Show und Social Factuals ...«. Einig sind sich die TV-Stars Lafer und Egtermeyer, was die Gästeresonanz betrifft: »Unter meinen Gästen sind mit Sicherheit einige da­bei, die mich nicht besuchen würden, wenn sie mich nicht im Fernsehen gesehen hätten.« Egtermeyer geht sogar noch einen Schritt ­weiter: »Für das ›Jellyfish‹ bedeutet es einen höheren Bekanntheitsgrad, und ich spreche dank der Fernsehpräsenz ein anderes, jüngeres Publikum an. Das ist schön, auch wenn sie mich nur einmal besuchen, um einfach einmal da gewesen zu sein.«

Artikel »TV-Kochsendungen Segen oder Fluch?« aus Falstaff KARRIERE 01/15. Von Jan Brinkmann und Alexandra Gorsche.

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