Tiroler Tischler mit Weitblick

Firmenchef Martin Wetscher: »Früher war das Moderne ohne Wurzeln im Trend, man war stolz auf das Fremde.« wetscher.com

© Gerhard Berger

Firmenchef Martin Wetscher: »Früher war das Moderne ohne Wurzeln im Trend, man war stolz auf das Fremde.« wetscher.com

© Gerhard Berger

Der Sinn für das Schöne liegt in der Natur. Die Zillertaler Bergwelt begrenzt die Idylle am Horizont, im Tal schmiegt sich das Grün der Wiesen an dunkle Wälder, oben das Schroffe der Berge, unten die malerischen Dörfer. Und gleich zu Beginn des Tals die Familie Wetscher. Bereits in fünfter Generation ist genau dieses Spiel von Farben und Formen das Geschäft der Unternehmerfamilie, die sich mit Wohndesign weit über die Enge des Zillertals hinaus einen klingenden Namen gemacht hat.

Design-Museum

»Der Standort hier in Fügen ist natürlich eine irre Geschichte«, sagt Martin Wetscher, Chef des Unternehmens in vierter Generation. Wir stehen im alten Braukeller. Dort, wo Franz Wetscher, der Urgroßvater, 1912 die kleine Tischlerei gegründet hat, ist heute das Design-Museum der Wetschers untergebracht. Es zeigt auch die Geschichte der Familie von der kleinen Tischlerei bis hin zum heutigen Unternehmen als eines der führenden Planungs- und Einrichtungshäuser des Landes.


LIVING: Wohndesign von internationalem Format, beheimatet in einem Tiroler Seitental fernab der Metropolen. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Martin Wetscher: Nur auf den ersten Blick. Die exponierte Lage treibt uns zu Höchstleistungen an. Sie spornt uns an. Wir müssen hier jeden Tag etwas besser machen als unsere Mitbewerber in der Stadt. Österreich hat eine hohe Konzentration an Möbelhäusern. Der Markt wird dominiert von Ikea, Kika, Leiner und Lutz. Wir sind beinahe schon die Einzigen, die in diesem Spiel noch immer mithalten können. Hätten wir nicht den Mut, uns immer wieder neu zu erfinden, wir wären schon längst ausradiert auf der Landkarte der Möbelhäuser. Wesentlich war aber ein Einschnitt, den wir in den 90er-Jahren wagten. Wir haben uns radikal reduziert auf das, was wir können: Tischlerei, Planung und nur noch die absoluten Top-Marken im Programm.

Wie sehr hat sich Wohndesign im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Sehr intensiv. In den 80er- und 90er-Jahren gingen die italienischen Designer mit dem An­spruch an ihre Arbeit, alles revolutionieren zu wollen. Im Wohndesign hat sich damals der Weltbürger gezeigt. Das Moderne war ohne Wurzel und man hat bewusst das Fremde gesucht. Heute erleben wir das Gegenteil. Die Menschen wollen zu Hause sein, hinter sich die Tür zumachen und Ruhe haben vom chaotischen Treiben draußen. Das eigene Ich steht im Vordergrund. Dort will man sich auch im Wohnen finden.

»Wohndesign ist vor allem ein Suchen und Finden von sich selbst und jenen Dingen, die einem selbst ähnlich sind. Das schafft Vertrauen, lässt entspannen und wird durch diese Entsprechung als schön empfunden.« Martin Wetscher Wohndesigner und Firmenchef

Ist Wohndesign immer auch ein guter Parameter für das Befinden einer Gesellschaft? 
Wohndesign ist vor allem ein Suchen und Finden von sich selbst und jenen Dingen, die einem selbst ähnlich sind. Das schafft Vertrauen, lässt entspannen und wird durch diese Entsprechung als schön empfunden. Das ist ja kein österreichisches Phänomen. Ich erlebe das auf meinen Reisen, die mich von Paris über Mailand bis nach New York führen. Die Sehnsucht nach der heilen Welt ist ein internationaler Trend. Natur, ob als tropische Exotik, finnischer Birkenwald oder alpiner Chic, wird idealisiert und so weit in unsere Räume hereingeholt, als sie uns hilft, unsere Vorstellung dieser heilen Welt zu zeigen. Alles wirklich Fremde bleibt Dekoration und findet sich als Meilenstein eines aufregenden Lebensstils höchstens auf dem Glasregal der Retroschrankwand wieder.

Wie weit können oder wollen Sie Ihren eigenen Geschmack in die Gestaltung der Lebensräume Ihrer Kunden mit einbringen? 
Ich bin natürlich Händler und kein Museumsdirektor. Geschmäcker sind, wie man weiß, verschieden, und so finden sich auf unseren 8000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auch Möbel, die meinen persönlichen Geschmack vielleicht nicht zu hundert Prozent treffen. Die Kunst ist es aber, dass man bei den wesentlichen Einrichtungen den Zeitstempel nicht zu stark aufdrückt. In den 70er-Jahren waren das zum Beispiel die orangen Küchen. Die wollte ich wirklich nicht verkaufen. Eine Küche tauscht man nicht so schnell aus. Da ist es wichtig, dass sie in zehn, zwanzig und mehr Jahren noch immer gefällt. Bei anderen Elementen wie bei Sesseln oder Lampen ist man natürlich flexibler.

Gibt es das Zeitlose denn tatsächlich?
Ja – und noch nie wurden diese Klassiker in höherer Qualität produziert als heute. Sofas und Sessel von Knoll International zum Beispiel oder von Vitra sowie Designerstücke von Cassina oder die Kollektion Spalt von Wittmann, das sind zeitlose Designhighlights. Möbel, die ohne Vergangenheit entworfen wurden, ohne Rückblick oder Research, ohne einen Funken Achtung für das, was gewesen ist. Im augenblicklichen Retro-Zeitgeist wird das ganz fremd.

»Eine Küche tauscht man nicht so schnell aus. Da ist es wichtig, dass sie einem in zehn, zwanzig und mehr Jahren noch immer gefällt. Bei anderen Elementen wie bei Sesseln oder Lampen ist man natürlich flexibler.« Martin Wetscher Wohndesigner und Firmenchef

Im vergangenen Sommer haben Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn Maximilian gleich gegenüber der Firmenzentrale den ersten gebauten Online-Store Österreichs eröffnet. Ist das nun retro oder futuristisch? 
Es ist eine Reaktion auf den Zeitgeist. Wir sprechen eine Zielgruppe an für junges Wohnen mit Designanspruch – nicht billig, aber preiswert. Das reale Einkaufserlebnis wird aufgrund unserer Online-Features konsequent mit der digitalen Welt verknüpft und ermöglicht den Kunden ein natürliches Switchen zwischen virtuellem und realem Angebot auf einer Ausstellungsfläche von 2000 Quadratmetern. Dabei sind informative Features verfügbar, die den Auswahl- und Planungsprozess unterstützen und die Orientierung im real gebauten Store gewährleisten.

Was würde ihr Urgroßvater dazu sagen, der hier mit einer einfachen Tischlerei begonnen hat? 
Er wäre sicher stolz, denn auch er zeigte damals Innovationsgeist. Unser Unternehmen beschäftigt heute mehr als hundert Mitarbeiter, die Hälfte davon in der Tischlerei, die nach wie vor das Herz der Firma ist.

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