Tipps für die Zeit nach der Festtags-Völlerei

© Gina Müller

Vollegefühl

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Die Feiertage sind auch ohne Corona eine vielfache Herausforderung – für die Logistik, für die Nerven und für die Verdauung. Kaum sind Aperitif und Appetizer über die Zunge gerutscht, startet das Menü, gefolgt von Kaffee, Keksen und Kuchen. Wenn das Sitzfleisch trainiert und man immer noch bei guter Laune ist, folgt nach kaum wahrnehmbarer Pause die Jause. Kann man am ersten Tag kaum noch »papp« sagen, ist am zweiten Weihnachtstag trotzdem schon wieder ein Flameau zu spüren. Schließlich kann sich der Magen dehnen, bei Erwachsenen hat er ein Fassungsvermögen von 1,6 bis 2,4 Litern.

Allerdings: Vielen Menschen behagt das viele Essen gar nicht. Zu große Mengen ­von zu fetthaltigen Speisen verzögern die Magenentleerung. Auch wenn zu schnell gegessen und dadurch nicht gut gekaut wird, gibt es Probleme. Dann liegen die großen Stücke ebenso wie die fetten Speisen länger im Magen und sorgen für ein unangenehmes Völlegefühl. Der Bauch fühlt sich an, als würde ein Stein im Magen liegen. Beschrieben werden Spannungsgefühl, vermehrter Druck oder ein Blähbauch. Bei manchen macht sich ein Rumoren bemerkbar, und die Magengegend schmerzt. Völlegefühl zählt zu den häufigsten Verdauungsstörungen. Im Fachjargon ist vom Postprandialen Distress Syndrom die Rede, das Symptome wie Völlegefühl nach dem Essen und (zu) frühe Sättigung umfasst. Übelkeit, Sodbrennen oder Aufstoßen sind weitere unangenehme Begleiterscheinungen. 

In der Regel muss man sich bei Völlegefühl keine Sorgen machen. Die Ursachen sind meistens offensichtlich, und man kann es einfach und gut behandeln. Dauern die Beschwerden an und zeigen sich häufiger als ein- bis zweimal in der Woche, kann das aber an einer eingeschränkten Magenmotilität oder auch leichten Entzündungen des Zwölffingerdarms liegen. Dann sollte man einen Arzt aufsuchen.

Gewürze als Hausmittel

Im Akutfall aber – wie zu Weihnachten – wird auf gängige Medikamente sowie eine Reihe von Hausmitteln gesetzt. So verschaffen Gewürze Abhilfe, wenn der Bauch zwickt und zwackt. Ob in Teemischungen, Gewürzbrot oder Keksen: Ätherische Öle aus Anis, Kardamom, Piment oder Zimt steigern die Produktion von Gallen- und Magensaft, fördern so die Verdauung und beruhigen Magen und Darm.

Ingwer regt den Stoffwechsel an, wirkt bei Übelkeit und Erbrechen und lindert Blähungen. Eine Tasse Gewürztee vertreibt so Völlegefühl und mögliche Begleiterscheinungen. Koriander und Muskat können helfen, Krämpfe bei Koliken zu lösen. Bei Magen-Darm-Beschwerden tun Arzneitees mit Fenchel, Kamille, Galgant oder Schafgarbe gut. Auch Salbei- oder Pfefferminztee wirken aufgrund der ätherischen Öle verdauungsfördernd.

Kaffee wirkt als Magensäure-Kitzler ebenfalls positiv – Kardamom im Kaffee ist daher nicht nur sensorisch interessant. Als Hausmittel werden feuchte Leibwickel empfohlen, weil feuchte Wärme Krämpfe lösen und entspannend wirken soll. Was jedenfalls gut tut, ist ein Spaziergang an der frischen Luft. Der regt Kreislauf wie Verdauung an.

Entspanntes Gefühl

Hochprozentiges wie Grappa, Whisk(e)y oder Cognac vermittelt ein wohliges Gefühl nach einem deftigen Essen. Der Alkohol erweitert die Blutgefäße und wirkt relaxierend auf die Muskelzellen. Da der Magen ein Muskel par excellence ist, entspannt er sich, das unangenehme Völlegefühl wird weniger, und ein trügerisches Gefühl der ­Erleichterung setzt ein. Die verdauungsfördernde Wirkung von Schnaps und Co. ist allerdings ein Mythos. Denn Spirituosen verlangsamen eher die Verdauung – der Körper ist nämlich zunächst mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt, anstatt sich um die Nahrung zu kümmern. So verzögern sich die Verdauung im Magen und der ­Weitertransport der Nahrung in den Dünndarm.

Diesen Verzögerungseffekt haben Schweizer Forscher anhand eines Käsefondue-Experiments belegt: Während eine Versuchsgruppe Weißwein zum Fondue und Schnaps hinterher erhielt, trank die andere Schwarztee und Wasser als Digestif. Der Fonduekäse war mit speziellen Marker-­Molekülen (C13-Isotope) versetzt. Mittels Atemtests konnte so der Abbau der Moleküle im Magen und Darm und damit die Geschwindigkeit, mit der die Mahlzeit verdaut wurde, erfasst werden. Und siehe da: Den Alkoholtrinkern machte das Käsefondue wesentlich mehr und länger zu schaffen als den Tee-/Wassertrinkern. Die Teilnehmer in der Alkoholgruppe klagten zudem auch über Völlegefühl.

In geringen Konzentrationen (unter fünf Volumenprozent) kann Alkohol den Verdauungsvorgang jedoch auch pushen. So produzieren die Schleimhautzellen im Magen nach einem Glas Bier oder Wein mehr Säure, wodurch die Nahrungsverwertung gefördert wird. Wer sich dem Ganzen aber von vornherein nicht aussetzen mag und Völlegefühl vorbeugen will, isst langsam, kaut gründlich, schlägt trotz Geselligkeit und Feiern nicht allzu sehr über die Stränge, lässt sich ausreichend Zeit und bewegt sich auch während der Festtage genug. 

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 09/2020
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