»Tío Pepe-Challenge« 2019 ist entschieden

Terry Kindt verpasste in Jerez den Sieg.

© Roland Graf

Terry Kindt verpasste in Jerez den Sieg.

© Roland Graf

Die Ausgangslage für Theerapol Kindt (»der Einfachheit halber nennen mich alle Terry«) war keine leichte. Nach dem Vorfinale mit Wissenstest und erster Verkostung ihrer Sherry-Kreationen musste der Bartender aus dem Hamburger »Coast by East« als erster der verbliebenen fünf Mixer in der prachtvollen Bodega von Gonzáles Byass in Jerez sein Können unter Beweis stellen. Die Jury bestand u. a. aus Sherry-Blenderin Silvia Flores, »Tío Pepe« Markenbotschafter Boris Ivan und dem langjährigen Barchef des legendären Savoy Hotels London, Erik Lorincz. Doch die erste Aufgabe beim globalen Wettbewerb um den besten Sherry-Cocktail bestand nicht im perfekten Schütteln, sondern vielmehr darin, möglichst nicht zu zittern.

Nervenflattern mit der »Venencia«

Mit der »Venencia«, dem traditionellen Weinheber für Sherryfässer, der biegsam und damit sehr sensibel ist, musste ein Glas möglichst tropfenfrei eingeschenkt werden – Terry Kindt brachte wie schon beim deutschen Finale eine an chinesische Martial Arts angelehnte Performance. Keineswegs nervös ob des globalen Zuschauerfeldes, erklärte der Hamburger dann die Idee hinter seinem Drink »Roses from Jerez«: Holunderblüten-Likör und Rosenwasser spielen auf den Duft Andalusiens an. Als asiatischer Touch gesellte sich dazu noch Yuzu-Sake und Jasmin Tee, den Kindt im Tío Pepe ziehen ließ. Der Aperitif-Cocktail, der bereits auf der Karte der Hamburger Bar steht (»Unser Sushi-Meister hat dazu eigens eine Rolle als Food Pairing kreiert.«), wurde bravourös serviert.

Und selbst die letzte Aufgabe im mit 200.000 Gästen pro Jahr meistbesuchten Weingut Europas schreckte Deutschlands Vertreter nicht: »Ich verwende drei statt zwei Zutaten aus der ›Black Box‹«, trat Kind mit seinen aus einem Warenkorb zu wählenden Ingredienzien an. »Don't hang over«, so der Name der Impromptu-Kreation, spielte auf die Feria de Caballeros an, denn beim einwöchigen Reiterfest von Jerez wird praktisch nur Sherry konsumiert.

Mexikanischer Minimalismus-Drink

Die deutsche Meisterschaft im Umgang mit dem fortifizierten Wein ist übrigens kein Zufall: »Deutschland ist für uns einer der traditionellen Sherry-Märkte«, so Victoria Gonzales Gordon, Ur-Urenkelin des Gründers der Bodega, am Rande des Cocktailbewerbs gegenüber Falstaff. Die Klasse des deutschen Wettbewerbsbeitrags zeigte sich im Verlauf des Abends, als Kindts Mitbewerber ihre Präsentationszeit überzogen oder Zutaten vergaßen.

Souverän hingegen war der Mexikaner Diego Morales aus der weltbekannten »Licorería Limantour« (Mexico City), gegenwärtig Nr. 11 der globalen »Top 50 Bars«-Liste. Er hatte mit einem – allerdings höchst komplexen – Cordial lediglich eine Zutat zum Fino Sherry zugefügt. Der entsprechend »Less is more« betitelte Cocktail begeisterte als eine Art »Tío Pepe«-Martini auch die anwesenden Bartender aus Deutschland und der Schweiz. Lukas Motejzik (»Ory« bzw. »Zephyr«/München) und Andreas Andricopoulos (»Golvet«/Berlin) verfolgten das Geschehen an der Wettbewerbsbar ebenso wie Christoph Stieger (»Department 66«/Bern) oder Christoph »Chutz« Stamm aus dem Baseler »Angels' share«.

Sieger Marco Masiero aus dem »Sottovoce« in Bergamo, Italien.
Sieger Marco Masiero aus dem »Sottovoce« in Bergamo, Italien.

© Roland Graf

Flamenco-Märchen des Siegers

Sie alle wurden auch Zeugen der Erzählung von José und der dürren Flamenco-Tänzerin, die Marco Masiero aus der »Sottovoce« in Bergamo rund um seinen Cocktail »El beso de la Flaca« zusammenfabulierte. So kommentierte er den ersten Auftritt der fiktiven Tänzerin, für den er den trockenen Sherry mit Aprikosen-infundiertem Chardonnay vermengte, mit den Worten: »Sie sieht süß aus, wenn sie den Raum betritt, lässt aber Deinen offenstehenden Mund austrocknen«. Der poetische Norditaliener hatte auch bei der »Black Box«-Challenge Glück. »Ich konnte es gar nicht fassen, denn mit dem meisten da drin hat mich meine Großmutter aufgezogen«.

So wurde aus Mandelmilch und Cornflakes eine Milk Punch-Abwandlung, die er der Jury im Tee-Geschirr reichte. Damit stand Marco Masiero eine Viertelstunde später als Sieger von Jerez fest, der die goldene Trophäe von Pedro Revuelta Gonzáles erhielt. Die Feierlichkeiten, gekrönt von einem Galadinner mit Flamenco, begannen damit aber erst. Schließlich gehen nicht nur Bartender erst frühestens um Mitternacht auf die »Feria« – wo mit Sherry und Gin auf Masiero angestoßen wurde.

www.tiopepe.es

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