Til Schweigers kleiner Bruder Nik im Künstler-Porträt

Zentralkraft: Designer Nik Schweiger beim LIVING-Shooting im Büro seiner Firma in Berlin-Mitte: »Architektur sollte den Geist beflügeln.«

© Florian Büttner

Zentralkraft: Designer Nik Schweiger beim LIVING-Shooting im Büro seiner Firma in Berlin-Mitte: »Architektur sollte den Geist beflügeln.«

© Florian Büttner

Wenn Herr Schweiger einen Raum betritt, ist dieser schnell ausgefüllt. Im Falle von Til erledigt das der aufgedrehte Charme, den man aus seinen Filmen kennt. Nik, der jüngere Schweiger-Bruder, ist da ganz anders. Er tastet sich heran, spricht leise, fast tonlos. Nachdem er seinen Gast begrüßt hat, schiebt er den Hut, den er stets trägt, leicht nach oben. Ein zaghaftes Lächeln – sehr jungenhaft – erhellt das Gesicht des 50-Jährigen. Offenbar ein Schweiger-Familien-Gen.
Nikolaus »Nik« Schweiger will niemanden überrumpeln. Er ist ein introvertierter Mensch, einer, der in sich ruht und einen Raum erschreitet. Zumal es ein Ort ist, den er bis ins letzte Detail selbst gestaltet hat. »Ich möchte hier Atmosphären erzeugen, die den Geist inspirieren«, sagt Schweiger im LIVING-Interview, während er durch die Bürolandschaft im denkmalgeschützten Haus Cumberland in Berlin führt. Hier, in bester Lage am noblen Kurfürs­tendamm, residiert eine Immobilienfirma. Doch gleichzeitig nutzt der Designer die Location gerne als Showroom für seine Kunden.
Ein Blick an die Decke. Diese kann mit der großzügigen Höhe eines Gründerzeitbaus aufwarten, entworfen 1910 von Robert Leibnitz, dem Architekten des legendären Berliner »Hotels Adlon«. Nik Schweiger hat sich diese Dimension für eine weit verästelte Lichtskulptur aus hellem Holz zunutze gemacht. Sie schwebt frei im Raum und setzt sich schließlich an den Wänden fort. Die Elemente wirken wie Waben in einem Bienenstock. Ihre Schattenwürfe zeichnen grafische Muster auf den Boden. Büromöbel und Sitzecken wirken nicht funktional, sondern sind Teil einer Inszenierung, in der vertraute Wahrnehmungen durchbrochen werden. Lichtquelle und raumgreifende Skulptur in einem – das ist so etwas wie die Essenz in der Arbeit von Nik Schweiger. 

Ideenschmiede: Niks Arbeitsplatz: Schreibtische mit Bambus, Grün über der Stirn, im Rücken eine Figur aus Metall-Laminat und Papierdruck.

© Florian Büttner

Formende Natur

In Schweigers Firma Barefoot Design, ansässig im hippen Berlin-Mitte, entstehen Lampen, Lichtobjekte und Möbel, aber vor allem Raumkonzepte für so unterschiedliche Auftraggeber wie Hotels, SPAs, Firmen und Musikclubs. Gemeinsam mit seinem Bruder Til hat er vor zwei Jahren auch erstmals ein Luxus-Heimkino gestaltet. Dieser Prototyp verbindet höchste Bild- und Klangansprüche mit der Aura einer 25 Quadratmeter großen Wohlfühloase. Auch hier lockern die Wabenmuster, die so charakteristisch für sein Design sind, die herkömmliche Kinoschachtelform optisch reizvoll auf.
Für LIVING analysiert Schweiger: »Die Natur erschafft wunderschöne Formen, wie etwa beim Aufbau von Zellen zu beobachten ist. Diese sind physikalisch gelernt, und deshalb fühlen wir uns in entsprechend gestalteten Räumen intuitiv wohl«, so der Designer über seine Arbeit, wobei er aber den Begriff »ganzheitlich« vermeidet. Das klingt ihm zu abgegriffen. Er spricht lieber vom »Health Style« und betont: »Alles in unserem Körper passiert zyklisch. Räume, die das berücksichtigen, können sogar heilend wirken.«

Zellteilung: Die aus Messing gefertigte Licht-skulptur »Genetic« greift das Muster von organischen
Zellstrukturen auf.

© Florian Büttner

Brüderlicher Geist

Die Brüder Til, Jahrgang 1963, und Nik Schweiger, 1965, verbindet seit ihrer Kindheit ein inniges Verhältnis: »Ich habe Til gebannt zugehört, wenn er mir ganze Filme nacherzählt hat. Und ich fühlte mich immer beschützt von ihm.« Andersherum war Til, der Ältere, der Draufgängerische, beeindruckt von der Sensibilität und dem künstlerischen Talent seines jüngeren Bruders. Sie wuchsen in einer liberalen Akademikerfamilie in Gießen auf, eine Tante lebte als Malerin am Comer See.
»Design und Kunst waren zu Hause immer ein Thema«, erzählt Nik Schweiger, »und ich habe früh gezeichnet, wusste aber lange nicht, was ich damit anstellen sollte.«  Schließlich kam das Interesse an der Architektur, als er während seiner Zivildienstzeit beim Umbau einer Szenekneipe half: »Das Handwerkliche ist mir leicht gefallen, und da spürte ich: Ich möchte selbst gestalten.«

Family Affairs: Nik und Til Schweiger: seit ihrer Kindheit unzertrennlich, in der gemeinsamen Firma Barefoot Design nun auch geschäftlich verbunden.

Foto beigestellt

Schule bei Starck & Thun

Der Lehrersohn studierte Architektur in Wiesbaden. Im Jahr seines Abschlusses, 1991, machte sein Bruder Til mit seiner ersten Kinorolle in der Komödie »Manta Manta« auf sich aufmerksam. Und von da sind beide Schweigers ihre Erfolgswege gegangen. Bei Philippe Starck in Paris und Matteo Thun in Mailand schulte sich der besonnene Tüftler im Produktdesign, bis er sich schließlich mit seiner ersten Firma 3deluxe selbstständig machte. Für die Gestaltung des Frankfurter Design-Hotels »Roomers« wurde er 2009 als »Innenarchitekt des Jahres« ausgezeichnet. Nachhaltig geprägt hat Schweiger seine Wahlheimat Berlin: »Die Zeit nach dem Mauerfall, das explodierende Grafikdesign und die ganze elektronische Kultur – das war aus gestalterischer Sicht eine aufregende Pionierzeit.« Schweiger nahm 1998 an der ersten Berlin Biennale teil, ins Leben gerufen von Klaus Biesenbach, dem heutigen Chef des New Yorker MoMA. Und das trug letztlich dazu bei, dass auch die Macher der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover auf den Designer aufmerksam wurden. Schweiger installierte eine spek-takuläre Lichtskulptur im deutschen Pavillon. Das war sein endgültiger Durchbruch. Der deutsche DJ-Star Sven Väth beauftragte ihn noch während der EXPO, seinen neuen »Cocoon Club« zu gestalten. Nik Schweiger hat sich einen eigenen Namen gemacht und lange vermieden, die Popularität seines medial umtriebigen Bruders Til für seine Zwecke zu nutzen. Erst seit zwei Jahren haben sich die Schweigers auch für die Öffentlichkeit vernetzt. An der Firma Barefoot Design ist Til beteiligt, und unter dem Label Barefoot Living vertreibt der Filmemacher inzwischen sogar einen eigenen Shop mit Möbeln, Wohn-Utensilien und Kleidung. Die Brüder haben nicht unbedingt den gleichen Geschmack in Designfragen. Nik pflegt Avantgarde und Experiment, Til ist in seinem mediterran angehauchten Country-Style sehr bodenständig. Dennoch tauschen sie sich intensiver denn je aus. Nik gibt Empfehlungen für die Ausstattung von Tils Filmen, und Handwerker und Filmset-Bauer werden durchaus gemeinsam genutzt. Til wiederum nutzt sein großes Netzwerk aus Produktionsfirmen und Sponsoren, um Nik zu fördern, zumal dieser lieber seine Zeit im Büro oder in der Werkstatt verbringt, als in der Öffentlichkeit zu stehen. So ist es heute fast wie in Kindertagen, als die Schweiger-Brüder unzertrennlich waren. Sie schlichen sich heimlich ins Kino, während die Eltern sie bei den Hausaufgaben wähnten. Und sie waren vor allem von einem angezogen: dem Licht und seinen ungeheuren Möglichkeiten. Der eine lernte, mit dem Licht so umzugehen, dass es starke Gefühle auf eine Leinwand projiziert. Der andere war schon früh davon fasziniert, wie das Sonnenlicht sich in einer Wasserpfütze brach und die entstehenden Stimmungen seine Fantasie beflügelten. So ist Nik Schweiger – wie sein großer Bruder Til – ein Lichtbildner geworden.

Lichtspiele: In Niks Büro: Leuchte aus der Serie »Levels« mit warmem Licht und typischen Schattenwürfen an der Wand.

© Florian Büttner

Linktipp:
http://www.barefootdesign.de

Aus Falstaff LIVING 03/16

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