The Art of Shopping

Im Pariser Traditionskaufhaus Le Bon Marché zeigt aktuell die japanische Künstlerin Chiharu Shiota mit ihrer Schau »Where are we going?« beeindruckende Installationen. 

© Gabriel de la Chapelle

Im Pariser Traditionskaufhaus Le Bon Marché zeigt aktuell die japanische Künstlerin Chiharu Shiota mit ihrer Schau »Where are we going?« beeindruckende Installationen. 

© Gabriel de la Chapelle

Vieles hat das berühmte Pariser Edelwarenhaus Le Bon -Marché in seiner 165-jährigen Geschichte schon gesehen. Aber einen Drachen? Mitten in den ehrwürdigen Verkaufshallen des ältesten Einkaufspalasts der Welt, der einst von Gustave Eiffel konstruiert wurde? Das war selbst für das verwöhnte Rive-Gauche-Publikum neu. Aber da -lauerte er nun: 20 Meter lang, flankiert von den Stores der großen Luxusmarken von Prada bis Gucci.

Le Bon Marché, Paris: Den Pariser Einkaufstempel hat einst Gustave Eiffel entworfen. Jetzt wird die Mall von Künstlern bespielt.m Ai Weiwei installierte im Vorjahr etwa einen 20 Meter langen Papier-drachen im Konsumpalast. 

© Gabriel de la Chapelle

Doch das Ungetüm schüchterte niemanden ein. Im Gegenteil: Es lockte noch mehr Menschen in die Shopping-Kathedrale. Und der Drache war nicht das einzige Fabelwesen, das im vergangenen Jahr als Teil einer umjubelten Installation des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im La Bon Marché die Besucher begeisterte. In seiner Schau »Child’s Play« – inspiriert von Werken der chinesischen Mythologie – ließ Weiwei noch zwei Dutzend weitere fantastische Papier-skulpturen frei: zum Beispiel einen Schildkrötenfisch, einen Fischhahn oder eine Schlange mit Menschenkopf. Es war die erste Einzelausstellung des weltbekannten Künstlers in Frankreich. Und viele waren überrascht, dass diese Premiere nicht wie üblich in einem Museum oder einer Galerie beklatscht wurde, sondern ausgerechnet im kapitalistischen Epizentrum der Stadt – dem Einkaufszentrum Le Bon Marché, das zur Gruppe LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE zählt, die allein 2016 mit ihren Luxusgütern knapp 38 Milliarden Euro Umsatz erzielte.

Riesiges Publikum

Konsumgesellschaft und Hochkultur? Was lange Zeit als No-Go galt, entwickelt sich zum neuen Trend: Von Asien über Amerika bis Europa holen Shoppingmalls angesehene Künstler in ihre Häuser. »Die Einkaufszen­tren sind ein neues Medium. Es ist nicht wie in einem Museum oder in einem White Cube. Wir erreichen hier ein riesiges Publikum. Auch eines, das nicht wegen der Kunst herkommt, aber trotzdem mit ihr in Kontakt gerät«, erklärt Ai Weiwei. Natürlich kann man den Betreibern der Shopping-Hochburgen unterstellen, mit der frisch entdeckten Liebe zur Kunst nur die Kunden und damit die Umsatzzahlen nach oben treiben zu wollen. Was bleibt, ist aber trotzdem noch die Kunst selbst und die Auseinandersetzung mit ihrem Publikum. Dieser Ansicht ist auch Unternehmer Adrian Cheng, der Erfinder der K11-Kunstmall, eines Einkaufszentrums mit integrierter Galerie und großen Skulpturen, die in den Shopping-­Passagen frei herumstehen. In Chinas Schulen gebe es keine Kunsterziehung, also müsse man den Menschen die Kunst auf anderen Wegen vermitteln, so Cheng. 

»Einkaufszentren sind ein neues Medium und anders als Museen. Wir erreichen hier ein riesiges Publikum. Auch eines, das nicht wegen der Kunst herkommt, aber mit ihr in Kontakt gerät.«

Ai Weiwei Kunst-Superstar

K11 Art Mall, Hongkong: In Asien ist die Symbiose zwischen Kunst und Shoppingcenter schon weit gediehen. Bestes Beispiel: die Mall K11, die auch in Shanghai eine Depandance hat. Zwischen Markenlabels sind auf insgesamt sieben Stöcken auch Exponate aufstrebender Künstler zu kaufen.

© Tktktk | Dreamstime.com

Im K11 in Hongkong passiert genau das – und ein bisschen Shopping-Spaß – auf sieben Stockwerken. Hier präsentieren sich Markenlabel neben Ausstellungen vorrangig junger Künstler, aber auch internationaler Meister wie dem britischen Maler und Konzeptkünstler Damien Hirst, dem Dänen Ólafur Elíasson oder dem britisch-nigerianischen Künstler Yinka Shonibare, der vor allem für seine Arbeit mit bedruckten, farbenprächtigen Baumwollstoffen bekannt geworden ist.

Die Symbiose aus Kunstsinn und Einkaufslust ist ein expandierendes Geschäftsmodell. Den bereits eröffneten K11-Malls in Hongkong und Shanghai sollen bis zu 20 weitere Art-Malls in ganz China folgen. »Wir sehen uns als revolutionäres Konzept, auch um jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben, ihre Werke einem großen Publikum zu präsentieren«, sagt die K11-Marketingmanagerin ­­Fei Yip. Alle drei Monate wechseln die Ausstellungen.

Emsgalerie, Rheine: Die niederländische Künstlerin Margriet -Smulders gestaltete die Decke im deutschen Kaufhaus Emsgalerie. Drei im Kaufhaus verteilte Deckeninstallationen spüren den Mythen des Flusses Ems nach.

© Sebastian Cintio

Deckengemälde

In Deutschland zählt die im September 2016 eröffnete Emsgalerie in Rheine zu den jüngsten Shopping-Adressen, die Kunst und Einkaufsvergnügen verbinden. Die Decke der zwei Etagen hohen Mall zieren drei bis zu 23 Meter lange Werke der niederländischen Künstlerin Margriet Smulders. »Ins Blaue hinein träumen« nennt sie ihre Bilder, die die Geschichte des Flusses Ems erzählen: die quirlige und sprudelnde Quelle, ein Storch, eine Schlange, die sich zu einem Apfel hin bewegt – ein Fingerzeig Richtung Vertreibung aus dem Paradies, die gleichzeitig die scheinbar liebliche Szenerie überschattet. Die drei Deckeninstallationen sind zugleich die größten je geschaffenen Werke von Smulders. Shoppingcenter und Rekorde – zumindest dieses Verhältnis stimmt noch.

NorthPark Center, Dallas: Der US-Bildhauer Mark Di Suvero hat für das NorthPark Center in Dallas das Monument »Ad Astra« kreiert. Die Mall selbst verfügt über Sammlungen von James Rosenquist bis Andy Warhol.

© Justin Clemons

Das beweist auch die 15 Meter hohe Skulptur des amerikanischen Bildhauers Mark Di Suvero, die als monumentales Kunstwerk in der Luxus-Shoppingmall NorthPark ­Center in Dallas ausgestellt ist. Das Einkaufszen­trum, das Edelmarken wie Tiffany und Victoria’s Secret beheimatet, blickt auf eine beachtliche Sammlung von Werken renommierter Künstler wie Pop-Art-Maler James Rosenquist, Objektkünstler Frank ­Stella oder Andy Warhol. Der war es übrigens auch, der schon vor Jahrzehnten prognostizierte: »Alle Kaufhäuser werden zu Museen, und alle Museen werden zum Kaufhaus.«

Centre Eaton, Montreal: Montreals größtes Einkaufszentrum ist auch ein Hort für zeitgenössische Kunst. Hier schuf der Künstler Brian Armstrong ein Ökosystem aus Plastikflaschen und Aludosen. Das Material dazu stammt von den Kunden und Besuchern der Mall.

Foto beigestellt

»Warhol hatte erkannt, welch spannender Raum ein Kaufhaus für einen Künstler sein kann«, sagt Marine Faguer vom Pariser Einkaufstempel Le Bon Marché. »Und genau diesen Raum stellen wir einmal im Jahr für einen Künstler zur Verfügung. Übrigens mit einer Carte blanche. Wir nehmen keinen Einfluss auf die Kunst.« 2016 kam Weiwei in den Genuss, in diesem Jahr beeindruckte die japanische Installations- und Performance-Künstlerin Chiharu Shiota mit ihrer Schau »Where are we going?«. Aus weißem Garn spannte sie im Jänner ein spektakuläres Netz in die Einkaufshalle, das den Ozean zeigt und 150 Boote aus Kulturen aller Welt, die über den Köpfen der Besucher weg in einen Neustart segeln. Für welchen Künstler Le Bon Marché 2018 die Carte blanche zieht? Faguer: »Wir stecken schon mitten in den Vorbereitungen. Wer es sein wird, können wir noch nicht verraten.« Hier vereint sich dann wieder die Hochkultur mit dem Shopping-Spaß: Denn der stärkste Antrieb der Kauflust ist noch immer das Neue.

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