Teil 2: ¡Viva la Revolución! – Der Kult um den Rioja

Die Lese von Hand ist nur eines der Kriterien, das bei der Produktion eines »Viñedo Singular« erfüllt werden muss.

© DOCa Rioja

Die Lese von Hand ist nur eines der Kriterien, das bei der Produktion eines »Viñedo Singular« erfüllt werden muss.

Die Lese von Hand ist nur eines der Kriterien, das bei der Produktion eines »Viñedo Singular« erfüllt werden muss.

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Die Wurzeln des alten Rioja-Qualitäts­systems sind in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu verorten. Als der Mehltau und die Reblaus damals den Winzern in der französischen Prestigeregion Bordeaux zu schaffen machten, kamen viele der dortigen Weinhändler auf der Suche nach Wein über die Pyrenäen nach Rioja. Mit ihnen auch die Weinbereitungstechniken des Bordelais – allem voran der Ausbau im kleinen Eichenfass. Durch die damalige Lockerung der französischen Zölle erlebte Rioja einen beispiellosen Boom, der fast vier Jahrzehnte andauerte. Zu diesem Zeitpunkt entstanden viele legendäre Bodegas wie etwa »CVNE«, »López Heredia« oder »La Rioja Alta«, die sich allesamt in Haro, nur wenige Meter voneinander entfernt, an der Bahnstation befinden. Von hier aus gingen im späten 19. Jahrhundert etwa 50.000 Hektoliter Wein pro Monat nach Frankreich. Auch heute noch ist die Region von großen Kellereien geprägt. Rund sechzehn davon stellen circa die Hälfte der Produktionsmenge der gesamten Rioja.

Für die Bodegas Luis Cañas startet mit den Viñedos Singulares der Weg zurück zu den Ursprüngen der Region Rioja.

66.000 Hektar stehen in der Rioja unter Reben, verteilt auf insgesamt 120.000 Parzellen. Nur etwa zehn Prozent davon erfüllen hinsichtlich des Rebalters die Anforderung für einen Viñedo Singular. Die meisten der unzähligen Parzellen in der Region gehören kleinen Traubenproduzenten, die ihre Ernte an die Großen abtreten. Eine Struktur, die etwa mit der Champagne vergleichbar ist. Genauso wie die stetige Entwicklung hin zu kleineren Weingütern, die sich von den großen Kellereien lossagen und ihre Trauben selbst verarbeiten.

Bei Luis Cañas fand dieser Schritt bereits 1970 statt. Seitdem entwickelte sich das familiengeführte Weingut, das sich in Villabuena in der Subzone Rioja Alavesa befindet, zu einem der progressivsten der Region. Die Verantwortlichen bei Luis Cañas setzen sich aktiv für den Erhalt der alten Rebflächen ein, die in der Region vorhanden sind. Häufig ein zähes Unterfangen, denn werden die Reblagen von Familien verkauft, muss mit unzähligen Familienmitgliedern verhandelt werden.

Für die Bodegas Luis Cañas startet mit den Viñedos Singulares der Weg zurück zu den Ursprüngen der Region Rioja.

Wir stehen im Prodenero, einer nur 0,4 Hektar großen Parzelle, dem ersten zertifizierten Viñedo Singular von insgesamt zweien im Portfolio von Luis Cañas. Ein Rebberg mit bis zu 80-jährigen Rebstöcken, der rote Sorten wie Tempranillo und Garnacha, genauso wie weiße Sorten wie Viura vereint. »Genau das hier ist unsere Seele, unsere Tradition. Davon möchten wir den Weingenießern erzählen und sind froh darüber, dass wir das mit den Viñedos Singulares endlich können«, sagt Iñaki Cámara, der CEO der Bodega. Für ihn startet mit den neuen geografischen Ursprungsbezeichnungen der Weg zurück zum Ursprung der Region. Zurück zu den Weinen, die hier seit jeher für den Eigenkonsum produziert werden und die mehr an Beaujolais als an Bordeaux erinnern. Mitunter weil sie wie die Gamays aus Beaujolais mittels Macération Carbonique, also einer Kohlensäuremaischung, hergestellt werden, weiße und rote Trauben vereinen und sich frisch und fruchtig präsentieren. »Das ist die Tradition unserer Region und in diese Richtung bewegen wir uns. Wenn auch auf eine etwas komplexere und intensivere Art«, sagt Cámara.

Eine Region in Bewegung

Natürlich spielte das Terroir in der Rioja aber schon immer eine bedeutende Rolle, nur wurde es anders vermarktet. Die Weinmacher, die das Blending perfektionierten, wussten schon immer um die Eigenheiten der diversen Zonen und Ortschaften. Sie wussten, wo sie Trauben finden, die für Fülle, für Kraft oder für Frische im Wein sorgen und wie sie diese zu einem harmonischen Ganzen vereinen. Auch dies erinnert an die Arbeit der renommierten Champagnerkellereien.

Aktuell existieren 121 Plots von 74 Bodegas, welche die Anforderungen für einen Viñedo Singular erfüllen.

»Außerhalb von Spanien denken die meisten Leute sofort an lang gereifte Weine, Reservas und Gran Reservas, wenn sie an Rioja denken. Natürlich ist es das, was unsere Region erfolgreich und groß machte, aber da ist eben noch viel mehr«, erklärt Antonio Orte Vellé, Weinmacher der Bodegas Valdemar, als wir die Bodega in Oyón-Oion besuchen. Valdemar produziert ebenfalls einen Viñedo Singular. Der Finca Alto Cantabria ist ein reinsortiger Viura, eines von wenigen weissen Gewächsen in der Kategorie.

Die Rebstöcke auf dem von Kalkstein geprägten, elf Hektar großen Plot auf einem Hochplateau wurden 1975 gepflanzt. Ein visionärer Akt, der damals von vielen schräg beäugt wurde – sich rückblickend jedoch auszahlte. Für Orte Vellé zudem der Beweis dafür, wie wichtig der Aspekt Mensch im Konstrukt Terroir ist. Denn in der Lage, die dank des stetig wehenden Windes perfekt für Viura geeignet ist, würde heute sonst sicher Tempranillo stehen. »Bei Weinen wie dem Finca Alto Cantabrio geht es um die Trauben, die in dieser einzigartigen Lage entstehen und nicht mehr nur um die Reifung im Holzfass. Diese Entwicklung ist in der ganzen Region zu spüren, finde ich. Es entstehen immer mehr kleinere Projekte von jüngeren Menschen, die den Ort ins Zentrum stellen. Und das ist wichtig für Rioja«, stellt Orte Vellé fest.

ZUM TASTING

Etwa zehn Prozent der rund 120.000 Parzellen in Rioja sind mit über 40-jährigen Reben bepflanzt.

Etwa zehn Prozent der rund 120.000 Parzellen in Rioja sind mit über 40-jährigen Reben bepflanzt.

© DOCa Rioja

Neue geograf­ische Ursprungsbezeichnungen

Vinos de Zona

Dieses neue Label ist Weinen vorbehalten, deren Trauben mindestens zu 85 Prozent aus einer der drei definierten Zonen Rioja Alta, Rioja Alavesa oder Rioja Oriental stammen.


Vinos de Municipio

Um dieses Label zu erhalten, müssen die
Weine zu 85 Prozent aus jenem Dorf stammen, in welchem die Kellerei angesiedelt ist. Die restlichen 15 Prozent der Trauben dürfen in einem benachbarten Dorf angebaut werden.


Viñedos Singulares

Die 2017 eingeführte Zusatzbezeichnung gilt ausschließlich für Weine aus klar definierten Einzellagen mit Reben, die mindestens 35 Jahre alt sind. Der Ertrag ist auf 5000 kg/ha für Rotweine und 6922 kg/ha für Weissweine begrenzt. Die Trauben werden nur von Hand geerntet. Bevor sie auf den Markt gebracht werden dürfen, müssen die »Viñedos
Singulares« die zweifache Prüfung eines Verkostungspanels überstehen.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 04/2022
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