Style File: Japan

In Japan geht man oft neue Wege. Gutes Beispiel für modernes japanisches Design ist dieses Haus in Osaka, in dem sich das Leben ohne viel Wände auf Plattformen abspielt.

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In Japan geht man oft neue Wege. Gutes Beispiel für modernes japanisches Design ist dieses Haus in Osaka, in dem sich das Leben ohne viel Wände auf Plattformen abspielt.

In Japan geht man oft neue Wege. Gutes Beispiel für modernes japanisches Design ist dieses Haus in Osaka, in dem sich das Leben ohne viel Wände auf Plattformen abspielt.

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»Goodbye Hygge, Say Hello To Wabi-Sabi.« Eine Headline, gelesen in einem Online-Magazin, mit der man in Japan vermutlich wenig Freude hätte. Sehr vereinfacht gesagt geht es bei der Denkweise Wabi-Sabi um Befreiung und Wertschätzung – der Begriff wurde im 16. Jahrhundert von einem Zen-Mönch geprägt. Im letzten Satz finden sich gleich zwei Kernbotschaften: Es geht hier nicht nur um Behübschung, sondern um Denkweisen, Konzepte, ästhetische Ideale. Und: Man kann sich ihnen nur annähern, nur respektvoll einräumen, dass man als Nicht-Japaner eher interpretiert als versteht. 

Auch Joji Hattori, ­Inhaber des Wiener Fine-Dining-Restaurants »Shiki« wiegelt ab, wenn man ihn nach dem Trendpotenzial befragt. »Die Japaner selbst tun fast nichts, um ihre eigenen Lebensweisen international zu bewerben.« ­Hattori spricht sogar von einem »nationalen Egoismus«, wenn es darum gehe, die eigenen Künste – gleich, ob Keramik oder Kulinarik – mit dem Ausland zu teilen oder der jeweiligen Zeit anzupassen. »Ökonomisch gesehen ist das ein großer Nachteil. Beispiel Restaurants: Nur wenige entscheiden sich, Filialen außerhalb Japans zu etablieren. Ich bin da ganz anders und hatte sehr wohl den Ehrgeiz, die hohe japanische Kochkunst den ­Europäern näher-zubringen.« Auch das ­»Shiki«-Design – gemeinsam mit den Architekten von BEHF entwickelt – sucht seinesgleichen. Fächerförmige Glasfassade, Brasseriedecke mit japanischem handgeschöpftem und -gefärbtem Papier, schwarze Klavierlack-Wände oder die grifflosen Türen bzw. selbstspülenden WCs im Sanitärbereich. Hygiene ist für die Japaner ein vorrangiges Thema – aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

»Japanisches Design zeichnet sich durch simple, praktische Alltagsästhetik aus.« 
Marianne Goebl
Geschäftsführerin Artek

Generation Jetzt

Abgesehen von ausgezeichneter – durchaus exaltierter – japanischer Architektur (Pritzker-Preisträger Tadao Ando), ist unser Bild geprägt von Design-Ketten wie Muji, gegründet 1989. In mittlerweile über 400 internationalen Stores (noch mal so viele im Land selbst) wurden unscheinbare Acrylboxen und Basics zum Kult erhoben. Es gibt sogar die Theorie, dass eine Stadt nur dann als Metropole gelte, wenn sie einen Muji-Store beheimatet. Auch Lampen waren neben Keramik seit jeher eine Stärke der Japaner. Die Anfang der 1950er-Jahre von Isamu Noguchi für Vitra entworfene »Akari«-Serie wurde oft kopiert. Ihre Leichtigkeit ist unübertroffen. »Japanische Möbel dagegen haben sich erst in den letzten Jahrzehnten verstärkt international bemerkbar gemacht«, beobachtet Marianne Goebl, Geschäfts-führerin bei Artek. Das finnische Designhaus pflegt einen regen Austausch mit japanischen Kunden bzw. »Otakus« (was so viel bedeutet wie Sammler). Auch entwarfen schon japanische Designer wie Shigeru Ban für Artek. Goebl spricht von einer »Seelenverwandtschaft« zwischen Finnen und Japanern. Nicht nur, aber gerade auch in puncto Produktdesign seien sich die beiden Nationen ähnlich. »Eine simple, praktische Alltagsästhetik wird gegenüber reiner Schönheit oder Dekoration ohne Funktion bevorzugt.« Die jeweilige geografische Lage sei vielleicht mit ein Grund für eine »ungewöhnliche Vorliebe für die ›komfortable Stille‹«. 

Stille – ein Begriff, der aufhorchen lässt. Und so sorgen die Möbelentwürfe der japanischen ­»Generation Jetzt« für stilles Aufsehen. Ob das international renommierte Büro Nendo mit Chefdesigner Oki Sato oder seine Kollegen Daisuke Kitagawa, S & O Design, Hiromichi Konno – alles Namen, die einem auf den großen Messen begegnen. 

»Westliche Keramik ist oft mutiger als japanische. Aber auf eine plumpe Art.« 
Matthias Kaiser 
Keramikkünstler

Karimoku New Standard ist ein weiteres Label – spezialisiert auf Möbel aus japanischem Holz. LIVING erwischte Creative Director David Glättli im Pre-Mailand-Stress. Der gebürtige Zürcher sieht sich als Kurator, stilistische Guidelines für die Desi­gner gibt es nicht. »Was ich verlange, sind Entwürfe, die ebenso auf die Besonderheiten von Karimoku, seinen Techniken und Materialien eingehen, sowie auf die besonderen Marktgegebenheiten. Und die nach einem neuen zukünftigen ›Standard suchen.« Randbemerkung: Glättli spricht davon, dass durch das Zusammenspiel von internatio­nalen Designern und japanischen Handwerkern vielleicht langsam ein neuer japanischer Stil entstehe. »Selbst wenn die Möbel nicht japanisch wirken, fühlt man den Spirit, der entsteht, wenn das Produkt von einem lokalen Handwerker in seiner eigenen Technik aus lokalen Materialien gefertigt wird.«

Kunst des Reparierens

Spirit spürt man besonders bei Keramik. »Die japanische Keramikkunst baut auf einer 10.000-jährigen Tradition auf und ist dementsprechend nuanciert und verfeinert«, so ­der österreichische Keramik-künstler Matthias Kaiser, der in Japan von zwei Meistern gelernt hat. »Viele der wesentlichen Qualitäten haben sich mir erst nach jahrelanger Auseinandersetzung erschlossen.« Kaiser bringt einen Punkt ein, der in dieselbe Kerbe schlägt wie eingangs ­Hattori. »Tradition kann ein starkes Konzept sein. Oft ist japanische Keramik sehr formal und wenig innovativ. Westliche Keramik ist mutiger, aber oft auf eine plumpe Art. Ein bisschen mehr Wabi-Sabi könnte nicht schaden.« 

Matthias Kaiser ist zudem überzeugt, dass »richtig gute japanische Keramik Japan nicht verlässt«. Ein gutes Beispiel: Kintsugi. Diese Kunst der Reparatur zerbrochener Keramik sei nur ein Job für echte Spezialisten und selbst in Japan schwer zu finden. David Glättli ist allerdings anderer Meinung. Er verweist auf Porzellan von Kakiemon, das »sehr wohl ins Ausland verkauft wird«, und ergänzt: »Ich glaube eher, dass Ausländer im Allgemeinen wenig Kenntnis und Zugang zu den besonders wertvollen Dingen und den großen Meistern der Keramiken haben. Nicht das Kintsugi ist das Rare, sondern die manchmal sehr alten Stücke, die im Verlauf ihrer Geschichte einmal so repariert worden sind.«

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