Häufiger als auf Kampfstiere in der Arena trifft man bei Reisen durch Spanien auf überdimensionale, schwarze Stier-Silhouetten, vorzugsweise auf gut sichtbaren Hügeln montiert, Werbung für Osborne Brandy. Die Spanier lieben Brandy.
Sie verdanken die Produktion nicht zuletzt einem Überangebot an Wein. Weil man nicht weiß, wohin mit all den Trauben, werden sie seit Langem auch in Brennereien verwertet – zur Herstellung von Weinbrand.

Etwa die Hälfte der spanischen Weinbrände, von denen es eine kaum überschaubare Vielfalt gibt, wird im Land getrunken, der Rest exportiert. Laut spanischem Handelsministerium wurde 2013 in den ersten acht Monaten des Jahres Brandy für drei Millionen Euro nach Deutschland geliefert, nach Österreich für 57.000 Euro. Bemerkenswert in dieser Statistik sind allerdings zwei andere Länder: Die Philippinen importierten Brandy für fast 70 Millionen Euro und Armenien für immerhin noch fast zehn Millionen.

Höchste Punktebewertung für den Cardenal Mendoza / Foto beigestellt
Höchste Punktebewertung für den Cardenal Mendoza / Foto beigestellt
Die spanische Brandykultur hat auch historische Wurzeln. Als die Mauren ab dem Jahr 711 den Süden des Landes besetzten, brachten sie auch das Wissen über das Destillieren mit. Am längsten hielten sich die Mauren im Süden Andalusiens. Städtenamen wie Jerez de la Frontera erinnern heute noch an die damaligen Kämpfe. In dieser Region gibt es nicht nur wunderbare Sherrys und eine mit Wien vergleichbare Hofreitschule, dort werden auch hochwertige Essige und Destillate erzeugt.

Bei Brandys stößt man oft auf das Zauberwort »Solera«. Brandys, die diese Zusatzbezeichnung tragen, werden für gewöhnlich in einem Fässersystem gereift, das möglichst gleichbleibende Qualität gewährleistet. Die Solera (vom spanischen »suelo« für Boden) ist die unterste von drei oder vier übereinandergestapelten Reihen von Fässern aus amerikanischer Eiche mit je zirka 520 Litern Volumen. Aus der Solera wird ein Teil des Inhalts für die Flaschenabfüllung entnommen und die Fehlmenge aus der jeweils darüberliegenden Fassreihe (»Criadera«) ergänzt. Zuletzt wird frisch gebrannter Brandy in die oberste Reihe nachgefüllt.

Weil Soleras jedoch nur noch selten, wie oben beschrieben, aus übereinandergestapelten Fässern bestehen, können sie auch weit komplexer sein. So wird etwa der »Gran Duque d’Alba« angeblich aus bis zu 16 Criadera-Stufen zusammengesetzt.

Gran Duque d’Alba / Foto beigestellt
Gran Duque d’Alba / Foto beigestellt
Diese Form der Fasslagerung ist eigentlich zufällig entstanden. 1869 erhielt die Weinkellerei Pedro Domecq den Großauftrag für eine Viertelmillion Liter Brandy. Als der Auftrag platzte lagerte man den Brandy zur Not in Fässern aus amerikanischer Eiche und füllte sie erst einige Jahre später ab. Das war die Geburtsstunde der noch heute existierenden Marke »Fundador«. Die Fässer müssen übrigens zuvor mindestens vier Jahre lang mit Sherry befüllt gewesen sein. Zur Verfeinerung ist es erlaubt, Dörrfrüchte oder Gewürze zuzugeben. Obwohl »Brandy di Jerez« eine Herkunftsbezeichnung ist, die genauen Kontrollen des »Consejo regulador« unterliegt, stammen die Trauben dazu nicht aus Andalusien. Meist bestehen die Grundweine aus Airén, der häufigsten spanischen Weinrebe, die vor allem in La Mancha in sehr extensiver Weise in Buschform erzogen wird.

In dieser zentralspanischen Region wird auch die Holanda gebrannt – wie es in Anlehnung an eine Zeit heißt, als die Holländer den Spirituosenmarkt beherrschten. Die Reifung der Brandys erfolgt meist in Südandalusien, in teils atemberaubend schönen Lagerhäusern.

Jaime 1 / Foto beigestellt
Jaime 1 / Foto beigestellt
Insgesamt 350 Marken aus 34 Bodegas überwacht der Consejo regulador. Neun von zehn spanischen Brandys stammen aus dem Gebiet zwischen Jerez de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa Maria. Natürlich werden dort, wie im Rest Spaniens, nicht nur hochklassige Brandys erzeugt, sondern auch eher einfache Quali­täten. Aus so gut wie allen spanischen Provinzen gibt es Brandy, selbst auf Mallorca existiert eine angesehene Marke namens »Dos Perellos«. Auch die Reifung in einer Solera ist nicht auf Jerez beschränkt, wie der »Jaime I« von der Bodega Torres in Villafranca del Penedès eindrucksvoll beweist. »Torres« sowie der aus dem gleichen Ort stammende »Mascaró« sind die bekanntesten spanischen Brandys, die nicht aus Andalusien stammen.

Die Unterschiede der Brandys in der Stilistik sind teils erheblich und reichen von sehr trocken bis zu ausgesprochen süßlich. »In Österreich und Deutschland ist der Cardenal Mendoza besonders beliebt, ebenso der Lepanto von Gonzalez Byass«, erklärt Peter Permann vom Handelshaus Schlumberger und ergänzt: »Natürlich können wir jederzeit auch besonders rare und unbekannte Spezialitäten herbeischaffen, doch das ist etwas für ausgesprochene Aficionados.«

Lepanto P. X. Solera Gran Reserva / Foto beigestellt
Lepanto P. X. Solera Gran Reserva / Foto beigestellt
DER BRANDY DE JEREZ UND SEINE QUALITÄTEN
Solera:
Bevor ein Brandy de Jerez »Solera« genannt werden darf, muss er mindestens sechs Monate fassgelagert sein, in der ­Regel reift er sogar 18 Monate.
Solera Reserva: Es ist eine Fassreifung von zwölf Monaten festgelegt. Auch er reift oft wesentlich länger (bis zu fünf Jahre).
Solera Gran Reserva: Für diese höchste Güteklasse sind 36 Monate Lagerzeit in ­Fässern vorgeschrieben. Durchschnittlich reifen diese Brandys mindestens acht bis 15 Jahre, viele auch 25 Jahre und mehr. ­Gerade in letzter Zeit kommen immer öfter Brandys mit einem Alter von 50, 60 und teilweise sogar 70 und 100 Jahren auf den Markt.



VERKOSTUNGSNOTIZEN

93 Punkte
Cardenal Mendoza Carta real ­Solera Gran Reserva, Sanchez Romate Hnos., 40 Vol.-%, 0,7 l; € 70,–
Sehr reifes und feingliedriges Duftbild, ­Schokolade, Kakao, mit kühlen Noten auch. Fein verwobenes Amalgam von Schokolade, Kakao und Weinbrand am Gaumen.

93 Punkte
Gran Duque d’Alba oro
Williams & Humbert
40 Vol.-%, 0,7 l; € 110,–
Sehr reifes und homogenes Duftbild, Wein, Schokolade, Kakao. Analog am Gaumen, mit feiner Würze und trockenem Sherryton.

92 Punkte
Jaime I
Miguel Torres, 38 Vol.-%, 0,7 l, € 60,–
Offenes und dicht verwobenes Duftbild, rauchig, schokoladig, karamellig und würzig. Am Gaumen Bitterschokolade, Kakao, getrocknete Blätter, Traube, medizinal-bittere Noten.

92 Punkte
Lepanto P. X.
Solera Gran Reserva, Gonzáles Byass
36 Vol.-%, 0,7 l, € 50,–
Reife, süße und weinige Stilistik, Honig, Tabak, Karamell und Walnüsse, reifes Holz. Viel Sherry und Walnuss, trocken und tabakig, reife Aromatik, lebendig, anhaltend, zarte Bitternoten.

90 Punkte
Carlos Primero Imperial
Solera Gran Reserva, Osborne, 38 Vol.-%, 0,7 l, € 85,–
Dicht verwobenes Duftbild, süßlich-weinig, Nüsse, Feigen, Honig, hell und grasig. Ähnlich am Gaumen, viel Süße, Karamell, reife Fass­aromen, trockenblättrig, lebendig und weinig-grasig im Abgang, Walnuss.

90 Punkte
Cardenal Mendoza
Solera Gran Reserva, Sanchez Romate Hnos., 40 Vol.-%, 0,7 l; € 27,–
Sehr ruhiges, dunkles Duftbild, schokoladig und würzig. Auch am Gaumen viel Würze, weinig, medizinale Noten, zartbitter im Abgang.

90 Punkte
Lepanto
Solera Gran Reserva, Gonzáles Byass
36 Vol.-%, 0,7 l, € 37,–
Weinige Stilistik, Honig, Tabak, Gewürze ­angedeutet, Anmutung von Sherry. Viel ­Sherry am Gaumen, trocken und tabakig, ­reife Kakaonoten, zarte Bitternoten.

89 Punkte
Carlos I
Solera Gran Reserva, Osborne
38 Vol.-%, 0,7 l, € 23,–
Reife, dichte Stilistik, weinig und zartwürzig, Schokolade. Konsequent am Gaumen, auch weinig und süß, trockene Sherrynoten im ­Abgang, ehrlich.

89 Punkte
Torres 10
Miguel Torres
38 Vol.-%, 0,7 l, € 14,–
Dezent im Duft, mit typischem Karamell- und Rosinenaroma, zartwürzig und weinig. ­Trockener Charakter am Gaumen, Sherry, Schokolade, Walnüsse, Thymian.


Text von Peter Hämmerle
Aus Falstaff Nr. 08/2013

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