Sauvignon Blanc: Eine Erfolgsgeschichte

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Zum ersten Mal beschrieben wurde die Rebsorte im Jahr 1836 in dem von Lambert Joseph Freiherr von Babo verfassten ampelografischen Werk »Die Wein- und Tafeltrauben der deutschen Weinberge und Gärten«, und zwar mit ihrem deutschen Namen Weißer Muskatsylvaner. Heute bestehen allerdings berechtigte Zweifel, dass es sich bei Babos Traube wirklich um Sauvignon Blanc gehandelt hat. Tatsächlich stammt die Rebsorte nämlich mit ziemlicher Sicherheit aus dem französischen Loiretal, es handelt sich dabei vermutlich um eine natürliche Kreuzung aus Traminer und Chenin Blanc.

Seit wann die Rebsorte in Österreich kultiviert wird, weiß man nicht so genau. In der Steiermark geht man davon aus, dass sie erstmals am Musterweingut des legendären Erzherzogs Johann, einem Bruder des Habsburger-Kaisers Franz I., Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Namen Muskat-Sylvaner angepflanzt wurde. Unter dieser Bezeichnung hat sich die Sorte in der Steiermark in bescheidenem Umfang verbreitet und wurde meist in gemischten Sätzen zusammen mit anderen Rebsorten angebaut. Wirkliche Bedeutung hatte sie aber weder im 19. noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da sie den Weinbauern viel Arbeit bescherte und keine großen Erträge brachte.

So wäre sie um ein Haar aus den steirischen Weingärten verschwunden. Um 1980 gab es in ganz Österreich nur etwa 150 Hektar Sauvignon Blanc. Und in den Neunzigern hätten selbst Brancheninsider keinen Cent mehr darauf gewettet, dass sich die Rebfläche in absehbarer Zeit verzehnfachen würde …

Der alte Name darf heute nicht mehr verwendet werden, denn er ist doppelt irreführend: Zum einen ist die Sorte nicht mit dem Sylvaner verwandt. Zum anderen weist sie auch kein Muskataroma auf. Gerettet hat den Sauvignon Blanc – Ironie des Schicksals – der Weinskandal 1985. Mit einem Schlag waren Spätlese-Weine verpönt, trockene, säurebetonte Weißweine wurden gesucht. Eine junge Winzergeneration suchte in diesem Klima nach einem neuen Ausdruck, nahm Stilanleihen in Frankreich, Italien und Übersee, und bald wurden auch in steirischen Kellern die ersten kleinen Eichenfässer gesichtet. Nicht alle Weißweinsorten eignen sich für den Ausbau im Barrique – doch der Sauvignon Blanc gehört dazu.

Das Anbaugebiet im Thermen- und Vulkanland wird in insgesamt neun Ortsappellationen unterteilt – Straden ist eine davon.

Das Anbaugebiet im Thermen- und Vulkanland wird in insgesamt neun Ortsappellationen unterteilt – Straden ist eine davon.

© Herbert Lehmann | picturedesk.com

Stilistische Wandlung

In der Steiermark hat der Sauvignon Blanc stilistisch eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Die Weine der ersten Generation fielen durch ihr besonders intensives Bukett auf, das in der Regel grasige, unreife Nuancen und deutliche Aromen von grünen Pa­prikaschoten aufwies. Dann folgte eine Periode mit hochreifen, oft sehr kraftvollen Weinen, im Duft an dem bekannten neuseelän­dischen Vorbild »Cloudy Bay« orientiert und mit Anklängen von Cassis, Guave und reifen Stachelbeeren. Die Vinifikation im neuen kleinen Holzfass war ein nächster Schritt auf dem Weg zur Perfektion.

Mit wachsendem Erfolg der Sorte erhielt der Sauvignon Blanc immer mehr Anbaufläche. Mit beinahe 15 Prozent rangiert er heute in der Steiermark knapp hinter dem populären Welschriesling schon auf Platz zwei, in der Südsteiermark, die für ihre duftigen und frischen Weine ebenso bekannt ist wie für burgundisch ausgebaute Spitzenabfüllungen, hat der Sauvignon mit 21 Prozent Anteil bereits die Spitzenposition inne. Und vollkommen zu Recht wird die Südsteiermark heute bereits als Heimat der frischesten, aber auch der gehaltvollsten Sauvignons gerühmt. Vom flächendeckenden Einsatz kleiner Eichenfässer ist man längst wieder abgegangen, heute lässt man die besten Weine lieber im großen Holzfass ihrer Perfektion entgegenreifen. Auch in den beiden anderen steirische Herkunftszonen, dem Thermen- und Vulkanland sowie der Weststeiermark, wird etwas Sauvignon Blanc kultiviert.

Am Anfang dieses erfolgreichen Weges stand eine Handvoll engagierter Winzer, die sich die Latte hoch legten, indem sie Maß nahmen an den besten weltweit verfügbaren Weinen. Sie unternahmen Reisen zu den bekanntesten Winzern in Italien, Frankreich und Übersee, machten Vergleichsverkostungen, die von Weinkennern wie dem späteren Patron des Jaglhofs, Herbert Hirtner, organisiert wurden. Anfang der Neunziger begannen erste steirische Spitzenweine die heimische Topgastronomie zu erobern, das legendäre »Steirereck« in Wien übernahm die Botschafterrolle, Weinfreunde lernten neue Namenskombinationen kennen: Tement Zieregg, Polz Hochgrassnitzberg oder kurz HaGe, Gross Nussberg, Sattler Kranachberg – hinter diesen mysteriösen Kürzeln steckte ein völlig neues Weinerlebnis. Denn diese unverwechselbaren Lagen-Sauvignon-Blancs öffneten die Tore für eine wahre Flut an nachrückenden jungen und engagierten Winzern aus der Steiermark.

In den letzten Jahren punkteten die stei­rischen Sauvignon-Blanc-Könner mit gro­ßer Regelmäßigkeit beim Concours Mon­dial du Sauvignon, der inoffiziellen Sauvignon-Blanc-WM. Durch Reinhard Muster (MUSTER.gamlitz) im Jahr 2016, Walter Skoff im Jahr 2017, das Weingut Kodolitsch und Ewald Zweytick im Jahr 2018 und das Weingut Dreisiebner Stammhaus im Jahr 2019 erreichte die Steiermark nicht weni­ger als fünf Gesamtsieger-Titel in Folge. Zuletzt holte im März 2020 das Weingut Kratzer wieder eine »Revelation«-Trophy.

Die neue Gliederung

Seit dem Jahrgang 2018 verfügen die drei steirischen Weinbaugebiete über ein DAC-System (Districtus Austriae Controllatus), das Weinen aus kontrollierter und geschützter Herkunft vorbehalten ist. Die DAC-Weine sind in Gebietsweine, Ortsweine und Riedenweine gegliedert, die drei DAC-Gebiete der Steiermark stehen für singuläre, individuelle, verschieden gewichtige und von der Gesamtheit des jeweiligen Terroirs geprägte Qualitätsweine, die Handarbeit fürsorglicher, nachhaltiger und landschaftsverantwortlicher Winzer.

Die steirischen DAC-Gebiete sind die einzigen in Österreich, in denen die Handlese der Trauben verpflichtend vorgeschrieben ist und die Orts- und Riedenweine klar im Vordergrund stehen. Die wichtige Kategorie der Ortsweine mit DAC folgt der Untergliederung in die drei steirischen Weinbauge­biete. So ist das Vulkanland Steiermark DAC in neun Anbaugebiete, die Südsteiermark DAC in fünf und die Weststeiermark DAC in vier Anbaugebiete unterteilt. Deren Namen stehen exklusiv für die Ortsweine zur Verfügung. Bemerkenswert, aber nicht überraschend: Sauvignon Blanc ist für alle Orte die Leitsorte.

Südsteirische Vielfalt

Die fünf für den Sauvignon Blanc so wich­tigen Ortsappellationen der Südsteiermark unterscheiden sich in Sachen Böden und ­Klima ganz beträchtlich, und das spiegelt sich auch in den Weinen wider:

• Kitzeck-Sausal ist der nördlichste Teil der Südsteiermark und zu den nahen Alpen hin offen. Die kargen Schieferböden geben den Weinen eine kühle, würzige und straffe ­Mineralität.

• In Gamlitz überwiegen Sand- und Schotterböden; in den warmen und kesselförmigen Rieden entsteht ein reichhaltiges und reifes Fruchtaroma.

• In der Appellation Eichberg, einer hoch­gelegenen Hügelkette zwischen Gamlitz und Leutschach, wächst der Sauvignon Blanc auf leichten Schotter- und Sandböden, die Weine sind in der Aromatik frisch, würzig und finessenreich und zeichnen sich meist durch einen moderaten Alkoholgehalt aus.

Ehrenhausen ist die südöstlichste Ortslage. Die Weine brillieren mit feingliedrigen Zitrusnoten, mit Strukturlänge am Gaumen sowie mit reifer Säure und einem salzigen sowie feinwürzigen Abgang.

Leutschach verfügt schließlich über die südlichsten Rieden der Steiermark. Die Kalkmergelböden und die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind für eine würzige, vielfältige Ausbildung auch dunkler Aromen verantwortlich.

Im Weinbaugebiet Vulkanland DAC werden folgende neun Ortsappellationen differenziert: Oststeiermark, Riegersburg, Bad Gleichenberg, Kapfenstein, St. Peter, Straden, Tieschen, St. Anna und Klöch. In den südlich von Kapfenstein gelegenen Anbaugebieten finden sich die unterschiedlichs­ten Arten von Böden, wobei die klimatischen Verhältnisse ziemlich gleich bleiben. Die Bodenformationen ziehen sich wie eine Marmorierung durch die Weinlandschaften. Das Gebiet der Oststeiermark unterscheidet sich wegen seiner Nähe zum steirischen Randgebirge klimatisch relativ stark vom südlichen, warmen Teil des Vulkanlands.

Abschließend tragen die Ortsweine der Weststeiermark DAC von Nord nach Süd die Namen der Gemeinden Ligist, Stainz, Deutschlandsberg und Eibiswald. 

Die Spitze der Qualitätspyramide bilden die Riedenweine, hier findet der Sauvignon Blanc seinen individuellsten Ausdruck. Die Faktoren

• Einzellage mit ihrer spezifischen Geologie und ihrem Kleinklima,

• Art der Bewirtschaftung,

• Alter der Reben selbst

• und schließlich die Handschrift des Winzers, der den Wein nach seinen Vorstellungen ausbaut, finden hier ihre Vollendung.

Natürlich spielt auch der Witterungsverlauf eines Jahrgangs eine Rolle. So brachten die Jahre 2017 und 2019 alle Voraussetzung für straffe, finessenreiche und sehr lagerfä­hige Weine. 2018 zeigt sich etwas opulenter, geschmeidiger und als schon zugänglicher Jahrgang. Die 2018er sind also bereits sehr gut zu trinken, während man den tollen Rieden- und Ortsweinen aus 2017 noch Zeit gönnen darf. Die frischen, würzigen Gebietsweine 2019 bieten alles, was Freunde der Sorte in diesem Stadium schätzen: unverwechselbares, würziges Bukett, lebendiges Säurespiel und pikanten Nachhall. Kurz ­gesagt: Trinkfreude in Reinkultur.

Best of Tasting: Die besten Sauvignon Blancs

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