Sautters sonderliche Schoppen: Sankt Pauls Feld

Blick auf die Fraktionen Missian und St. Pauls in Eppan.

© eppan.com/Helmuth Rier

Blick auf die Fraktionen Missian und St. Pauls in Eppan.

Blick auf die Fraktionen Missian und St. Pauls in Eppan.

© eppan.com/Helmuth Rier

Ein befreundetes Ehepaar hatte neulich meine Frau und mich zum Abendbrot eingeladen, und das war in diesem Fall sehr wörtlich zu verstehen: Denn unsere Freunde waren gerade von einem Urlaub in Südtirol zurückgekommen und hatten von dem Bauernhof, auf dem sie gewohnt hatten, neben einem Laib Brot auch Schinken, Wurst und Käse mitgebracht. Nun bin ich es gewöhnt, dass sich Gastgeber oft nicht trauen, mir einen Wein anzubieten. Offenbar wirkt der Beruf des Weinkritikers enorm einschüchternd!

An jenem Freitagabend aber stand ohne Federlesens eine sehr ungewöhnliche Flasche auf dem Tisch, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog: eine Literflasche mit schmucklosem, mit einer Art Schreibmaschinenschrift beschriebenem Etikett. Halb amüsiert, halb skeptisch musterten mich meine Gastgeber dabei, wie ich die Flasche in Augenschein nahm: »Den Wein hat ein Bekannter unseres Gastwirts in Südtirol für den Hausgebrauch gekeltert, wir fanden ihn während unseres Urlaubs ganz schmackhaft und haben ihm ein paar Flaschen davon abgekauft.«

Erstes Beschnuppern

Während die Würste ihren appetitlichen Duft durch den ganzen Raum verströmten, floss die extrem dunkle, fast schwarze Flüssigkeit ins Glas. Beim ersten Beschnuppern zeigte sich eine deutliche Note von Spontangärung, dann schließlich auch eine pralle Frucht: Noten von Blaubeerkompott, Schwarzkirschkonfitüre und Dörrpflaumen. Der erste Schluck offenbarte einen herzhaft gekelterten Wein mit stattlichem Körper und einer recht intensiven Abgangsfrucht. Leichte Unreifetöne im Gerbstoff schienen der Harmonie nichts anzuhaben, im Gegenteil: Sie unterstrichen eher die Frische des Weins und seine genüssliche Urwüchsigkeit. Die Flasche jedenfalls war in Windeseile leer, denn große Bissen von Würsten, Käse und Schinken verlangten unwiderstehlich nach großen Schlücken Lagrein.

Vin naturel auf dem Vormarsch

Auf die verdutzte Nachfrage meiner Gastgeber, wie es sein könne, dass mir ein solch einfacher Wein schmecken könne, fühlte ich mich zu einem kleinen Exkurs in die Welt des vin naturel bemüßigt. Staunend hörten meine Gegenüber zu, als ich schilderte, dass die hipsten Weinbars in Paris, London und New York inzwischen nach genau solchen Weinen suchen, dass sich momentan gerade scharenweise vormalige Banker, Werber oder Sommeliers irgendwo in Südfrankreich oder Spanien auf ein paar Hektar Rebland niederlassen, um genau solche Weine zu keltern – und um diese dann für teures Geld in die Großstadt zu verkaufen.

Es ist schon ein kurioser Planet, auf dem wir leben. Aber ich finde den Gedanken äußerst beruhigend, dass es zumindest in den Bergen Südtirols noch echte Bauern gibt, die echte Hausweine keltern. Die Chancen stehen gut, so hoffe ich zumindest, dass sie das auch noch tun werden, wenn die Mode der vins naturels früher oder später Schnee von gestern sein wird.

Info

2013 Lagrein, Sankt Pauls Feld
nicht im Handel erhältlich
89 Falstaff-Punkte

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