August Kesseler: Großes Gewächs vom Spätburgunder / Foto: Andreas Durst
August Kesseler: Großes Gewächs vom Spätburgunder / Foto: Andreas Durst

Der Rheingau ist wohl eines der geschichtsträchtigsten deutschen Weinbaugebiete. Die Römer, Karl der Große, die Klöster – alle haben sie ihre weinbaulichen Spuren hinterlassen. Der Rheingau ist aber auch eine lang gestreckte, vielfältige Region. Er reicht vom Untermain östlich von Wiesbaden bis zu den Lagen im Nordwesten des Gebiets bei Lorchhausen.

Synonym für Riesling
Mit gut 3145 Hektar belegt der Rheingau von der Größe her zwar nur Platz acht unter den insgesamt 13 Weinbaugebieten Deutschlands. Doch dank der Weine aus Hochheim steht er als »Hock« noch heute im englischsprachigen Ausland quasi synonym für den deutschen Riesling. Dieser ist mit 80 Prozent Rebfläche zwar der Hauptakteur im Rheingau, unangefochtene Nummer zwei ist mit zwölf Prozent Fläche jedoch der Spätburgunder.


Weingut Chat Sauvage: Günter Schulz und Mathias Scheidweiler / Foto: beigestellt

Seltsamerweise assoziiert kaum jemand den Rheingau mit Rotwein, respektive Spätburgunder – im Ausland nicht, aber ebenso wenig zu Hause. Im Rheingau selbst wird überwiegend Weißwein getrunken, Rotwein oder Spätburgunder kommen in Deutschland entweder aus dem sonnenverwöhnten Baden (flächenmäßig mit 35 Prozent Deutschlands größter Produzent von Spätburgunder), aus der Pfalz (mit bescheidenen 6,5 Prozent der Gesamtfläche) oder traditionellerweise auch von der Ahr, aber Rheingau? Der rote Rheingau ist vielleicht vergleichbar mit jenem kleinen gallischen Dorf, das nicht von den Römern eingenommen wurde: Knapp 375 Hektar stehen unter roten Reben. Eine kleine Fläche, die sich aber standhaft hält: Die prozentuale Verteilung des Sortenspiegels ist über die Jahre relativ konstant geblieben.

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Teil der deutschen Rotweingeschichte
Mag der Rheingauer Spätburgunder also ein Minderheitenprogramm sein und mag es auch stimmen, dass er nicht im Zentrum des deutschen Rotweinwunders steht – gehört er doch untrennbar zur deutschen Rotweingeschichte. Man geht davon aus, dass die Zisterzienser im 12. Jahrhundert den Pinot noir im Gepäck hatten, als sie sich aus dem Burgund auf den Weg in den Rheingau machten und dort insbesondere die Hänge um Assmannshausen mit Spätburgunder bepflanzten. Sie gründeten das Kloster Eberbach, das heute wohl bekannteste deutsche Staatsweingut, und kultivierten den dort seit den Römern  betriebenen Weinbau. Zum Kloster Eberbach gehört auch die Rotweindomäne Assmannshausen, die seit den 1920er-Jahren als eigenständiges Rotweingut am Fuße des berühmten Höllenbergs einen eigenen Rotweinkeller betreibt. Die Weine der Domäne haben ein bemerkenswertes Alterungs- und Reifepotenzial.

Der Assmannshäuser Höllenberg ist die Rheingauer Lage für Spätburgunder. Er liegt am westlichen Ausläufer des Rheingaus. Seinen Namen hat er jedoch nicht von den höllisch steilen 65 Prozent Hangneigung, die dort erreicht werden können, sondern wird etymologisch hergeleitet aus dem Rheingauer »helda« für Halde oder Steillage. Der Blick vom Höllenberg bietet weite Aussicht über das Rheintal und erklärt, warum dieser Abschnitt oft romantisch verklärt wird.

Hervorragende Spätburgunder
1971 wurde die einst reine Südlage im Nebental des Rheins zum Rheinufer auf 50 Hektar erweitert. Auf 80 bis 300 Höhenmetern wird auf dem Höllenberg auf Quarzit und Taunus-Phyllitschiefer überwiegend Spätburgunder und ein winzig kleiner Teil Frühburgunder kultiviert. Der Boden sorgt für die unverwechselbare Nase, die die Spätburgunder vom Höllenberg auszeichnen – Cassis, untermalt von feiner Schiefer-Mineralik. Doch nicht nur der Höllenberg, auch auf der Assmannshäuser Lage Frankenthal wachsen hervorragende Spätburgunder, wie das Weingut Robert König mit seiner 2012er Spätlese eindrucksvoll unter Beweis stellt.


Die Spätburgunder aus Johannisberg sind aromatisch-kernig / Foto: beigestellt

Ein kurzes Stück rheinabwärts in Lorchhausen, an der Grenze zum Mittelrhein, bringt der Spätburgunder in den Lagen Schlossberg, Kapellenberg oder Pfaffenwiese wunderschöne, mineralische und feingliedrige Weine auf die Flasche. So zum Beispiel vom Weingut Chat Sauvage, das Günter Schulz und Mathias Scheidweiler erst im Jahre 2000 gründeten. Das Besondere ist, dass sie den Rebsortenspiegel quasi negativ reziprok zum Rheingau festlegten: 80 Prozent Spätburgunder, 20 Prozent Weißwein – allerdings keinen Riesling, sondern Chardonnay. In den besten Lagen des gesamten Rheingaus bauen Scheidweiler und Schulz Spätburgunder an: von den Locher Lagen über den Höllenberg und Frankenthal in Assmannshausen bis zur Johannisberger Hölle. Dabei sind die Johannisberger Spätburgunder aromatisch etwas kerniger als die duftigen Assmannshäuser und benötigen etwas mehr Zeit auf der Flasche.

Der Spätburgunder zieht stromaufwärts
Die Ausbreitung des Spätburgunders beschränkt sich jedoch nicht nur auf den westlichen Rand des Rheingaus. Da er hier offenbar gut zu gedeihen schien, wanderte er stromaufwärts bis nach Hochheim, der östlichsten Markierung des Rheingaus. In Hochheim selbst erzeugt das Weingut Himmel exzellente Spätburgunder aus der Lage Hochheimer Stein. Eine weitere bekannte Lage ist das Reichestal, das genau an der Mündung vom Main in den Rhein liegt und dessen Name auf die Reichhaltigkeit bzw. auf dessen Fruchtbarkeit zurückzuführen ist. Dort baut z. B. das Weingut Künstler neben dem Hochheimer Stein Spätburgunder an, die hier am östlichsten Rand des Rheingaus oft ein wenig kräftiger und fleischiger schmecken als die­jenigen aus Lorch oder Assmannshausen.

Flussabwärts in Walluf hat Hans-Josef Becker sein Weingut J. B. Becker und bewirtschaftet hauptsächlich die Lage Wallufer Walkenberg. Becker hat mittlerweile auf ökologischen Weinbau umgestellt, er vergärt seine Weine spontan und baut seine Spätburgunder bis zu drei Jahre lang aus. Diese gelten übrigens, genau wie seine Rieslinge, als außerordentliche Langstreckenläufer mit hohem Reifepotenzial.
In Oestrich-Winkel sitzt das Weingut Allendorf, das neben seinem Portfolio an Riesling nicht nur Spätburgunder, sondern auch Frühburgunder und Schwarzriesling anbaut. Die Spätburgunder kommen dabei allerdings nicht aus den Lagen um Oestrich, sondern aus Assmannshausen vom Höllenberg und Hinterkirch.

Voll und kräftig
Folgen wir der B42 den Rhein entlang abwärts, durchqueren wir Geisenheim und kommen schließlich ins Epizentrum des Rheingaus, nach Rüdesheim am Rhein. Dort, am Rüdesheimer Berg, stehen in der Lage Berg Schlossberg die Reben für August Kesselers Großes Gewächs vom Spätburgunder. Diese hat im Vergleich zum Höllenberg mehr Sonnenstunden und bringt somit vollere, tannin-stärkere und kräftigere Weine hervor. Der Wein wird von Kesseler nur in besonders guten Jahrgängen produziert.

Noch rarer allerdings als Kesselers Berg Schlossberg ist der Rotwein vom Weingut Robert Weil: Erstens wurde er die letzten ­Dekaden über nur für den eigenen Bedarf ­erzeugt. Zweitens ist er nun ganz verschwunden. Wilhelm Weil hat die Spätburgunder-Rebflächen letztes Jahr gerodet.

Text von Sebastian Bordthäuser

Aus Falstaff Deutschland 03/14

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