Weinkellerei Corvus
Weinkellerei Corvus © Foto beigestellt

Während eines Besuchs in der Türkei vor etwa zehn Jahren kostete ich einige der ­regionalen Weine, stieg aber recht bald auf Bier um. Die Weinqualität war zumindest in den von Touristen frequentierten Restaurants mittelmäßig. Wenn es wirklich bessere Qualitätsweine auf dem Markt gab, fand ich sie damals nicht.
Als ich Anfang 2010 in die Türkei zurückkehrte, hatte ich deshalb keine hohen Erwartungen und war umso überraschter über die Qualität der Weine. Bei einer Bevölkerung von etwa 70 Millionen Menschen ist ein großer heimischer Markt zu versorgen, und obwohl das Land überwiegend muslimisch ist, hat ein Großteil der Einwohner eine relativ lockere Einstellung zum Alkoholkonsum, besonders im dicht besiedelten westlichen Teil des Landes rund um Istanbul und Izmir. Den türki­schen Weingütern war sehr wohl bewusst, dass sie anderen Weinländern hinterherhinkten, und Unternehmen, die sich Hoffnungen auf Exporte machten, war klar, dass sie die Qualität rasch ­verbessern mussten.

Dies ist auch tatsächlich geschehen, wenngleich der Aufschwung türkischer Weine erst 2005 begann. Im Jahr 2006 engagierte sich ein kalifornischer Berater intensiv auf dem Weingut Kayra, vor Kurzem übernahm der französische Weinhersteller Edouard Guérin die Verantwortung für das Weingut Turasan in Kappadokien – und das junge Winzerteam im bekanntesten Weinbaubetrieb des Landes – Kavaklidere – sammelt im­mer mehr Erfahrung durch seine Beteiligung an Weinlesen in Ländern wie etwa Neuseeland.

Internationale und heimische Sorten
In der Türkei gibt es zwei verschiedene Herangehensweisen, was die Sortenauswahl betrifft: Viele Weingüter konzentrieren sich nach wie vor auf die heimischen Rebsorten, unter denen sich einige extrem gute finden lassen. Andere, wie zum Beispiel Corvus, setzen auf internationale Weine: Cabernet, Syrah und Bordeaux-Cuvées sind immer häufiger anzutreffen. Viele reiche Türken trinken lieber einen guten, wenn auch teuren lokalen Cabernet als einen Wein aus türkischen Sorten – so gut dieser auch sein mag.

Türkische Traubensorten
Obwohl ich finde, dass viele Weine aus französischen Trauben von guter Qualität sind, befinden sie sich doch im Wettstreit mit ähnlichen Weinen aus Chile, Kalifornien oder Australien. Wenn jemand die Weine der Türkei erforschen oder kaufen will, ist es sinnvoller, solche aus einheimischen Sorten zu verkosten, weil die zumindest ihren eigenen Charakter haben. Doch diese Weine werden es nicht leicht haben, das Interesse von Kunden außerhalb der Türkei auf sich zu ziehen, da viele

Weinlese
Weinlese
Namen der Traubensorten schwer auszusprechen und noch um einiges schwieriger in Erinnerung zu behalten sind. Es wäre wahrlich eine mutige Person, die einen Sommelier fragt, ob er einen guten Öküzgözü zum Abendessen empfehlen kann.
Im Großen und Ganzen sind die Rotweine interessanter als die Weißen, weil Letztere nach wie vor aus nichtssagenden Rebsorten wie etwa der Tafeltraube Sultaniye hergestellt werden. Es gibt auch einige blasse Muskateller, aber interessanter sind Narince, die vorwiegend nördlich von Ankara angebaut wird, und Emir, eine Spezialität aus Kappadokien. Bei beiden handelt es sich um Trauben mit hohem Säuregehalt, doch die Weine sollten jung getrunken werden, besonders Narince. Emir kann in der Flasche reifen, verliert jedoch seinen rassigen Charakter und wird eher schal und stumpf. Es gibt einige sehr alte, mit Emir bepflanzte Weingärten in Kappadokien, wobei die Rebstöcke mit Erde angehäuft werden müssen, um sie vor Winterkälte und Frühlingsfrost zu schützen.
Dadurch wird es kostspielig, alte Emir-Reben zu kultivieren, und es ist fast schade, dass so viel Aufwand und Pflege in eine Traubensorte gesteckt werden, die wohl erfrischende, aber doch oberflächliche Weine liefert. (Es gibt übrigens auch einen Riesling in der Türkei, der von Doluca angebaut und vinifiziert wird; die Trauben wurden vor vielen Jahrzehnten von einem der Gründer des Unternehmens hier hergebracht, und der Wein ist erstaunlich gut.) Keine Frage, die Roten sind interessanter.

Kalecik Karasi, Öküzgözü und Bogazkere
Ob

Vinkara Kalecik
Vinkara Kalecik
wohl es heißt, dass es insgesamt 800 genetisch differenzierte Sorten gibt, stechen drei hervor: Kalecik Karasi, Öküzgözü und Bogazkere. Kalecik Karasi stammt ursprünglich aus der Gegend um Ankara, wird aber mittlerweile großflächig im ganzen Land angebaut und ist zur roten Lieblingstraube in der Türkei geworden. Ihr Wein hat geschmacklich zwar keine große Tiefe, aber dafür beachtlichen Charme. Er erinnert ein wenig an einen Beaujolais oder Bardolino. Die Weine haben für gewöhnlich einen leichten Körper, aber gleichzeitig ein gewisses Tanninrückgrat. Sie sind als Rotwein als Sommergetränk zu genießen, oder aber auch als Rosé, obwohl sich nur die wenigsten Hersteller über ihr Potenzial als Rosé bewusst sind, da dieser rätselhafterweise in der Türkei nie wirklich populär war.

Öküzgözü ist schwerer und kommt aus der östlichen Türkei sowie der ostanatolischen Provinz Elazig. Die Sorte wird aber auch in anderen Teilen des Landes angebaut. Die Weine haben mehr Substanz und Konsistenz als Kalecik Karasi. Öküzgözü ist aufgrund der dicken Schalen und großen Beeren oft schwer zu kultivieren und zur Reife zu bringen. Er profitiert von der Lagerung im Eichenfass, aber vermutlich nicht in neuen Fässern.

Noch eine Spur faszinierender als Öküzgözü ist Bogazkere, der in der südöstlichen Türkei beheimatet ist. Hierbei handelt es sich um eine Traube mit sehr hohem Tanninanteil, vergleichbar mit jenem von Tannat oder Sagrantino. Das bedeutet, dass der Wein, wenn die Tannine nicht komplett ausgereift sind, in der Tat sehr hart sein kann. Oder, wie Daniel O’Donnell, der Weinhersteller bei Kayra, meint: »Unreifer Bogazkere ist ein wenig so, als würde man an Stahlwolle kauen.« Eines der Hauptprobleme besteht darin, dass die besten alten Weinberge in der Provinz
Bogazkere Traube
Bogazkere Traube
Diyarbakir im Besitz kurdischer Bauern sind. Als religiöse Muslime verkaufen sie ihre Trauben nicht direkt an Weinunternehmen, wodurch alle Transaktionen über Zwischenhändler ablaufen. Zudem werden die Verhandlungen aufgrund des Stammessys­tems in diesen kurdischen Ortschaften mit dem Dorfoberhaupt geführt und nicht direkt mit den Bauern. All dies bereitet Managern von Weinproduktionsbetrieben Kopfzerbrechen beim Kauf von Bogazkere, und das mag auch der Grund sein, weshalb diese Sorte nun auch andernorts in der Türkei angebaut wird. Nichtsdestotrotz werden im süd­östlichen Anatolien die besten Resultate erzielt. Bogazkere wird oft mit Öküzgözü verschnitten – ­eine Kom­bination, die gut funktioniert, da sie die Fruchtigkeit von Öküzgözü mit der Konsistenz von Bogazkere vereint. Beim berühmtesten (aber bei Weitem nicht besten) Wein der Türkei – Buzbag – handelt es sich übrigens um einen solchen Verschnitt. Darüber hinaus gibt es noch einige andere interessante Trauben, die allerdings auf einzelne ­Gegenden beziehungsweise Inseln beschränkt sind und nur selten auf Weinetiketten aufscheinen.

Doluca
Ein Besuch in der Weinkellerei Doluca, die nahe der Dardanellen und der griechischen Grenze liegt, gab mir die Möglichkeit, zahlreiche Mitglieder der Familie Kutman, der das Unternehmen gehört, kennenzulernen. Ahmet Kutman studierte Mitte der 1960er-Jahre an der University of California in Davis und wurde von dem
Weinernte
Weinernte
Ausmaß und der Qualität von Weinkellereien wie Beringer und Mondavi inspiriert. Nachdem er in die Türkei zurückgekehrt war und in den frühen 1980er-Jahren den Betrieb übernommen hatte, führte er Edelstahltanks, Temperaturkontrolle und andere damals moderne Technologien ein. Die Verbesserungsmaßnahmen in den Weinbergen, wie etwa weniger Erträge und geringerer Einsatz von Düngemitteln, brauchten zwar etwas länger, doch Joint Ventures führten zur Anlage moderner Weinberge, in denen vorwiegend internationale Sorten angebaut werden. Ahmets Vater hatte in den 1920er-Jahren in Geisenheim studiert und war der erste ­Türke, der ausländische Rebsorten wie Semillon, Riesling und Gamay importierte. Heute besitzt ­Doluca rund 350 Hektar, die über die gesamte Tür­kei verteilt sind, und ist derzeit dabei, eine neue Weinkellerei näher bei Istanbul zu errichten, da sich die bestehende Kellerei beunruhigend nahe an einer Erdbebenlinie befindet. Australische Weinbe­rater wurden engagiert, um sicherzustellen, dass die Stile der Weine dem zeitgenössischen Geschmack entsprechen.

Das Sortiment von Doluca ist komplex und beinhaltet unter anderem Sarafin-Weine aus den 100 Hektar großen neuen Weinbergen rund um Gallipoli, die mittelklassigen DLC-Weine und die Kav-Auslesen. Das Karma-Sortiment, bei dem türkische mit internationalen Sorten verschnitten werden, ist nicht immer erfolgreich, doch die Kav-Tugra-Weine aus Kalecik Karasi und Bogazkere sind wirklich gut. Dasselbe gilt für die Weine, die aus dem jüngst gesetzten Weinberg Alçipete, eben­falls in der Nähe von Gallipoli, gewonnen werden.

Turasan

Turasan Emir
Turasan Emir

Obwohl die in Familienbesitz befindliche mittelgroße Weinkellerei Turasan ihren Hauptsitz in Kappadokien hat, werden Trauben aus verschiedensten Teilen des Landes zugekauft. Der Weinhersteller Edouard Guérin erzeugt einige der besten Weißweine der Türkei: lebendigen, apfeligen Emir, saftigen, fassfermentierten Narince und toastigen Chardonnay mit einem guten Säurerückgrat. Die Roten sind nicht ganz so ansprechend, obwohl der Öküzgözü aus dem Jahrgang 2008 sowie eine Bordeaux-Cuvée derselben Lese vielversprechend sind.

Corvus
Resit Soley war bis vor Kurzem noch einer der bekanntesten Architekten der Türkei

Corvus Corpus
Corvus Corpus
und auch in gro­ßem Ausmaß international tätig. Er gab seine Profession auf, um sich seiner Weinkellerei Corvus auf der Insel Bozcaada zu widmen. Obwohl er Weine aus heimischen Sorten unter Verwendung von Trauben, die nur oder vorwiegend auf der Insel zu finden sind, in teilweise faszinierenden Flaschenabfüllungen erzeugt, hat Soley auch eine Vorliebe für internationale Sorten. Sein Malbec 2006 war der erste Wein seiner Art in der Türkei, doch persönlich bevorzuge ich seine zahlreichen Verschnitte aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah, ganz besonders jene Cuvées, die er Corpus und Crutürk nennt. Diese werden in ei­nem sehr internationalen Stil erzeugt und könnten bei einer Blindverkostung sehr leicht für Weine aus Kalifornien oder Chile gehalten werden. Ich stufte sie bei einer Blindverkos­tung hoch ein, während ­andere Degustatoren sie zu konzentriert fanden.

Die türkische Weinzukunft
Es ist schwer zu sagen, ob türkische Weine jene Anerkennung bekommen werden, die sie verdienen. Es gibt einen heimi­schen Markt für diese Weine, aber er ist nicht extrem groß. Bei den Millionen von Ausländern, die es jährlich in die Türkei zieht, handelt es sich größtenteils um Pauschaltouristen, die eher billigen Wein und Bier möchten als ein gastronomisches Erlebnis. Ein florierender Schwarzmarkt beliefert Bars, Hotels und Restaurants mit einigen wirklich furchtbaren Weinen (ich verkostete eine Reihe davon und spreche aus eigener Erfahrung!), wodurch Touristen, die die legalen Weinkellereien der Türkei nicht kennen, eine böse Überraschung erleben könnten. Dieser beträchtliche Schwarz-
markt fügt dem Ruf der türkischen Weine zweifellos enormen Schaden zu.

Was weltweite Weinenthusiasten betrifft, werden einige wohl die verschiedenen Aromen und Stile der türkischen Weine verlockend finden, doch gibt es, was Neuheiten betrifft, starke Konkurrenz aus vielen anderen Teilen der Welt.
Im Grunde sind es diese Weine wert, sie näher kennenzulernen, und ich habe das starke Gefühl, dass sich das Potenzial für gute und charaktervolle Weine aus der Türkei gerade erst zu ent­wickeln beginnt.

von Stephen Brook

aus Falstaff Deutschland 02/2010

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