Angela und Peter Jakob Kühn haben das Weingut seit den achtziger Jahren Schritt um Schritt in die Rheingauer Spitzenklasse geführt.​ / © Andreas Durst

Was ist das nur für ein Gesichtsausdruck, wenn dieser Mann über seine Weine spricht? Miene und Gestik scheinen etwas von tief drinnen nach außen holen zu wollen, zugleich wirkt der Blick entrückt, auf der Suche. Als ließen sich die richtigen Wörter irgendwo da droben im Universum ab­lesen und müssten mit den Augen eingesammelt werden wie im Herbst die Träubchen am Rebstock.

Bei Peter Kühn, das wird jedem klar, der ihm begegnet ist und gemeinsam mit ihm seine Weine probiert hat, passt kein Millimeter zwischen Person und Werk. Kühns Konsequenz ist zuallererst eine sich selbst gegenüber. Das hat es ihm nicht immer leicht gemacht – ihm selbst nicht und ebenso wenig denen, die ihm zu folgen versuchten.

Rückblende: Man schreibt das Jahr 1992, als in Münsters »Hotel Krautkrämer«, da­­­mals eine Bastion des deutschen Weins, ein vergleichsweise junger Mann von 38 Jahren die Trophäe für den besten trockenen Riesling des Jahrgangs 1991 überreicht bekommt. Ein Weingut Kühn aus Oestrich kannten damals nur Rheingau-Insider. Obwohl der Betrieb damals bereits auf 200 Jahre Familientradition zurückblickte, war das Gut überregional kaum je in Erscheinung getreten.

Erste Schritte zum Biowein
Das änderte sich, als Peter Jakob Kühn und seine Frau Angela den Betrieb übernahmen. Sie bauten am Ortsrand von Oestrich ein neues Betriebsgebäude in den Weinberg. Etwa zeitgleich zu jenem ersten Triumph mit dem schwierigen 1991er-Jahrgang reifte in dem jungen Paar der Entschluss, auf Herbizide und auf synthetischen Dünger zu verzichten und sich dem Ökoanbau zuzuwenden. Angela Kühn erinnert sich mit Amüsement an die Anfangsjahre und an die Notwendigkeit, sich zu erklären: »Wenn Kunden mit einem Reizwort kamen, dann hielt mein Mann gerne auch einmal einen halbstündigen Vortrag über die Entmündigung der Winzer durch die chemische Industrie.«

Andererseits – ein Selbstgänger war die Umstellung natürlich nicht. »Wenn ich damals nicht bereits gewusst hätte, welch gute Verbindung mein Mann zu den Reben hat, wenn ich nicht auf seine Nähe zu ihnen vertraut hätte …« Ein Satz, der keinen Abschluss benötigt, um verständlich zu sein. Das Risiko war da, und es war groß – zumal für die Kühns immer galt: ganz oder gar nicht. Es wäre nie infrage gekommen, nur die Parzellen rund ums Haus umzustellen. Wenn schon bio, dann auf der ganzen Fläche.

Spontangärung und Biodynamik
Im Lauf der Jahre bemerkte die Familie, dass die Trauben, die sie nun in ihren Weinbergen las, andere waren als früher: Sie erlangten einen intensiveren aromatischen Ausdruck und erschienen knackiger und frischer. Sollten diese so sorgsam produzierten Früchte im Keller mit austauschbarer Technik zu Wein werden? Darüber kamen Angela und Peter Kühn mehr und mehr Zweifel.

Anfang der 2000er-Jahre begann Peter Kühn, seine Moste immer häufiger spontan vergären zu lassen. Schließlich, im Jahr 2002, keimte wie eine logische Folge der Gedanke an Biodynamik auf. Kühn begann sich mit den Lehren Rudolf Steiners zu beschäftigen, und je mehr er darüber erfuhr, desto mehr packte ihn zusätzliche Neugier. Er begann zu reisen: Er traf Joško Gravner und Stanko Radikon im Friaul, Alois Lageder in Südtirol, die Familie Saahs vom Nikolaihof in der Wachau, er reiste nach Vertus an die Côte des Blancs zu Champagne Larmandier-Bernier, ließ keine der Biodyn-Adressen des Elsaß aus, fuhr nach Burgund und an die Loire. Und stellte überall dieselben Fragen: Was macht ihr genau? Wie, wann, wo?
 

Das Weingut Kühn in Oestrich-Winkel in der Pfalz. © Andreas Durst


Das Weingut Kühn in Oestrich-Winkel im Rheingau. © Andreas Durst

Es muss für Peter Kühn eine spannende Zeit gewesen sein – Lehr- und Wanderjahre im reifen Lebensalter, die ihm ein neues Ausmaß an Unabhängigkeit versprachen: die Befreiung von der Last des Anpassungsdrucks und aus der Enge, die er im Alltag des konventionellen Weinbaus mit seinen starren technischen Rezepten verspürte.

Und wieder galt für Kühn: keine halben Sachen! Statt sich die biodynamischen Präparate im Versandhandel zu besorgen wie viele seiner Kollegen, legte es Kühn von Anfang an darauf an, sie selbst zu bereiten. Und er bemerkte, dass das abermals seinen Blickwinkel auf die Weinberge und ihre Umwelt veränderte. Fast das ganze Jahr über gilt heute ein Teil von Kühns Arbeitsplan jenen Pflanzen, die für die Bereitung der Präparate erforderlich sind. Dabei geht es um unzählige (scheinbare) Kleinigkeiten. Wenn der Löwenzahn Blühtage hat, muss man zu Hause sein und sich die Zeit nehmen, ihn zu sammeln und zu trocknen. Hornmist und Hornkiesel, Schachtelhalm- und Weidenrutentee, Kräuterprodukte, die wie homöopathische Medikamente eingesetzt werden: Es ist die Summe der Aufmerksamkeit für diese Produkte und ihre Anwendung, die den Erfolg der Biodynamik ausmachen. »Den meisten Menschen erscheinen diese Dinge fremdartig«, sagt Angela Kühn, »doch eigentlich macht jeder, der bei einer Magenverstimmung einen Kamillentee trinkt, nichts anderes.«

Späte Anerkennung
Die ideologische Befreiung vom Mainstream hatte indes Folgekosten. Mit ihrem ungeschminkt ehrlichen Charakter polarisierten Kühns neue Weine. Jugendliche Zugänglichkeit war keine Kategorie, für die sie gemacht waren, und entsprechend oft wurden sie verkannt, selbst in Fachkreisen: So versagte die Rheingauer Prüfungskommission dem Doosberg des Jahrgangs 2009 die Anerkennung als Erstes Gewächs. »Schmerzhaft« nennt Kühn die Erinnerung an diese Tage. »Zum Glück ging die Ausgrenzung nicht von der ganzen Weinwirtschaft aus. Das hat uns den Glauben gegeben weiterzumachen.« Heute zeigen Jahrgänge wie 2007, 2008 und 2009 mit zunehmender Reife, zu welcher Komplexität diese Weine gelangen können, wenn man ihnen denn nur Zeit gibt.

 

Family-Business: Vater Peter Jakob und Sohn Peter Bernhard Kühn. © Andreas Durst


Family-Business: Vater Peter Jakob und Sohn Peter Bernhard Kühn. © Andreas Durst

Einen nicht minder verstörenden Wein hatte Kühn im Jahrgang 2005 gekeltert. Damals hatte er zwei Tongefäße gekauft und sie bei sich im Keller in große, mit Erde gefüllte Stahlwannen getopft. Im Herbst vergor er in ihnen Rieslingtrauben, presste nach einigen Monaten ab und gab den Wein zurück in die Amphoren. Im Herbst 2009 wurde der Wein unfiltriert abgefüllt – eine rotgoldene Flüssigkeit mit einem wilden Aromenmix von oxidativen Tönen und Noten von Kräutern, Hefe, Gummi und getrockneter Aprikose. »Ich war unsicher, ob man einen solchen Wein wirklich anbieten darf«, sagt Kühn. Schließlich konnte er seiner eigenen Faszination nicht widerstehen: »Mich begeistert einfach dieser Trinkfluss.« Verständlich angesichts einer Gaumenstruktur, die prall mit Spannung angefüllt ist und Säure, Tannin und Mineralität dicht zusammenführt.

»Er ist an sein Ziel gekommen«, sagt Kühn über seinen Amphorenwein. Ob man das Gleiche auch vom Winzer selbst sagen kann? Selbst wenn mit Peter Bernhard Kühn schon die nächste Generation bereitsteht: Mit 61 ist Peter Jakob Kühn noch viel zu jung, um sein Werk mit einem abschließenden Blick zu würdigen. Doch eines ist klar: Das, was da von tief drinnen nach außen strömt, wenn dieser Mann von Wein spricht – und wahrscheinlich auch, wenn er Wein macht –, das erneuert sich stets und bleibt sich dennoch auch treu. Kann es eine bessere Basis geben für ein großes Lebenswerk, ein rundes?

Peter Jakob Kühn auf der Falstaff Wein Trophy 2016:

 

 

 

 

Von Ulrich Sautter
Aus Falstaff Deutschland 02/2016

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