No-Show-Debatte: Ohne Anstand

© Denys Karlinskyy

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Am Tag der Liebe ist Alvaro Rodrigo Piña Otey der Kragen geplatzt. Piña Otey, 38, gehört das »Bistro Carmagnole« im Hamburger Schanzenviertel, ein authentisches Nachbarschaftsbistro mit 35 Sitzplätzen. Für den Valentinstag der vergangenen Woche war er lange im Voraus ausgebucht, doch dann häuften sich die Absagen. Ein Pärchen sagte eine Stunde vor der reservierten Zeit ab, eine Sechser-Gruppe kam nur zu dritt, etliche Gäste erschienen einfach gar nicht, ohne Bescheid zu geben. Insgesamt blieben an diesem Abend fast zwei Drittel aller Plätze leer: 23 Reservierungen tauchten nie auf. Eine No-Show-Quote mit Rekordpotenzial. Umso bitterer, weil Piña Otey etlichen interessierten Gästen abgesagt hatte, da sein Bistro vermeintlich bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Abends verfasste Piña Otey ein Posting auf der Facebook-Seite des »Carmagnole«, in dem er seine Situtation öffentlich machte. »Wir sind gerade etwas sprach- und ratlos«, schrieb er unter einem Screenshot seines Buchungssystems mit zehn Absagen. Mindestens 1000 Euro Umsatzeinbußen bedeute das, was für sein Restaurant das Aus bedeuten könne. Wegen ein »paar Idioten« wolle er seinen Laden nicht irgendwann schließen müssen. Schon kurze Zeit später machte das Posting die Runde, bekam hunderte Likes wurde zigmal geteilt. Gastronomen solidarisierten sich mit dem »Carmagnole«-Besitzer, während andere Benutzer hitzig über die Entscheidung des Besitzers stritten.

»Dass mein Text so eine Wirkung hat, hätte ich nicht gedacht«, sagt Piña Otey im Gespräch mit Falstaff. »Es ging darum, unserem Ärger Luft zu machen. Wir wollten Menschen, die potenziell so handeln, den Spiegel vorhalten.« Für Piña Otey ist eine kurzfristige Absage nicht verständlich. Zumal sich dieses Phänomen immer an bestimmten Tagen beobachten lasse, wie etwa an Ostern und am Valentinstag. Dass manche Besucher ihre Reservierung nur als eine Option von vielen sehen und nie wirklich kommen wollen, liegt nahe. Die Rechnung zahlt der Gastgeber, der bestellte Ware nicht nutzen kann.

Tickets für den Restaurantbesuch

Wie man gegensteuern kann, zeigt die Spitzengastronomie: Etliche Gastronomen von Fine-Dining-Restaurants akzeptieren keine unverbindlichen Reservierungen mehr. In Berlin war das »Ernst« einer der Vorreiter, und auch im mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten »Nobelhart & Schmutzig« muss man zwingend seine Kreditkarten-Daten bei der Reservierung eingeben. Billy Wagner, Inhaber vom »Nobelhart & Schmutzig«, fasste die Ausreden der Gäste einmal so zusammen: »So viele Katzen und Hunde, wie überfahren werden, kann es gar nicht geben.«

In Hamburg hat der Koch und Inhaber vom »100/200«, Thomas Imbusch, die Idee konsequent zu Ende gedacht: Man muss sich das Ticket für einen Besuch in seinem Restaurant vorher kaufen. »Meine No-Show-Rate liegt bei null Prozent«, sagt Imbusch gegenüber Falstaff. Von knapp 4000 Gästen, die sich ein Ticket gebucht hätten, seien alle gekommen. »Wirtschaftlich ist es die beste Entscheidung, die wir getroffen haben«, sagt Imbusch.

In Thomas Imbuschs »100/200« liegt die No-Show-Rate dank Tickets bei Null Prozent.

In Thomas Imbuschs »100/200« liegt die No-Show-Rate dank Tickets bei Null Prozent.

© René Flindt

»Carmagnole«-Besitzer Piña Otey hält ein solches System für sein Restaurant für unpassend. »Wenn ich hier für 16 Euro eine Merguez essen möchte, will ich nicht vorher meine Kreditkarten-Daten angeben«, sagt er. Tatsächlich sind kleinere Nachbarschafts-Restaurants wie das »Bistro Carmagnole« in einer schwierigen Lage. Einerseits kann man sich solche Umsatzeinbußen durch No-Shows nicht leisten, es zählt jeder Gast. Andererseits soll die Schwelle zum spontanen Abendessen nach Feierabend möglichst niedrig bleiben, ein Reservierungsprozess stünde dem entgegen.

Vielleicht muss man mehr an den Anstand der Gäste appellieren. Nicht oder sehr spät absagen – so etwas tut man einfach nicht. 

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  • Restaurant
    Bistro Carmagnole
    22769 Hamburg
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    Ethno/International
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  • Restaurant
    100/200
    20539 Hamburg
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