Nik Weis: Von Zinnsoldaten und ewigem Weinbau

© Simon Marian

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Derzeit reden alle über das Terroir als Haupteinfluss für den Wein, und die Herkunft ist ja auch wichtig, aber oft wird dann die Rebe an sich völlig außer Acht gelassen. Selbst unter Winzern hört man da sehr wenig. Wenn es ein Thema ist, dann hört man was über alte Reben, und der weininteressierte Kunde fragt: »Ja wie alt sind die denn, und was zeichnet die aus?« Dann kommt vom Winzer meist: »Alte Reben wurzeln tief.« Und das ist ja auch erst mal richtig. Wenn man das, was man über der Oberfläche vom Rebstock sieht, ins Verhältnis setzt zum Wurzelbaum unter der Erde, dann ist das Verhältnis bei einem zehnjährigen Stock eins zu eins, bei einem 40-jährigen Stock ist die Wurzelfläche um ein Vielfaches größer als der Stock mitsamt dem Laub über der Erde.

Trotzdem wird das alte Reben-Thema oft falsch verkauft – indem man nämlich sagt: Der Weinberg wurde um 1900 gepflanzt. Ich spreche viel lieber vom »ewigen Weinbau«. Denn in diesem alten Weinberg ist natürlich im Laufe der Zeit immer mal eine Rebe gestorben. Ist ja kein Wunder, das ist wie bei allen Lebewesen. Manche sterben durch Krankheiten, andere durch Hitze oder Frost oder tierische Schädlinge. Oder auch, wie man früher sagte, am »Eisenwurm«, wenn man einen Stock mit dem eisernen Pflug erwischt hatte. Und wenn man in einem solchen alten Weinberg die ausgefallenen Stöcke nachgepflanzt hat, dann passierte das natürlich nicht mit demselben Pflanzgut wie ursprünglich. Da kommt über die Jahre eine große genetische Varianz zusammen! Wenn jemand 1930 nachgepflanzt hat, dann kamen die Reiser von einer anderen Rebschule und von einem anderen Klon als nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den Siebzigerjahren.

Jetzt müssen wir in unserer Betrachtung an die Mosel zoomen. Bei uns war das erste einschneidende Erlebnis das Edikt von Clemens Wenzeslaus 1787: »Ihr habt jetzt zehn Jahre Zeit und müsst dann alles auf Riesling umgepflanzt haben.« Das war ein absoluter Game-Changer – die letzten 200 Jahre hat man sich hier fast nur noch um Riesling gekümmert, wenn man davon absieht, dass im 19. Jahrhundert hier und dort auch etwas Pinot Noir wuchs. Und dann kam mit dem Amerikahandel auf einmal der falsche Mehltau. Peronospora kannte man ja vorher gar nicht. Anschließend kam gleich der nächste Hammer, die Reblaus. Eine Totalkatastrophe.

Beginn der Klonenzüchtung

Als man schließlich den Weg des Pfropfens auf reblausresistente Unterlagsreben gefunden hatte, musste enorm nachgepflanzt werden. Das hat die damaligen deutschen Nationen dazu veranlasst zu sagen: Das machen wir zur Chefsache. Also hat man staatliche Institute gegründet. In Hessen-Nassau wurde dem schon existierenden Pomologischen Institut eine Forschungseinrichtung für Weinbau angefügt, so ist Geisenheim entstanden. Ähnlich ging es in Kreuznach, Trier, Bullay, Neustadt, Veitshöchheim und so weiter. Das war der Beginn der wissenschaftlichen Klonenzüchtung. Die Rebenvermehrung, zumindest so weit man es kontrollieren konnte, fand nur an Instituten statt.

Das heißt, ein Winzer ist nach Bullay gegangen und hat dort Reben gekauft, dadurch hatte der Staat die Kontrolle, so war das bis zum Zweiten Weltkrieg. Das darf man nicht außer Acht lassen, wenn man sich mit historischer Genetik beschäftigt. Dann kam wieder ein gravierender Einschnitt, zunächst der Krieg selbst mit seinen schrecklichen Auswirkungen, und dann die Gründung der Bundesrepublik mit neuen Gesetzen, neuen Beratern und neuen Leuten. Da hat man gesagt: Wir haben so einen Bedarf an Nachpflanzungen, dass wir das mit staatlichen Mitteln gar nicht stemmen. Wir müssen die Winzer ins Boot holen. Und hat an die Länder verwiesen.

Rheinland-Pfalz hat dann die private Rebenproduktion gestattet, wenn sie in Abstimmung mit den Instituten stattfand. Daraufhin hat mein Großvater die erste private Rebschule in Rheinland-Pfalz gegründet, gemeinsam mit einem jungen Russlandheimkehrer, Josef Rules, der sich aufs Rebenveredeln spezialisiert hatte. Da mein Großvater politisch unbelastet war, bekam er die Genehmigung ohne Weiteres. Rules hat das Know-how mitgebracht und mein Großvater das Land und das Risiko. Die beiden sind dann nach Bullay, wo man ihnen den Klon 21B verkauft hat. Aus diesem Holz entstand der Klon Weis 21, und daraus folgten später die Klone Weis 1 und 17.

Hermann Jostock (l.) und Nik Weis verstehen sich als Kuratoren des weinbaulichen Erbes ihrer Heimat.

© Simon Marian

Ein wahrer Bildersturm

Nun müssen wir in die Sechziger- und Siebzigerjahre springen und zur Flurbereinigung. Durch die Realteilung waren die Flächen in kleinste Stücke gehackt. Da musste der Winzer dann durch die Parzellen von zig anderen Leuten durch, um an sein kleines Stückchen zu kommen. So ist es kein Wunder, dass man sich sagte, da müssen wir mal aufräumen. Das war im Grunde genommen ja auch richtig, aber man hätte es anders machen müssen. Mein Großvater war einer der führenden Köpfe bei der Flurbereinigung, aber heute würde er das sicher auch anders machen. Er hat damals gesagt: »Jede Familie soll zwölf Fuder Wein im Jahr zur Verfügung haben, für jeden Monat eines.« Ein Fuder Wein war bis zu 3000 Mark wert, fast der Gegenwert eines Kleinwagens. Völlig verständlich unter den Umständen der damaligen Zeit.

Aber plötzlich war zu viel Wein da – und zu viel schlechter Wein. Die Flurbereinigung brachte eine enorme Arbeitserleichterung, doch die Weinqualität sank. Denn man hatte nicht nur Wege gebaut, damit man mit einer Seilwinde in den Steilhang kam, sondern man hatte alles umgestaltet, sodass man mit dem Traktor fahren konnte, man hatte versiegelte Mauern errichtet, mit Geländer und Drainagen. Aus so einem Berg wurde eine wahre Industrieproduktionsstätte gemacht. Aber hat etwas Charme, das wie die Stadt Donezk aus dem Boden gestampft wurde? Nein! Hat Rom Charme? Ja!

Und in der Flurbereinigung wurde auch die alte Genetik rausgerissen. Das ist so, als ginge man in ein altes Schloss und würde sagen: ein Stuhl im Stil Louis von XIV.? Oh Gott, der quietscht und wackelt, ab damit zum Sperrmüll. Und genauso ist man mit den alten Weinbergen umgegangen. Man hat alles schön zugepflastert mit Zinnsol­daten-Reben.

»Hat etwas Charme, das wie die Stadt Donezk aus dem Boden gestampft wurde? Nein! Hat Rom Charme? Ja!« Nik Weis über die Umgestaltung eines Steilhangs zur industriellen Produktionsstätte.

Da haben wir uns gesagt: Wir müssen retten, was noch zu retten ist. Die Kulturrevolutionäre haben den Rembrandt zerschlagen, aber wir sammeln ein, was noch geblieben ist. Und jetzt kommen wir zu unserer aktuellen Arbeit. Mein Vater hat 1989 in Wiltingen einen Weinberg in der Lage Wiltinger Schlangengraben gekauft, in dem stand noch eine Parzelle, die 1903 oder 1905 von der Familie Huesgen aus Traben-Trarbach gepflanzt wurde. Die Huesgen sind eine alte Moseldynastie, die ihr Vermögen mit Weinhandel gemacht hat. Man nannte den alten Huesgen auch den Mosel-Bismarck. Und diese Familie hatte den Weinberg damals kurz nach der Jahrhundertwende anlegen lassen.

Der größte Teil – ein rund zehn Hektar großes arrondiertes Areal – wurde 1993 neu gepflanzt, aber in der besten Parzelle war genau das gemacht worden, was ich oben mit »ewiger Weinbau« beschrieben habe. Das war eindeutig zu schade zum Rausreißen. Als ich 1997 vom Studium zurück nach Hause kam, habe ich gleich gemerkt, dass der Wein aus dieser Parzelle immer völlig anders schmeckte als alles ringsum. Da habe ich zu Hermann Jostock, dem Leiter unserer Rebschule gesagt, da schneiden wir mal Reiser. Mein Vater war auch dabei, wir haben erst zusammen Trauben probiert und dann Bändchen an die besten Stöcke gebunden. Aus denen haben wir in der Rebschule Reben vermehrt und gepfropft. Da eine solche »sélection massale« eigentlich verboten ist, haben wir es als wissenschaftlichen Feldversuch angemeldet. Die gewonnenen Stöcke haben wir dann in eine mediokre Lage gepflanzt, ganz oben am Berg, wo es kühl ist und früher mal Müller-Thurgau stand. Und schon der erste Wein, ich glaube 2010, war so was von geil und lecker!

Die Arche Noah des Rieslings

Was als Feldversuch begonnen hat, haben wir dann zu einem praxistauglichen Projekt weiterentwickelt. Inzwischen vermehren wir die ganze Vielfalt der gefundenen Riesling-Spielarten in Form einzelner Klone. Wir verkaufen zum Beispiel zehn Reben von je zehn Klonen und raten den Winzern, die das kaufen: »Geht in den Weinberg, werft alles in die Luft und mischt es wie einen Salat – und dann wird gepflanzt.«

Nachdem die Selektion aus Wiltingen so erfolgreich war, haben wir auch in zahlreichen anderen Spitzenlagen von Mosel, Saar und Ruwer nach alter Genetik gesucht. Sogar in aufgelassenen Weinbergen, in Drieschen, sind wir fündig geworden. Das haben wir alles fein säuberlich dokumentiert und registriert, die Reben werden sorgsam virusfrei gemacht, bevor sie zur Vermehrung gelangen. Irgendwann hab ich zu Hermann Jostock gesagt: Was wir hier haben, ist die Arche Noah des Riesling. Wir haben eine Reihe Wehlener Genetik, eine Reihe Piesporter, eine Reihe Ockfener. Und das Tolle ist: Wir können damit spielen. Sie sehen zwar alle anders aus und jede schmeckt ein klein wenig anders, aber sie sind alle Riesling.

Im Wein ist es dann wie beim Klang eines Orchesters, ein hoher Bratschenton und ein tiefer Violinenton sind kaum noch zu unterscheiden. Sie verschmelzen miteinander, darum heißt es ja auch Symphonieorchester. Genauso ist es bei einem guten Mosel.

Jüngst haben wir noch einen Rieslingweinberg gefunden, der 1864 gepflanzt wurde – wir sind nun dabei, ihn zu regenerieren. Das sieht in dem Originalweinberg äußerst spannend aus, aber es ist leider oft ein ziemlicher Unterschied zwischen dem, was man vorfindet, und dem, was sich da­raus machen lässt. 2020 wird es die ersten Trauben geben. Hermann Jostock sagt immer: »Unser Problem ist, dass alles so lange dauert, uns läuft die Zeit weg. Aber: Wir sind nur kleine Wegsteinchen in einer jahrhundertelangen Geschichte, wir sorgen in einem begrenzten Zeitraum dafür und müssen es möglichst gut an die nächste Generation weitergeben.«

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2019
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  • Winzer
    Weingut Nik Weis – St. Urbans-Hof
    54340 Leiwen
    Rheinland-Pfalz, Deutschland
    Falstaff Sterne

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