»Newcomer 2017«: Weingut Aldinger

Hansjörg (l.) und Matthias Aldinger, »Newcomer des Jahres« 2017.

© Marco Grundt

Hansjörg (l.) und Matthias Aldinger, »Newcomer des Jahres« 2017.

© Marco Grundt

Matthias und Hansjörg Aldinger heißen die »Falstaff Newcomer« 2017. Nun mag sich der eine oder andere verwundert die Augen reiben und nach der Neuigkeit suchen, die diese Auszeichnung im Titel trägt. Tatsächlich lässt sich die Weinbautradition der Aldingers bis ins Jahr 1492 zurückverfolgen, als die Familie noch Bentz hieß und von Aldingen nach Fellbach zog. Anfang der 1990er-Jahre – das war immerhin schon einmal etwas Neues – pflanzte Gert Aldinger internationale Rebsorten in heimische Weinberge, was ihm erst den Spott seiner Kollegen und später die Anerkennung vieler Weinkritiker einbrachte. 

Weinberge bei Fellbach: das Reich der Familie Aldinger seit 1492.

© Matthias Aldinger

1997 sah Stuart Pigott in seinem Buch »Die führenden Winzer und Spitzenweine in Deutschland« das Potenzial in Württemberg vielfach vergeudet und fragte: »Wo sind die großen Weine aus Württemberg?« Dass Aldingers Bordeaux-Cuvées dennoch für Furore sorgten, lag vor allem an einer rigorosen Arbeit im Weinberg mit radikal reduzierten Erträgen, was damals fast einer Gotteslästerung gleichkam. Zwanzig Jahre später hat Pigotts Frage Früchte getragen: Ja, aus Württemberg kommen große Weine. Gert Aldinger hat einen gewichtigen Anteil an dem Aufschwung einer Region, die lange in ihrem Trollinger-Saft schmorte.

Seine beiden Söhne, der 41-jährige Hansjörg und sein ein Jahr jüngerer Bruder Matthias, hätten es sich in dem Nest gemütlich machen können, das er im beschaulichen Fellbach gebaut hatte. Unterdessen stiegen die Durchschnittstemperaturen stetig an, was selbst bei den internationalen Sorten recht zuverlässig zu reifen Trauben führte. Aldingers Cabernet-, Merlot-, Chardonnay- und Sauvignon-Blanc-Reben sind heute rund dreißig Jahre alt, haben ihren Ertrag mit der Zeit heruntergefahren, während die Güte ihrer Trauben immer größere Höhen erklomm. Weine aus diesen Sorten sind wörtlich und sprichwörtlich in aller Munde und auf breiter Fläche etabliert. Gleichzeitig büßte der Trollinger, lange Zeit unumgängliches Nationalgetränk der Schwaben, seinen Status als Viertele ein und verlor empfindlich an Boden. 

Kontinuität und Erneuerung

Als Matthias Aldinger schließlich im Jahr 2007 sein Weinbaustudium erfolgreich beendete, stieß er zu seinem Vater und seinem Bruder hinzu, die das Weingut bis dahin leiteten und gut miteinander auskamen. Besser hätte das Feld nicht bestellt sein können. 

Schlägt eine neue Generation andere Wege ein, bedeutet das auch, Hindernisse zu meistern, was vor allem in Häusern mit einer traditionsreichen Geschichte oft zu Konflikten führt. Der Erfolg gab Gert Aldinger doch recht. Warum sollte man daran etwas ändern? Vor Veränderungen verschließt er sich dennoch nicht, was vielleicht den zähen Auseinandersetzungen geschuldet ist, die er seinerseits einst mit seinem Vater führen musste, um sein Ziel aus mehr Klasse und weniger Masse zu erreichen. Die Zeiten sind nochmal andere geworden, mit neuen Ansprüchen.  Das weiß auch Gert Aldinger, der seine Söhne gewähren lässt, weil er ihnen vertraut.

Steht sinnbildlich fürs Neue: das Beton-Ei, das Matthias Aldinger  für den Sauvignon  »Ovum« nützt.

Steht sinnbildlich fürs Neue: das Beton-Ei,das Matthias Aldinger für den Sauvignon »Ovum« nützt.

© Tina Trump

Trollinger-Renaissance

Blütenweiß und sonst nichts ist das Vorder-etikett ihres 2015er Trollingers, den sie »Sine« genannt haben – also »ohne«. Ohne Schwefelgabe nämlich wurden für diesen Wein die ganzen Trauben spontan im Eichenfass vergoren. Dass dem »Sine« eine amtliche Prüfnummer verwehrt wurde, weil die zuständige Prüfstelle den Wein als untypisch ablehnte, kommentiert Matthias Aldinger mit einer Frage: »Wer weiß denn heute, wie ein Trollinger vor hundert Jahren geschmeckt hat? Mechanische Entrappung oder selektionierte Hefen gab es damals noch nicht.« 

Die lange Maischegärung ließ einen ungewöhnlich dunklen Trollinger entstehen, der einige Zeit im Glas braucht, bevor aus furioser Würze kühle Frucht wird. Man darf diesen Wein als Stilübung der Brüder, aber auch als Bekenntnis zu einer Traditionssorte verstehen, die gerade Gefahr läuft, den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren.

Das traditionelle Holzfass bleibt auch für die junge Aldinger-Generation die Basis des Erfolgs.

Das traditionelle Holzfass bleibt auch für die junge Aldinger-Generation die Basis des Erfolgs. 

© Fine Art Weddings PHOTOGRAPHY

Matthias und Hansjörg Aldinger sind sehr darauf bedacht, ihren Weinen größtmögliche Feinheit zu belassen. Am prägnantesten merkt man das bei ihren Lembergern und Spätburgundern, die Jahr für Jahr eleganter werden. »Es gibt Rotwein, und es gibt Spätburgunder«, drückt Matthias Aldinger seinen Anspruch an die Sorte aus. Füllig war gestern. Die jungen Aldingers pflegen einen filigranen Stil. Und was geschieht angesichts dessen mit den internationalen Sorten, sind deren Tage nun bald gezählt? Hansjörg Aldinger lacht und sagt: »Die kommen gerade in ein seriöses Alter. Wir wären doch dumm, wenn wir diesen Schatz rausreißen würden.« Freilich erfüllt ihr spontan vergorener Sauvignon Blanc aus dem Beton-Ei nicht die gängigen Erwartungen an diese Sorte. Der 2013er »Ovum« beginnt gerade, sich seinem Zecher zuzuwenden und darf als Beleg für das Reifepotenzial dieser Weine gelten. Mit den populären Geschmacksstereotypen – tropisch-fruchtig oder grasig-grün – hat »Ovum« jedenfalls nichts gemein. Aber um Populismus im Glas geht es den beiden ohnehin nicht.

INFO

Weingut Aldinger
Schmerstr. 25 / Ecke Lutherstr.
70734 Fellbach

Tel: (0711) 581417
info@weingut-aldinger.de
www.weingut-aldinger.de

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 02/2017.

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