Neues vom Büchermarkt

© Ulrich Sautter

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Sind Weinbücher im Zeitalter elektronischer Medien überflüssig? Ganz eindeutig nein! Den quicklebendigen Gegenbeweis tritt der jährlich aktualisierte »kleine Johnson« an, der gerade eben im 40. Jahrgang erschienen ist. Wer wissen möchte, welche Aufsteiger derzeit in Spanien, Portugal oder den deutschsprachigen Ländern von sich reden machen, wer sich über die besten Weingüter Kroatiens, Kaliforniens oder Kanadas informieren möchte oder darüber, welche seiner Bordeaux-Weine im Keller jetzt trinkreif sind, und selbst wer nach der idealen Weinbegleitung für sein Sonntagsmenü sucht, wird in diesem Nachschlagewerk so präzise und kompetent informiert wie kaum irgendwo sonst. Handlich ist der »kleine Johnson« obendrein – in die Westentasche passt er ebenso gut wie ein Smartphone. Treffend schreibt die New York Times: »Space for only one wine book in your life? This is it.« 

Im großen Format und mit reicher Optik kommt »Wein mit allen Sinnen genießen« daher. Nach einem Grundkurs zu Themen wie Geschichte, Sensorik, Lagerung, Ausschank, bilden Steckbriefe der berühmtesten Weine das Herzstück des Buches. Hübsch anzusehen sind die Veranschaulichungen der typischen Aromen: So wird beispielsweise der Barolo mit Himbeeren und Walderdbeeren, Rose, Zigarre, getrocknetem Steinpilz und Leder illustriert, der Chablis mit Butter, Vanille, Apfel, Zitrone und Haselnüssen. Fraglich am optischen Konzept des Buchs bleibt, ob die zu fast jedem Wein abgebildeten gefüllten Weingläser wirklich Not tun. Sie wirken auf Dauer eher redundant, als – wie es wohl die Idee war – Unterschiede zu veranschaulichen. Eine leichte Italien-Lastigkeit der beschriebenen Weine erklärt sich aus der Herkunft des Buches, das aus dem Italienischen übersetzt ist. Ungeachtet solcher kleinerer Kritikpunkte bietet »Wein mit allen Sinnen genießen« eine gute Einführung in die Welt des Weins, auf dem Gabentisch wird das Buch angehenden Weinkennern sicherlich Freude bereiten.

Otto Geisel, ehemaliger Hotelier aus Bad Mergentheim im Taubertal, früherer Slow-Food-Deutschland-Vorsitzender, jetziger Gründer des Münchner Instituts für Lebensmittelkultur und regelmäßiges Mitglied der Falstaff-Verkostungsjury, hat mit »99 deutsche Weine, mit denen Sie garantiert alles richtig machen« einen höchst originellen Weinführer zu Papier gebracht. Geisel widmet sich nicht den teuersten Weinen und nicht denen, die ohnehin jeder kennt – seine Auswahl zielt auf Weine in einem reellen Preisbereich, mit denen man »etwas machen« kann. In der Klappe des Buchs findet man eine ebenso anwenderfreundliche wie anschauliche Übersicht: »Am Kamin« kann man den Sachsen-Traminer von Klaus Zimmerling schlürfen oder Berchers Burkheimer Grauburgunder, zum »Besuch von Eltern, Groß- oder Schwiegereltern« empfiehlt Geisel den Pinot noir des Ihringer Weinguts Konstanzer oder den Riesling »Alte Reben« von Carl von Schubert. »Gespräche unter Frauen«, »Gespräche unter Männern«, »zur Pizza«, »Braten aus dem Römertopf«, »tief in der Nacht« sind einige weitere der lebensecht gewählten Kategorien, für die man Tipps findet. Da möchte man gleich selbst für den nächsten Anlass auf Einkaufstour gehen.

Geballte historische Expertise steht hinter dem Buch »Seewein. Weinkultur am Bodensee«. Die Herausgeber sind Thomas Knubben, Professor der Kulturwissenschaft, und Andreas Schmauder, Direktor des Stadtarchivs Ravensburg. In Zusammenarbeit mit der Weinhändlerin (und promovierten Historikerin) Christine Krämer ist ein Buch entstanden, das in die Tiefe geht: Klima und Böden, aber vor allem die sozialen und ökonomischen Begleitumstände des Weinbaus am Bodensee werden in allen Facetten beleuchtet. Dabei ist das Buch voller verblüffender Details: Wer hätte gedacht, dass bereits um das Jahr 1400 ein Konstanzer Chronist Weinempfehlungen in der Art heutiger Weinjournalisten aussprach? Wer hätte es für möglich gehalten, dass das Rebgut der Fürsten zu Waldburg-Wolfegg bereits 1865 ein gedrucktes Etikett mit der Ortsbezeichnung »Meersburger« verwendete, oder dass Mitte des 18. Jahrhunderts 150 große Lastschiffe auf dem Bodensee unterwegs waren, um Getreide aus Oberschwaben in die Weinbauorte am Schweizer Seeufer zu transportieren – und Wein aus dem ganzen Bodenseeraum nach Lindau, wo er auf dem Landweg weiter nach Bayern und Schwaben gelangte? Dabei weist die Bedeutung solcher und anderer historischen Funde weit über den lokalen Rahmen des Bodenseeraums hinaus. Für Kenner und Liebhaber der Weinbaugeschichte ist dieses – zudem verblüffend preisgünstige – Buch ein must.

  • Hugh Johnson, Der kleine Johnson Weinführer 2017, Hallwag, ISBN-10: 3833857218, 456 S., € 19,99
  • Jacobo Cossater, Wein mit allen Sinnen genießen, Edition Delius, ISBN-10: 3667106688, 242 S., € 49,90
  • Otto Geisel, 99 deutsche Weine, mit denen Sie garantiert alles richtig machen, Christian, ISBN-10: 3959610165, 192 S., € 14,99
  • Thomas Knubben, Andreas Schmauder (eds.), Seewein. Weinkultur am Bodensee, Thorbecke, ISBN-10: 3799511539, 296 S., € 19,99

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