http://www.falstaff.de/nd/neo-winzer-guenther-jauch-im-interview/ Neo-Winzer Günther Jauch im Interview Der TV-Star hat das Traditionsweingut von Othegraven in Kanzem an der Saar übernommen und stand gemeinsam mit seiner Frau Thea Falstaff als erstem Magazin Rede und Antwort.

Falstaff: Sie sind viel beschäftigt, also direkt zur Sache: Malolaktische Gärung - wie steht der Winzer Jauch dazu?
Günther Jauch, lacht laut: Ja, das sind genau die Dinge, die mich in meine Schulzeit zurückversetzen. Wenn die Chemie-Klausur ansteht. Ich fange tatsächlich jetzt erst an, Wein zu lernen. Ich bin schon froh, wenn ich nicht von malogalaktischer Gärung spreche.

Wie profund ist denn der Weinkenner Jauch bereits?
Bis zum 30. Lebensjahr habe ich so gut wie gar keinen Alkohol getrunken. Und dann habe ich durch zehn Jahre in Bayern ganz langsam mit Bier angefangen. Zum Wein bin ich erst ab 40 gekommen.

Aber dieses Weingut hier war doch schon Teil Ihrer Kindheit?
Ja stimmt, als Kind war ich hier viel. Aber trotzdem, als Jugendlicher und als junger Erwachsener habe ich mir aus Alkohol nichts gemacht. Und ich war auch kein Weintrinker. Ich habe das hier als schönes Haus mit einem herrlichen Park drum herum und diesem imposanten Weinberg wahrgenommen. Mehr aber auch nicht. Ich fand das mit den Keller interessant, hörte, wie es in den Fässern gegluckert hat und habe gerade noch verstanden, dass der Schimmel an der Kellerwand im Grunde ein echter Schatz ist, ohne den das hier gar nicht funktionieren kann. Aber mit Wein selbst bin ich erst viel später in Berührung gekommen. Und ich bin jetzt immer noch einen Lernender.

Ihre ersten Erfahrungen mit »von Othegraven«-Weinen?
Ich habe als Zehnjähriger aus Vaters kleinem Weinkeller einen 59er Kanzemer Altenberg entwendet. Um mit meinem besten Freund  heimlich eine Bowle anzusetzen. Mit besagtem 59er und einer Flasche »Henkell trocken.« Dass es ausgerechnet dieser Jahrhundert-Jahrgang sein musste, hat meinen Vater schon sehr getroffen...

Wie ging es dann wirklich los mit dem Weintrinker Jauch?
Na so, wie man dann immer so anfängt. Am Anfang war es nur schwerer Rotwein, der mir schmeckte, dann habe ich mich langsam an den Weißwein herangetastet. Interessanterweise fängt man ja mit den Weinen an, die ganz weit weg hergestellt werden, weil die eben leichter zugänglich sind für einen Anfänger. Es dauert halt eine gewisse Zeit, bis man merkt, dass in Deutschland absolute Weltklasse-Weine hergestellt werden. Als dann zur Diskussion stand, dass das Gut der Familie eventuell doch aus der Familie herausverkauft wird, habe ich intensiver angefangen, mich dafür zu interessieren. Aber ich muss mir immer noch sehr viel erklären lassen, muss sehr viel lernen. Ich bin immer noch Anfänger.

Wären Sie auch ohne den verwandtschaftlichen Hintergrund jemals Winzer geworden?
Wahrscheinlich nicht. Ich kannte bislang ja nur einen bekannten Menschen, der auch Winzer war, das war Günther Strack. Der hatte einen Weinberg im Fränkischen. Okay, Sting hat einen Weinberg, in Frankreich hat Depardieu Weingüter, dann Mick Hucknall von Simply Red, der glaub ich in Sizilien ein Weingut hat. Aber grundsätzlich  wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, »von Othegraven« zu übernehmen. Auf der anderen Seite, wenn das hier eine Schraubenfabrik gewesen wäre, die seit über 200 Jahren zur Familie gehört hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich in Schrauben eingearbeitet. Dass etwas eine so lange Familien-Tradition hat, das war für mich entscheidend. Das Gut gibt es seit etwa 500 Jahren, seit 205 Jahren ist es in Familienbesitz, aus der Familie kann es sonst keiner erhalten,  alles zusammen hat mich vor die Frage gestellt: Willst du wirklich, dass das alles für immer und unter Umständen an önologische Heuschrecken verkauft wird? Ich glaube aber, dass ich bei jedem Betrieb aus der Familie so gehandelt hätte. Wein ist natürlich schöner als Schrauben.

Mittlerweile kann man ja ein wenig allergisch reagieren, bei all den Promis, die sich mit irgendwelchen Weingütern kulturell aufladen wollen...
Das stimmt. Aber meine Großmutter ist eben eine von Othegraven. Das ist der Unterschied.

Ihre Vorbesitzerin, Frau Dr. Kegel, sagte mal: »Ich hatte mich nicht dafür entschieden, ich bin da so reingerutscht...«
Bei ihr war das so. Und bei mir ist es genauso.
 
Ihre praktischen Erfahrungen als Winzer, was können Sie?
Also ich kann eigentlich so gut wie gar nichts. Ich muss jetzt erst einmal sehen, wie der Betrieb in die neue Zeit kommt. Gut, als Wichtigstes: Der Wein muss stimmen. Das tut er zum Glück. Die Weine unserer Lagen gehörten um die vorletzte Jahrhundertwende zu den teuersten der Welt. Weit vor den französischen Spitzenlagen zum Beispiel. Und wir haben die ganze Mannschaft an erfahrenen und hoch motivierten Mitarbeitern übernommen. Alles, was mit Marketing zusammenhängt, ist dagegen noch entwicklungsfähig. Das ist ein Punkt, um den wir uns gerade sehr kümmern. Und ich will mich jetzt mal reinhängen, wenn die Lese kommt. 

Ein Winzer kann ja auf drei Ebenen reüssieren. Weinbauer, Weinmacher, Weinverkäufer. Verkaufen können Sie, das beweisen Sie wöchentlich im Fernsehen. Doch was läge Ihnen eher: Weinbauer oder Weinmacher?
Ich bin weit davon entfernt, etwas davon zu beherrschen. Wenn ich mir eins aussuchen könnte? Ich muss jetzt erst einmal ein, zwei Jahre gucken, wie das hier so geht, womit ich mich gerne beschäftige, im Keller oder lieber draußen. Ich kann mich da noch gar nicht so festlegen. Ich habe im Hauptberuf ja auch noch was anderes und wir wohnen eben auch nicht ständig hier. Das ist die große Veränderung hier, die letzten 200 Jahre haben die Eigentümer immer hier auch gewohnt, und das werden wir zumindest in den nächsten Jahren nicht tun.

Thea Jauch (TJ), die mittlerweile zu dem Gespräch hinzugekommen ist: Wir haben ja auch Kinder zuhause, um die wir uns kümmern müssen und die zur Schule gehen. Da können wir nicht mal so eben umziehen und unseren Lebensmittelpunkt verlegen.
 
Wie definieren Sie einen »guten Wein«. Wann schmeckt Ihnen ein Wein?
Also, mir schmeckt dann ein Wein, wenn meine Frau und ich uns angucken und da irgendetwas drin entdecken. Eine Vielfalt, die wir oft gar nicht erklären können. Wir sagen dann, der Wein schmeckt interessant. Obwohl man da ja vorsichtig sein muss. Nur zu oft wird ja von »interessant« gesprochen, wenn einem der Wein gar nicht schmeckt, aber man den entsprechenden Verkäufer oder Weinmacher nicht beleidigen will. Aber bei uns ist das immer ein Kompliment, wenn wir interessant sagen.

Haben Sie beide den gleichen Geschmack?
TJ: Einen ähnlichen. Aber uns fehlt einfach noch die Sprache dafür, zu beschreiben, was wir in dem Wein wiederfinden. Das muss man ja erst einmal erlernen, die Aromen und all die anderen Dinge, die man in den Weinbeschreibungen so findet. Da merke ich einfach, dass wir da bisher diese differenzierte Analyse für uns nicht brauchten und die eben jetzt neu finden müssen. Und bis dahin sagen wir halt, der schmeckt interessant oder der hat was Spezielles, aber wir können jetzt nicht sagen, der hat jetzt eine Mischung aus Zedernholz und Vanille.

Also schwadronieren Sie noch nicht vom scharf gerittenem Damensattel...
TJ lacht:  Nein wirklich nicht.
GJ: Ich habe letztens eine schöne Kolumne gelesen, wo einer bei einer Verkostung, einfach mal um die Anwesenden zu testen, immer absurdere Aromen noch weit jenseits des Damensattels erfunden hat. Der geguckt hat, wer da alles bedeutungsvoll nickt. Und dabei immer gedacht hat, ab wann sagt einer, haben Sie sie noch alle. Sein Resümee war: Man kann es ins Allerabsurdeste treiben. Es ist so, wie meine Frau sagt: Wir beherrschen das Vokabular noch nicht, wir empfinden sicherlich etwas, aber wir sind oft noch überfordert. Wir sind aber im Training, wir fühlen und schmecken sicherlich schon viel mehr als früher, aber wir sind noch nicht in der Lage, das dann genau zu differenzieren, zu klassifizieren und zu definieren.

Ihr Image ist ja nicht unbedingt Wein. Man kennt Sie ja eher als bierorientierten Rettungstrinker des Regenwaldes...
GJ lacht: Stimmt.

Geht demnächst ein Euro pro Flasche in den Amazonas?
GJ: Da muss erst einmal Geld in die hiesige Kulturlandschaft gehen. Das ist ja hier Fluch und Segen zugleich. Das gibt es in Europa ganz selten, dass das Haus, der Park und der Weinberg als Einheit unter Denkmalschutz stehen. Das ist einerseits schön, macht es aber auch nicht unbedingt leichter.

TV-Journalisten sind den Stundentakt gewohnt, von nun an unterwerfen Sie sich den Jahreszeiten?
GJ: Man muss es noch deutlicher sagen. Beim Fernsehen mache ich heute Abend die Sendung und morgen früh habe ich das Ergebnis. Wenn ich da Fehler gemacht habe, dann habe ich in drei Tagen die nächste Sendung und die Fehler von gestern sind vergessen. Beim Wein herrschen völlig andere Zyklen. Da muss ich davon ausgehen, dass ich mit den Fehlern von heute noch in 15 Jahren konfrontiert werde.

Vorstellbar, eines fernen Tages völlig ins Winzergeschäft umzusteigen?
GJ: Solange die Kinder im Haus sind, nein, da bleibt Potsdam Lebensmittelpunkt.
TJ: Mal sehen, wie sich das entwickelt. Es bedeutet ja auch eine Verantwortung für Landwirtschaft. Da wächst jedes Jahr Wein, der gepflegt, entwickelt und an die Kunden gebracht werden will. Es ist ja nicht einfach so ein Alterssitz,  wo ich mich auf die Veranda lege und Thomas Mann lese. Man hat hier ein, zugegeben sehr schönes, Produkt, um das man sich kümmern muss.
GJ: Das ist das interessante, aber das ist auch das, was uns momentan noch ein wenig wie die Eichhörnchen gucken lässt. Weil das eben alles so komplex ist...
TJ: ... ein Abenteuer halt.

 

(Interview: Christoph Schulte)

Die vollständige Geschichte über den Winzer Günther Jauch und das Weingut von Othegraven lesen Sie im aktuellen Falstaff.

 

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