Müller-Thurgau Trophy 2022: Es müllert wieder

Weinberge bei Dittelsheim (Weingut Hungermüller) in Rheinhessen. Auch hier feiert der Müller-Thurgau eine Renaissance.

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Weinberge bei Dittelsheim (Weingut Hungermüller) in Rheinhessen. Auch hier feiert der Müller-Thurgau eine Renaissance.

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http://www.falstaff.de/nd/mueller-thurgau-trophy-2022-es-muellert-wieder/ Müller-Thurgau Trophy 2022: Es müllert wieder Noch in den Neunzigerjahren war Müller-Thurgau aus dem deutschen Wein-Alltag nicht wegzudenken. Dann kam die Sorte aus der Mode, eine Flut an dünnen Billigweinen hatte den Ruf dieser historischen Neuzüchtung ruiniert. Doch inzwischen riecht es nach Comeback: Wer heute noch Müller-Thurgau anbaut, glaubt an die Sorte. Und macht etwas aus ihr. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/2/5/csm_2640x1200-IMG_0249_Hungermueller_PR_b7ff5c2b91.jpg

Die schieren Zahlen sind beeindruckend: Noch im Jahr 1995 wuchs der Müller-Thurgau in Deutschland auf 23.489 Hek­tar, das war damals Platz eins der Sortenstatistik, noch vor dem Riesling. Nur eine Generation später hat sich die Ertragsfläche auf 11.453 Hektar halbiert, und neben dem Riesling ist heute auch der Spätburgunder am einstigen Lieblingskind der Winzer vorbeigezogen.

Die Liebe der Winzer zum Müller-Thurgau war indes stets ambivalent: Mit ihren hohen Erträgen spült die »Neu«-Züchtung aus dem Jahr 1882 Cashflow in die Kassen, solange genug Nachfrage da ist. Aber wer den Ertrag reguliert und alle weinbaulichen Register zieht, um einen ernst zu nehmenden Wein zu erzeugen, der wird in der Regel nicht mit einem angemessenen Preisaufschlag belohnt.

Das Problem der geringen Wertschätzung ist nach wie vor nicht ganz ausgeräumt: Wenn man über unsere Siegerliste blickt, dann liegen die Preise meist deutlich unter zehn Euro. Immerhin gibt es einige Aus­nahmen, die auch im Preis dokumentieren, was an Qualität in der Flasche steckt.

Und diese war bei unserer Verkostung ganz ausgezeichnet – auch in der Konstanz. Unter den 38 verkosteten Weinen gab es so gut wie keinen Ausfall, die Zeit der lieblos produzierten, dünnen Bonbonweine ist passé.

Stattdessen feilen die Winzer erkennbar an der aromatischen Vielschichtigkeit des ­Müller-Thurgau, Experimente mit Holz und Phenolik sind heute ebenso gang und gäbe wie ein präzises Fokussieren auf mineralische Töne. Blickt man auf die geografischen ­Hotspots, dann tun sich vor allem Franken (inklusive Taubertal) und der Bodenseeraum hervor. Aber selbst in einer der wärmsten Lagen des Landes, im Achkarrer Schlossberg am Kaiserstuhl, gelingt den Winzern ein Müller-Thurgau mit Balance und Spiel.

Kenner der Sorte wussten es schon immer: Zum einen kann die feine Blume des »Müller«, wie bei unserem Sieger aus Nonnenhorn am bayerischen Bodensee, betörend sein. Zweitens: Man muss die guten Sortenvertreter nicht zwingend im ersten Jahr trinken, wie der Zweitplatzierte, Jahrgang 2019, aus Dittelsheim in Rheinhessen belegt. Und drittens, siehe die Maischegärung des Weinguts Höfflin auf Platz drei: Müller-Thurgau ist sehr viel vielseitiger, als man denkt. Geben wir ihm wieder einmal eine Chance!


1. Platz

2021 Müller Thurgau trocken, Hendriks Weine, Nonnenhorn

12,5 Vol.-%. Eine feine Blume entströmt dem Glas: Orangenblüte, etwas Rosenholz und Macis, auch kleine rote Beeren. Im Mund zeigt der Wein eine Körperkraft, die von markanter Säure und einer Prise Phenolik in der Balance gehalten wird. Die betont trockene Abstimmung hebt zusätzlich die vorhandenen mineralischen Komponenten hervor. Klassisch Bodensee  –
nur eben mit zusätzlicher Dichte!

hendriks-weine.de, € 7,90

2. Platz

2019 Dittelsheim Kloppberg, Müller-Thurgau trocken, Weingut Hungermüller, Dittelsheim-Heßloch

13 Vol.-%. Rauchig in der Nase, Schießpulver, reife Früchte von Birnen, Äpfeln, Aprikosen, Heu, Wiesenkräuter, Holunderblüten, nussige Noten, Muskatwürze. Am Gaumen schöne Würze, lebendige, gut integrierte Säure, saftige Frucht, schmelziger Kern, lang am Gaumen, guter Speisenbegleiter. Wer sagt da, Müller-Thurgau könne nicht reifen?

hungermueller.de, € 8,–

3. Platz

2020 »Prestige« Müller-Thurgau, Weingut Höfflin Schambachhof, Bötzingen

10,5 Vol.-%. Helles Goldgelb in der Farbe. Im Duft zeigt sich ein Aroma von Williamsbirne, auch gedörrte Früchte, balsamische Noten, Gartenkräuter, Blutorange. Im Mund erzeugen die aus der Maischegärung stammenden Tannine einen milden Druck, die mittlere Dichte des Stoffs passt gut zum leichten Alkohol, der Wein hat trotz dieser Leichtigkeit Substanz und Länge.

weingut-hoefflin.de, € 25,50


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Falstaff Nr. 05/2022
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