Mikroplastik in aller Munde

© Gina Mueller

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So trendig »on the go« und »ready to eat« auch sind – wir brauchen Auswege für Einwegverpackungen. Denn Meere und Strände füllen sich mit Kunststoffabfall – darunter Plastikteller und -besteck, Plastikflaschen, Strohhalme, Einwegrasierer, Wattestäbchen, Luftballons und Luftballonhalter. Sie machen etwa 70 Prozent des am Strand gefundenen Mülls aus. Einer der größten und bekanntesten Müllteppiche schwimmt zwischen Kalifornien und Hawaii, ist etwa vier Mal so groß wie Deutschland und wird von manchen als der »achte Kontinent« bezeichnet. Es ist der »Northern Pacific Garbage Patch«. Kunststoffmüll sammelt sich aber in allen Weltmeeren und dass die Europäische Kommission nun im Mai eine Plastikstrategie verabschiedet hat, liegt nicht nur an der Rettung der Meere.

Denn die EU steht vor einem riesigen Entsorgungsproblem, seitdem China zu Beginn des Jahres bekannt gab, dass es den europäischen Müll nicht mehr importieren wird. Schließlich lagert Europa etwa die Hälfte des Kunststoffmülls in Drittländer aus, 85 Prozent davon übernahm bisher China. Für die Plastikberge ist schlicht kein Platz, und Recyclinganlagen sind Mangelware. Dabei zeigt die Trendnadel nach oben: In den vergangenen zehn Jahren nahm der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastik in Deutschland um 30 Prozent zu und liegt derzeit bei rund 37 Kilogramm, so eine Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Neben einem Verbot unter anderem für Strohhalme, Plastikgeschirr und -besteck sollen nun bis 2025 die EU-Mitgliedstaaten 90 Prozent aller Plastikflaschen recyceln und bis 2030 alle Kunststoffverpackungen wiederverwertbar sein.

Vom Kunststoff zum Mikroplastik

Die Konsequenzen des Kunststoffabfalls sind vielfältig. Nicht nur, dass vermüllte Küsten dem Tourismus schaden und Treibgut die Schifffahrt gefährdet. Einmal nach unten gesunken, verfestigt Plastik den Meeresboden und verhindert so den Gasaustausch, wodurch Bodenlebewesen ersticken. Fische, Robben, Schildkröten und andere marine Lebewesen verwechseln mitunter Plastikteilchen mit Nahrung, fühlen sich satt und verhungern oder verletzen sich bei größeren Teilen und sterben auch daran.

Von Relevanz ist zudem das sogenannte sekundäre Mikroplastik. Es entsteht mit der Zeit aus den großen Plastikteilen. Wind und Salzwasser, Wellenbewegungen und UV-Licht zersetzen den Kunststoff nach und nach in immer kleinere Partikel, bis er in die Kategorie Mikroplastik fällt. Dazu zählen Kunststoffteilchen in einer Größe von 0,1 µm bis 5 mm. Diese bleiben über Jahrzehnte bis Jahrhunderte erhalten. Schätzungen des deutschen Umweltbundesamts zufolge baut sich ein Plastiksackerl in etwa zwanzig Jahren ab, bei einer PET-Flasche kann das bis zu 450 Jahre dauern. Die Oberfläche der kleinen Plastikteilchen ist durch die Umwelteinflüsse rau und porös, sekundäres Mikroplastik wirkt daher wie ein Schwamm. Es reichert Umweltschadstoffe an und gibt enthaltene Schadstoffe wieder ab. Diese können Tiere vergiften.

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Mikroplastik in Lebensmitteln

Meerestiere nehmen Mikroplastik über das Wasser auf. Während sich Rückstände bei Fischen meist im Magen und Darm konzentrieren und damit für den Menschen weniger bedeutend sind, sieht dies bei Muscheln anders aus. Wissenschaftler der Brunel University London und University of Hull untersuchten Miesmuscheln der britischen Küste. Die Stichproben weisen auf eine hohe Verunreinigung hin: Auf 100 Gramm verzehrbare Miesmuscheln kamen 70 Teilchen Mikroplastik. Etwa die Hälfte davon war auf sekundäres Mikroplastik zurückzuführen, 37 Prozent auf Textilien (wie Viskose oder Polyester).

Mikroplastik wurde aber auch in Meersalz, Honig, Milch und Trinkwasser gefunden. In Letzterem vermutlich aus dem Abrieb von Rohren oder deren Anschlüssen. Die Aufnahme von Mikroplastik ist dennoch in Summe (noch) gering. Selbst die in hoher Konzentration im Mikroplastik enthaltenen Schadstoffe wie Blei, Zinn, Cadmium oder Bisphenol A und die angereicherten Umweltschadstoffe wie DDT sowie die poly­zyklischen Kohlenwasserstoffe tragen nur zu einem kleinen Teil zur Gesamtexposition bei. Für den Menschen wird die Schadstoffbelastung durch den Konsum von mit Mikroplastik belasteten Lebensmitteln daher derzeit von der EFSA als vernachlässigbar eingestuft. Die Erforschung des toxikologischen Ausmaßes steht aber erst am Anfang.

Weniger Kunststoff im Alltag

Hat man einmal seine selektive Aufmerksamkeit auf Kunststoff im Alltag gelenkt, sieht man ihn überall: die PC-Tastatur, Autoverkleidungen, Kaffeebecher, Plastikflaschen, Kontaktlinsen, Zahnbürsten … Weil die Reduktion von Einwegplastik einer der plausiblen Wege zu sein scheint, um Mikroplastik zu minimieren, häufen sich entsprechende Initiativen rund um den Globus.

Darunter findet sich die »Green Bean Initiative« von Greenpeace USA, die Coffeeshops dazu motiviert, auf wiederverwendbare Becher zu setzen, keine Einweglöffel und Milcheinzelportionen anzubieten und Konsumenten zu belohnen, die mit ihrem eigenen Becher kommen. Bei »Ocean Friendly Establishments« sind wiederum Restaurants und Unternehmen, die Strohhalme nur noch auf Nachfrage ausgeben. Gleiches Ziel verfolgen die Kampagnen »No More Straws« und »Straws no more«, denen sich auch in Europa bereits einige Hotelketten angeschlossen haben.


Was man selbst tun kann:

  • Weniger hastig hieße oft auch weniger Plastik! Besser planen im Sinne von vorausschauender, umsichtiger und weniger bequemlich – den Einkauf, die Party, den Lunch unter der Woche …
  • Wo möglich, Verpackungen meiden.
  • Körbe oder wiederverwendbare Einkaufstaschen verwenden.
  • Saubere Plastiktüten mehrmals verwenden, zuletzt als Müllsack.
  • Einweggeschirr und -besteck vermeiden.
  • Anstelle von To-go-Bechern wieder­verwendbare Kaffeebecher in Shops befüllen lassen.
  • Plastikabfall korrekt entsorgen.
  • Kleidung aus Kunststoff (z. B. Kunstfleece, Polyester) reduzieren.

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Falstaff Nr. 07/2018
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