Mehr als Milch: Weinstadt Worms auf dem Vormarsch

Arno Schembs ist einer der charismatischsten Winzer Deutschlands.

© Mieke Farwig

Arno Schembs ist einer der charismatischsten Winzer Deutschlands.

Arno Schembs ist einer der charismatischsten Winzer Deutschlands.

© Mieke Farwig

Arno Schembs kennt das Phänomen genauso wie andere Wormser Winzer: Ihre Weine werden von Sylt bis München an besten Adressen ausgeschenkt. Überall werde man mit Lob und Wertschätzung bedacht, nur nicht zu Hause. Die Wormser, sagt Schembs, pflegten ein »zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Wein und ihrer Heimat«. Manchmal tränken sie die Weine außerhalb und fragten dann ungläubig: »So etwas Gutes kommt von uns?«

Arno Schembs, Jahrgang 1962, hat schon früh damit begonnen, den Ruf des heimischen Weines zu festigen: Im Wormser Stadtteil Herrnsheim betreibt er sein Château Schembs, im mächtigen Keller des Schlosses Herrnsheim baut er seine besten Weine aus. »Schlossabfüllungen«, die in ihrem Ausdruck so markant sein können, dass Schembs manchen davon als Landwein ohne amtliche Prüfnummer abfüllt. Mit Lesungen, Jazzkonzerten und Verkostungen fördert er die Weinkultur in der »Lower East Side Rheinhessens«. Schembs, der seine Charakterstärke auch auf dem Rennrad in den französischen Alpen formt, zählt zu den charismatischsten Figuren der deutschen Weinszene. In Worms dagegen kommt er nicht über den Rang des Lokalpropheten hinaus. »Diese Stadt ist sehr eigen«, sagt Schembs.

Der lange Schatten der Vergangenheit

Worms ist nach Mainz die zweitgrößte Me­­tropole Rheinhessens mit rund 85.000 Einwohnern und gilt als drittgrößte Weingemeinde Deutschlands. Die statistischen Werte vermitteln Wachstum, aber Arno Schembs sorgt sich um seine Stadt. Im letzten Krieg wurde sie schwer zerstört, davon habe sie sich »nie erholt«, sagt er. »Worms wurde abgehängt.«

Die Identifizierung der Bewohner mit der Stadt sei nicht ausgeprägt. Dem Wormser wird Skepsis und die Neigung zur Griesgrämigkeit nachgesagt, die der heimische Wein kurieren könnte – wenn man ihn tränke. Stattdessen zieht es viele Wormser in die nahe gelegene Pfalz, die als unbeschwert und lebensfroh gilt.

Das eigene gastronomische Angebot leide darunter: Man könne, sagt Arno Schembs, zwischen Worms und Alzey durchaus verhungern. Manche sagen: Worms sei mittendrin und doch nicht ganz dabei. In der Stadt wird an jeder Ecke die Vergangenheit beschworen, Luther und Mozart waren einmal hier, Goethe fand auch sein Vergnügen. Jedes Jahr wird aufs Neue die Aufführung der Nibelungensage vorbereitet, eine Ewigkeit ist es her, dass Kriemhild und Siegfried auseinandergerissen wurden. Für das Hier und Jetzt und Worms’ rührige Winzer bleibt wenig Raum. Manchmal, sagt Arno Schembs, komme es ihm so vor, als ob Worms »sein ganzes Pulver im Mittelalter verschossen« habe.

Vinovation Worms

© Heinrich Voelkel

An der Stadtmauer am Andreastor kommen die Winzer Jonas Kiefer, Markus Keller, Andreas Schreiber und Volker Schmitt zur Lagebesprechung bei »Weck, Worscht un Woi« zusammen. Die Fleischwurst wird in große Stücke aufgeteilt. Die vier hatten schon 2004 genug vom Schattendasein in der Nibelungenstadt und gründeten die Winzervereinigung Vinovation Worms.

Es gibt keine andere Gruppe, die sich so starkmacht für den Wormser Wein. Gemeinsam erzeugen sie drei Weine, die zeigen sollen, »dass man hier mehr Qualität für sein Geld bekommt als anderswo«. Im vergangenen Jahr rekultivierten sie den Weinberg Wormser im Luginsland, den der Weinreisende Johann Philipp Bronner im 19. Jahrhundert als eine der drei besten Lagen Deutschlands ausgewiesen hatte.

Legendäre Liebfrauenmilch

Luginsland ist eine der letzten innenstädtischen Lagen in Worms. Nebenan, wo einmal Reben in der renommierten Lage Katterloch wuchsen, werden heute in einem Fitness-Studio Gewichte gestemmt. Der Wein wurde aus der Stadt an ihre Ränder gedrängt, wo auch die vier Winzer leben. Auch der Luginsland wäre »irgendwann verschwunden«, wenn sie nicht eingeschritten wären, da sind sie sich einig. Deshalb nehmen sie die beschwerliche Anfahrt mit ihren Maschinen ins Stadtzen­trum in Kauf, für gerade einmal tausend Flaschen Riesling-Ertrag. Direkt an ihren Weinberg grenzt eine verwilderte Parzelle. Jahrelang hat Vinovation darum gekämpft, sie neu bestocken zu können. Das sei von der Stadtverwaltung »verschlafen worden«, jetzt dürfen keine Reben mehr darauf stehen. »Von einer Ecke in die andere schieben«, sagt Markus Keller, das sei die Strategie der Bürokratie bei vielen Weinangelegenheiten.

Herkunft der Ur-Liebfrauenmilch: »So weit der Turm der Liebfrauen­kirche seinen Schatten wirft.«
Herkunft der Ur-Liebfrauenmilch: »So weit der Turm der Liebfrauen­kirche seinen Schatten wirft.«

© Weingut Liebfrauenstift

Dabei galt Wein einmal als wichtigstes Handelsgut der Stadt. Worms war das vielbesuchte deutsche Weinzentrum im Mittelalter, eine Urkunde von 1490 belegt den ersten geschlossenen Riesling-Anbau im Land. Seit über 500 Jahren wird rund um die ehemalige Klosterkirche des Liebfrauenstifts Wein
an­­gebaut. Hier liegt auch der Ursprung der Liebfrauenmilch: eine Bezeichnung, die nur für Weine verwendet werden durfte, die aus dem Bereich stammten, »so weit der Turm der Liebfrauenkirche seinen Schatten werfe«. Der Wein, so lobten durchwandernde Pilger, sei »so süß wie die Milch unserer lieben Frau«.

Wormser Wein war begehrt, noch Anfang des 20. Jahrhunderts zählte die Liebfrauenmilch zu den teuersten Weinen der Welt. Das Geschäft verdarb jedoch bald die Moral, Liebfrauenmilch wurde auch außerhalb von Worms auf Äckern in Rheinhessen, der Pfalz, an der Nahe und im Rheingau angebaut. Auch wenn die Liebfrauenmilch als Marke mittlerweile bedeutungslos geworden ist, gilt sie noch immer als Präzedenzfall für die Ausbeutung einer einzigartigen Lage.

TASTING BEST OF WORMS

Ob die Liebfrauenmilch ein Comeback erleben wird lesen Sie im aktuellen Falstaff Deutschland 7/16!

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