Mallorca: Reif für die Insel

Die Weinbauregion Binissalem ist berühmt für den Manto-Negro-Rotwein.

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Die Weinbauregion Binissalem ist berühmt für den Manto-Negro-Rotwein.

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Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1511 und war immer das Zentrum einer Landwirtschaft mit Weinbau«,  erzählt Carlos Cabeza Oliver, seit einigen Jahren Önologe des bekannten Bio-Weinguts Oliver Moragues. Die Finca, von der er spricht, liegt auf einer Anhöhe im Zentrum der Insel und ist umgeben von Rebbergen, Wiesen und Wäldern. »Wir besitzen mehr als hundert Hektar Land. Das war früher ganz normal für einen derartigen Hof. Mein Großvater nannte noch fünfzehn solche Höfe sein Eigen. Mit dem Tourismus hat sich das geändert, das Land scheint vielen zu wertvoll für eine Landwirtschaft zu sein. Dabei könnte es bei uns so aussehen wie in der Toskana.« 

Am Bio-Weingut Mesquida Mora in Porreres freut man sich über interessiertes Publikum.

Am Bio-Weingut Mesquida Mora in Porreres freut man sich über interessiertes Publikum.

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Olivers Familie hat sich dafür entschieden, den Gutshof mit sanften Mitteln zu erhalten. Im angeschlossenen Agrotourismus werden Gäste wie Familienmitglieder behandelt, die Weingärten sind zu hundert Prozent auf Bio umgestellt. »Ich will kein Weinmacher sein, sondern im Einklang mit der Natur die bestmöglichen Trauben erzeugen. So kann ich unseren Hof in eine gute Zukunft führen«, ist Oliver überzeugt. Spätestens nachdem man seinen Rotwein namens Selecció verkostet hat, glaubt man ihm. Seine Weine sind individuelle Verschnitte, Marriagen aus heimischen und internationalen Sorten, denen stets ein mallorquinischer Touch, etwas urtümlich Würziges, zugrunde liegt. 

Vielfalt mit Geschichte

Biodynamischen Grundsätzen hat sich auch Miguelàngel Cerdà von An Negra verschrieben. Gemeinsam mit seinem Partner Pere Ignasi Obredor hat er 1994 in einer Milchfabrik unweit von Felanitx seine ersten Barriques mit der heimischen Sorte Callet angefüllt. Die zwei Quereinsteiger – ein Flugzeugtechniker und ein Optiker, dessen Familie 400 Milchkühe hielt – gründeten eine der erfolgreichsten Weinkellereien Mallorcas. Miguelàngel führt in seinen Keller und lädt dazu ein, verschiedene Fässer mit unterschiedlichen Toastings zu verkosten, die gerade getestet werden. Der sympathische Lockenschopf mit Ziegenbärtchen ist ein Energiebündel, spricht rasch und eindringlich, alles werde unternommen, um die -Qualität des wahren mallorquinischen Weins herauszufinden, in seiner ganzen Vielfalt. Und die komme aus dem Weingarten.

Sebastian Keller und Philippe Bramaz kreierten den feinen »8 Vents«.

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»Man muss im Weingarten leben, nicht nur dort arbeiten. Ich gehe jeden Tag wenigstens eine Stunde hinaus, das brauche ich einfach«, erzählt der Winzer, der so nebenher auch noch die Weine der Bodega Biniagual in Binissalem vinifiziert und außerdem Zeit für weitere Projekte findet. »Am liebsten würde ich mit einem Boot die Küsten des Mittelmeers nach geeigneten Rebsorten wie den Assyrtiko aus Santorin absuchen, um unsere eigene mallorquinische Vielfalt besser zu verstehen«, träumt sich der passionierte Segler an ferne Ziele. Tatsächlich herrscht in Mallorca kein Mangel an ureigenen Sorten. Rund vierzig rote und weiße Rebsorten wurden bisher gefunden, die es wahrscheinlich nur hier gibt. Ein Zeugnis der uralten Weintradition der Insel, die hier heute gar nicht mehr sichtbar ist. Man sieht zwar immer wieder Rebberge, aber größere zusammenhängende Weingärten sind eher rar geworden. Die Weinkultur Mallorcas geht auf die Antike zurück, vor zweitausend Jahren brachten die Römer die Reben auf die Insel. Auch während der maurischen Herrschaft blieben die Weinberge erhalten. Am spanischen Hof erfreute sich der weiße, süß ausgebaute Malvasier beständiger Beliebtheit, als Messwein wurde er ebenfalls gerne verwendet. 

Der Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator, Cousin von Kaiser Franz Joseph, baute auf seinem Landsitz S’Estaca bei Valldemossa – er ist heute im Besitz von Hollywood-Legende Michael Douglas – die Malvasierrebe an. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte der mallorquinische Weinbau dank der Reblauskatastrophe am Festland einen Aufschwung und machte die Winzer reich. Binnen kürzester Zeit erreichte die Anbaufläche 30.000 Hektar, vom Hafen Porto Colom lieferten Schiffe den Wein nach Frankreich. Dann aber erreichte das zerstörerische Insekt auch die Balearen und machte den Weinbergen den Garaus. Viele Bauern stellten den Betrieb auf Obst- und Mandelbäume um. Im 20. Jahrhundert erholte sich der Weinbau, allerdings beherrschen nun rote Rebsorten, allen voran die heimischen Manto Negro und Callet, den Rebsatz. Heute sind Reben auf etwa 3000 Hektar der Insel verbreitet. Mallorca ist von Nordwest nach Südost in drei Weinanbauzonen unterteilt: die bergige Region der Serra de Tramuntana, das Mittelgebiet bei Binissalem (Es Raiguer) und die Pla i Llevant. Das Klima ist mediterran mit einem Temperaturmittel von 17 Grad Celsius. 

Ralf Hämmerlings Weingut Son Campaner liegt in der Region Binissalem zwischen Inca und Sencelles.

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Die Winter sind nicht allzu kalt, die Sommer trocken und sonnig. Auch die Böden sind für qualitativ hochwertigen Weinbau geeignet: kalkhaltiges Gestein dominiert, dazu gibt es fallweise Dolomit und Kalksandsteinzonen mit karger Auflage. In der Pla i Llevant findet man auch durch Eisenoxid gefärbte rote Mergel- und Tonerde – die fruchtbare Terra Rossa, die hier als Call Vermell bezeichnet wird. Trotz der relativ warmen Temperatur sorgt der ständige Wind auf Mallorca für ein sehr gutes Weinbauklima, weil er die morgendliche Feuchtigkeit schnell aus den Weingärten bläst und für gesunde Rahmenbedingungen sorgt. In den 1980ern kam mit der Wirtschaftskrise das Aus für die Winzergenossenschaften, an die die Bauern ihre Trauben zur Verarbeitung verkauften. 

Carlos Cabeza Oliver (links) lädt gerne zum Verkosten seiner Bio-Weine ein.

© Bernd Opitz

Der Weinbau Mallorcas hat sich seither, angetrieben durch den Qualitätstourismus in den vergangenen Jahrzehnten, Schritt für Schritt verbessert. Mehr als achtzig nennenswerte Weingüter bieten heute eine Vielfalt von rund 500 verschiedenen Weinen an, richtig große Weinkellereien gibt es nur eine Handvoll. Obwohl der größte Teil des Absatzes dank der großen Zahl der Gäste auf der Insel selbst konsumiert wird, werden mallorquinische Weine bereits in rund 35 Länder exportiert. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Weinbau Mallorcas stark gewandelt. Junge, gut ausgebildete Önologen wurden auf die Insel geholt, sie brachten auch internationale Rebsorten mit, die sich rasch verbreiteten.

Echt mallorquinisch

Dank einiger autochthoner Rebsorten bereichern die Weine aus Mallorca mittlerweile das internationale Angebot mancher Weinkarten. Biologisch und biodynamisch angebaute Trauben nehmen erkennbar zu.

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Von den vierzig mallorquinischen Rebsorten dürften im Moment nur sechs für die Erzeugung von Qualitätswein herangezogen werden, die anderen werden zunächst von einer staatlichen Forschungsanstalt für eine Kultivierung in der Zukunft erprobt. Unter den weißen Sorten ist Prensal (auch Premsal, Mol) die am stärksten verbreitete: Aus ihr entstehen fruchtige Weine mit mittlerer Zuckergradation. Giró Ros steht für Weine mit hoher Reifegradation, einer strammen Säure und einem intensiven Geschmackserlebnis. Weine aus Giró Ros sind noch rar, aber nichtsdestotrotz spannend. Die Malvasier-Traube stammt zwar nicht von der Insel, hat aber historische Bedeutung: Sie wird hauptsächlich in der nordwestlichen Zone produziert, sie bringt aromatische Weine mit hohem Alkohol, aber auch guten Säurewerten. Aus ihr werden sowohl trockene wie süße Weine gekeltert. Der Süßwein aus der Malvasier der Subzone beim Küstenort Banyalbufar genießt Raritätenstatus. Wichtigste autochthone Rotweinsorte Mallorcas ist die Manto Negro, die vor allem in der Appellation Binissalem den Hauptsatz bildet. Hier erreicht sie hohe Reife mit mittlerem Körper und angenehmen, reifen Fruchtaromen. Etwas rustikaler ist die Callet, die schlanke Weine von hellerer Farbe und markanter Aromatik nach Unterholz und Würze hervorbringt. Der Fogoneu aus der Appellation Llevant gibt sich eher zart und unauffällig, er erreicht oft nur geringe Reife. 

Etwa 40 Hektar groß ist die Finca Ca’n Ribas in der Nähe von Consell.

Etwa 40 Hektar groß ist die Finca Ca’n Ribas in der Nähe von Consell.

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Mehr für die Zukunft verspricht die Rebsorte Gorgollassa, die wie Giró Ros und Malvasier schon fast verschwunden war, bevor sich nun eine junge Generation von Winzern wieder verstärkt um die alten Sorten bemühte. Der granatrote Gorgollassa ergibt mittelkräftige, elegante Weine mit schöner Frucht. Aus dem internationalen Rebenspektrum findet man die üblichen Verdächtigen.

Modernste Technik trifft bei Son Mayol auf edles Design und Kunstsinn.

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Patrick Paulen, eigentlich ein gelernter Sommelier aus dem Elsass, kreiert für das Weingut Tianna Negre in Binissalem spannende Weintypen bis hin zu einem Orange Wine aus purem Giró Ros. »Ich möchte stets einen klaren mallorquinischen Grundzug in den Weinen spüren, egal ob Weiß- oder Rotwein.« Andere Betriebe setzen voll und ganz auf die internationale Karte. So beim Weingut Son Prim in Sencelles, wo Jaime Llabrés schon Anfang der 1990er-Jahre auf Syrah, Merlot und Cabernet setzte. Heute erzeugt der Betrieb, an dem der Schweizer Immobilien-Tycoon Toni Bucher (Eberli Sarnen AG) beteiligt ist, unterstützt vom Önologen Alain Bramaz, erstklassige Rotweine aus relativ alte Rebanlagen. Im Herbst 2016 wurde die neue Bodega von Son Mayol eröffnet und die beiden Gutsweine aus dem Premierenjahrgang 2014 präsentiert. Hier folgt man voll und ganz dem Konzept großer Bordeaux-Weingüter. Der Grand Vin und der Premier Vin sind aus Cabernet Sauvignon und Merlot mit einem Hauch Petit Verdot komponiert. Dass die Schweizer Unternehmerfamilie Hirschmann – Gregor Hirschmann war Gründer von Jet Aviation – ein Bordelaiser Konzept verfolgt, zeigt auch das Engagement von Berater Patrick Léon, der einst Kellermeister bei Mouton-Rothschild war und dessen Schülerin Marie Barbé die Produktion vor Ort leitet. Der 2014er Grand Vin von Son Mayol war der beste Wein der aktuellen Falstaff-Probe, seine Ausstattung ist durchaus geeignet, an sein französisches Vorbild zu erinnern. Erzeugt wurde dieser Erstling übrigens noch im Keller von Ànima -Negra. Touristen steht das architektonisch sehenswerte neue Weingut von Son Mayol leider ebenso wenig offen wie die zweite bedeutende neue Kellerei der Insel.

Der neue Grand Vin von Son Mayol hat Bordeaux als Vorbild und das  Potenzial zum Kultwein.

Der neue Grand Vin von Son Mayol hat Bordeaux als Vorbild und das Potenzial zum Kultwein.

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Gut versteckt im Camì Vell von Pollença wurde der neue Betrieb von Can Axartell in den Berg gebaut. Eigentümer ist der Hamburger Kosmetik-Unternehmer Hans-Peter Schwarzkopf, der hier direkt neben der Bio-Finca Can Sureda des Sängers Peter Maffay Rebstöcke auspflanzen ließ, von denen 35 Hektar in Ertrag stehen. Schwarzkopf will die Produktion in der Folge auf rund 400.000 Flaschen steigern, dazu wurden unlängst weitere 25 Hektar Weinberge in Vilafranca erworben. »Der Keller bleibt auch in Zukunft für Publikum geschlossen, wir wollen in Ruhe den bestmöglichen Wein machen«, sagt der 82-jährige Winzer. Die Vorliebe der Deutschen für Mallorca ist auch bei zahlreichen mallorquinischen Weingutsnamen erkennbar, hinter denen deutsche Eigner und Önologen stehen. 

In der viergeschoßigen neuen Kellerei von Can Axartell setzt man auf das Gravitationsprinzip.

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Hinter Ses Talaioles der Familie de Waal in Manacor steht etwa der Önologe Sebastian Keller, den einst der Winzer Bernd Philippi aus der Pfalz nach Mallorca lotste. Gemeinsam mit dem Schweizer Philippe Bramaz, dem Gründer von Global Wine, hat Keller auch das Boutique-Label Atlan & Artisan ins Leben gerufen, das in Mallorca die Cuvée »8 Vents« produziert. Die deutsche Familie Eisenmann aus Böblingen besitzt mit Es -Fangar nicht nur eine der drei größten Fincas überhaupt – sie misst zehn Quadratkilo-meter. Neben der Zucht von erstklassigen Hannoveraner Springpferden wurde auch ein respektables Bio-Weingut gegründet. Kleine, aber feine Weingüter besitzen die Familie Neumann mit AVA Vì in Binissalem oder auch Ralf Hämmerling mit Son Campaner bei Inca, wo der talentierte Stefan Winterling, der zuvor für Thomas Matzen auf Ca’n Vidalet als Önologe werkte und nun mit seiner Frau Eva Maria sein Gin-Projekt »Gin Eva« vorantreibt, die Weine bereitet. Der Pfälzer Winzer Thomas Wambsganß, der bis 2015 für das vom Heilpflanzenexperten Michael Popp gegründete Weingut Castell Miquel als Önologe tätig war, hat sich 2016 mit einem kleinen feinen Bio-Weingut namens Bodega Mandia Vell unweit von Manacor selbstständig gemacht.

Ca’n Vidalet im Norden der Insel: Seit 1995 werden hier Top-Weine erzeugt.

Ca’n Vidalet im Norden der Insel: Seit 1995 werden hier Top-Weine erzeugt.

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In der Nähe von Pollença findet man auch die Weingüter von Christina Schallock, Bodegas Xaloc, und von Viktoria »Vica« Garten, einer Düsseldorfer Unternehmerin, die das Weingut Bodega Jardí Lavica betreibt. Die Weine sind von bemerkenswerter Qualität. Drogeriemarkt-König Erwin Franz Müller erzeugt in Capdepera den in seinen Filialen erhältlichen Wein der Bodega Ca’s Beato. Auf Mallorca trinkt man also öfter Deutsch, als einem bewusst ist.

Tasting: Best of Mallorca

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 04/2017

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