Vielversprechend: die Weine der Newcomerin Eva Fricke aus dem Rheingau / Foto: Stephan Pick
Vielversprechend: die Weine der Newcomerin Eva Fricke aus dem Rheingau / Foto: Stephan Pick

Im Fin de Siècle, der letzten Phase der Donaumonarchie, erreichte der Wein von Rhein und Mosel seinen Höhepunkt in der Gunst der österreichischen Weinfreunde. Danach, in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten, verlangten die Kehlen im Nachbarland bereits weniger nach deutschem Rebensaft.

Nach dem »Anschluss« schickte der »Reichsnährstand« gar Experten nach Österreich, die hier die Führung von enteigneten Weinbaubetrieben übernahmen, die den vielsagenden Namen »Reichsweingüter« trugen. Die Nachkriegsgeneration hatte für den Wein aus dem Nachbarland wenig bis nichts übrig. Während man beim Auto und anderen Luxusgütern auf das Gütesiegel »Made in Germany« großen Wert legte, wurde der Wein vom großen Nachbarn verschmäht.

Exoten statt deutschem Weinangebot
Während es die Weinbegeis­terten, die Sommeliers und Händler längst nicht mehr nur nach Italien, Frankreich oder Spanien, sondern auch nach Kalifornien oder Chile zog, ließen sie die Anbaugebiete von Ahr bis Saar links liegen. Bald waren in der österreichischen Gastronomie alle erdenklichen Exoten von Neuseeland bis Georgien vertreten, die Seiten mit dem deutschen Weinangebot waren aber offenbar aus jeder Karte von irgendjemandem herausgetrennt worden.

Der Erfolg des deutschen Rieslings in Zeiten der Monarchie
Das war nicht immer so. In den Zeiten der Monarchie waren im k. k. Hofkeller der Hofburg stets feinste deutsche Rieslinge vorrätig – zumindest bis zum Jahre 1893, als der sparsame Franz Joseph I. für den Hof einen Einkaufsstopp für teure Importweine verhängte. Aber auch dann kam noch eine jährliche Lieferung vom Schloss Johannisberg aus dem Rheingau. Im Jahr 1816 hatte Kaiser Franz das Weingut seinem Kanzler Clemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich für seine Leistungen beim Wiener Kongress zum Geschenk gemacht, sich aber einen Weinzehent ausbedungen. Dieser wird übrigens bis heute an die Nachfolger des Kaiserhauses entrichtet. Um 1900 hatte jedes bessere Wiener Restaurant die besten Jahrgänge der feinsten Rieslinge von Mosel und Rhein auf seiner Weinkarte, die edelsüßen Kreszenzen erzielten Preise, die die Bordelaiser Erstgewächse (d’Yquem inklusive) um das Doppelte überstiegen. Zwar erfreuten sich deutsche Sektmarken in Österreich großer Beliebtheit, doch blieben sie auch im 20. Jahrhundert die Ausnahme, obwohl einige der Traditionsmarken konstant verfügbar waren.

Die Rückkehr der deutschen Spitzenweine
Es dauerte bis in die 1990er-Jahre, als erste zaghafte Versuche unternommen wurden, deutsche Spitzenweine wieder im rotweißroten Weinbewusstsein zu etablieren. Die Initiative wurde größtenteils von Winzern ergriffen, es kam zunächst zum Austausch von Praktikanten. Ein außergewöhnlicher Winzer, Alois Kracher aus Illmitz, begann mit einem kleinen handverlesenen Sortiment von deutschen Winzerkollegen in der Spitzengastronomie zu werben, zunächst allerdings mit recht bescheidenem Erfolg. Als Wein & Co vor zwanzig Jahren seinen ersten Shop eröffnete, wollte man auch Mut beweisen und bot einige Weine von Robert Weil aus dem Rheingau an. Winzer Wilhelm Weil kam persönlich nach Wien und servierte einer staunenden Expertenrunde neben fantastischen Trockenbeerenauslesen auch einen Kiedricher Gräfenberg aus 1893 – es war der letzte Jahrgang, den seine Vorfahren an den Wiener Hof geliefert hatten.

Von Winning, einer der kometenhaften Aufsteiger aus der Region Pfalz / Foto: Thomas Schweigert
Von Winning, einer der kometenhaften Aufsteiger aus der Region Pfalz / Foto: Thomas Schweigert
Den hätte auch der Kaiser genießen können, doch der gab dem kühlen Blonden den Vorzug. Hundert Jahre lang hatte das bekannte Weingut Weil keinen Wein mehr an einen Händler in Österreich verkauft. In den 1990er-Jahren hatte auch Wein & Co mit deutschen Weinen kein Glück, die Zeit für den entscheidenden Durchbruch war noch nicht gekommen. »Erst Anfang der 2000er-Jahre habe ich still und leise mit einem Kabinett und einer fruchtsüßen Spät­lese begonnen, wieder deutsche Weine zu listen«, berichtet Wein-&-Co-Einkäufer Martin Feichtner. »Jetzt haben wir ein attraktives Sortiment und verkaufen gut 25.000 Flaschen im Jahr.«

Die deutsche Winzerschaft macht Fortschritte
In den letzten zwanzig Jahren hat die deutsche Winzerschaft, etwas zeitversetzt zu den vorpreschenden Österreichern, große Fortschritte gemacht. Auch in Deutschland ist die Weinszene erblüht, der deutsche Wein gilt heute auch im eigenen Land etwas. Ein wichtiger Faktor war zudem die wachsende Bedeutung der Weinmesse ProWein in Düsseldorf, auf der neben allen wichtigen deutschen Betrieben auch Hundertschaften von österreichischen Weinbauern eine ganze Halle besetzen. Dorthin reisen alle wichtigen Weinimporteure, denen das enorme Qualitätspotenzial der deutschen Weine ebenfalls nicht verborgen blieb. Und so fand ein bekannter Name nach dem anderen Aufnahme in die Angebotslisten der Händler und damit den Weg auf die Karten der österreichischen Gastronomie.

Ein Platz in den Weinkarten

»Der deutsche Wein war in Österreich lange Zeit bestenfalls ein Exote. Meistens haben nur österreichische Winzer in den Restaurants die Rieslinge des Nachbarn bestellt und mit ihren eigenen ver­glichen. Mittlerweile hat sich der deutsche Wein in vielen Weinkarten seinen Platz erobert und wird sowohl von Einheimischen als auch von Touristen geordert. Vor allem die Rieslinge werden dank ihrer mineralischen Struktur und dem oft sehr interessanten Zusammenspiel von Restsüße und Säure geschätzt. Wir vertreiben heute Rieslinge von Rhein, Mosel und Saar sowie ganz tolle Silvaner aus Franken. Außerdem schätzen unsere Kunden die roten Burgunder aus deutschen Landen«, so Hermann Döllerer, Weinhändler und Gastronom aus Golling bei Salzburg.

Top- sowie Preis-Leistungs-Weine
Aber nicht nur die Weine der absoluten Topschiene finden Anklang in Österreich, mittlerweile wurde Deutschland auch als Anbieter von Preis-Leistungs-Weinen erkannt. »Für uns war doch überraschend, dass es gelungen ist, nicht nur die deutschen Top-Rieslinge vom Format der Grossen Gewächse auf den Weinkarten der Spitzenrestaurants zu platzieren. Mittlerweile sind die frisch-fruchtigen, leichtfüßigen Varianten des Rieslings auch bei den Gästen normaler Gasthäuser gefragt. Die sind durchwegs preiswert, sortentypisch und bringen bei weniger Alkoholgehalt viel Trinkvergnügen mit«, bestätigt Importeur Erich Wagner von der Vinothek Wagner aus Laakirchen.

Das Potenzial deutscher Weine
Katharina Wolf, Weinhändlerin und Chefin von WeinArt in Steinbach am Attersee, verweist auf das Potenzial der deutschen Weine: »Wir haben eine besondere Beziehung zu deutschen Weinen, da unsere Familie aus Deutschland stammt. Jedenfalls habe ich im Jahr meiner Übernahme der Geschäftsführung beschlossen, mich zukünftig noch intensiver mit dem deutschen Wein zu beschäftigen. Vor allem die großen restsüßen deutschen Rieslinge stehen bei uns im Zentrum der Aufmerksamkeit. Österreich hat Spitzenrieslinge im trockenen Bereich, Deutschland ist weltberühmt für seine restsüßen Rieslinge. Daher denke ich, dass gerade diese Weine ein großes Potenzial in Österreich haben. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass der Österreicher bereit ist, sich mit den Weinen seines Nachbarlandes zu beschäftigen.« Die Zeit ist hier also tatsächlich reif, sich mit deutschem Wein genussvoll auseinanderzusetzen.


Text von Peter Moser
Aus Falstaff Nr. 03/13

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