LIVING Essay: Weniger ist mehr

»Weniger ist mehr!«, oder doch nicht? Dr. Wolfgang Pauser stellt sich dieser Frage im LIVING Essay

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»Weniger ist mehr!«, oder doch nicht? Dr. Wolfgang Pauser stellt sich dieser Frage im LIVING Essay

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Tippt man das Wort »weniger« in die Suchmaschine, erscheint an erster Stelle »weniger ist mehr«, gefolgt von »weniger essen«, »weniger schwitzen«, »weniger rauchen« und »weniger schlafen«. Dem Körper mit seinen natürlichen Funktionen, Bedürfnissen und Lüsten nach mehr wollen wir weniger zugestehen. Als Lohn für diese Disziplinierungen hoffen wir auf weniger schlechtes Gewissen darüber, dem Imperativ der Reduktion nicht gefolgt zu sein. Und auf mehr soziale Anerkennung im Kreise der Um-die-Wette-Verzichter. Das Weniger für den Leib verspricht ein Mehr für den »Geist«, sofern man diesen als strafwütigen Selbstkontrollor imaginiert.

Dieser Mythos existiert seit Jahrtausenden. Neu an der aktuellen Askesebewegung ist nur, dass wir für ihre Begründung keinen lieben Gott mehr brauchen, der uns die Opfer abfordert. Und dass wir das Fasten, anders als die alten Religionen, nicht mehr zeitlich beschränken – als wollten wir als die Erfinder des Ganzjahresfastens in die Geschichte eingehen. Vom weniger Dürfen, Sollen und Wollen sind wir so hingerissen, dass wir das Prinzip des Verzichts vom Essen auf beinahe alle anderen Lebensbereiche übertragen haben.

»Wir wollen weniger dürfen – dieser Satz wäre unseren Vorfahren ganz unbegreiflich geblieben.«

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.
Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.

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Wenn auch nur als Prinzip.Mit dem traditionellen Frühjahrsputz soll es nun nicht mehr sein Bewenden haben, dabei wäre es ratsam, auch möglichst viele Möbelstücke zu entsorgen, damit man entdeckt, dass man ja in eine kleinere Wohnung umziehen könnte, um weniger Raum und Energie zu verbrauchen. Wegwerfen soll die Seele reinigen, gerade in der Wegwerfgesellschaft, schließlich will man ja nichts mehr nachkaufen. Autoverzicht ist mehr als ein Audi, Baggersee mehr als Bali, Wasser mehr als Wein, Tauschbörse mehr als Tiffany, Geschmackloses mehr als Gesüßtes, Apfel mehr als Avocado und ein Waldspaziergang mehr als Shopping auf der Fifth Avenue. Geldverdienen und Karriere haben als Ziele ausgedient, Downshifting heißt der neue Trend. Nicht zuletzt sollte man umsteigen auf einen Wassersparduschkopf. Für Golfspieler gibt es nun »Golf-Fasten«. Promis lassen sich ihre Brüste wieder verkleinern. Diese und andere Empfehlungen zum Konsumverzicht findet man auf Websites wie Knauserer, Kneipp, Naturspirit, Erzdiözese ebenso wie OTTO-Versand und sogar H&M. Hätten wir uns nicht längst vom Fernseher getrennt, könnten wir abends »Weniger ist mehr«, die Coaching-Show von RTL genießen.

Wir wollen weniger dürfen – dieser Satz wäre unseren Vorfahren ganz unbegreiflich geblieben. Heute formuliert er in Kurzform den antikonsumistischen Konsumtrend reicher westlicher Gesellschaften. Weniger wollen und mehr sollen wird geradezu als Glücksversprechen empfunden, dem sich paradoxerweise sogar das Marketing nicht mehr verschließen kann. Auch die Indus­trie bietet immer mehr Reduktion versprechende Produkte an, um mehr verkaufen zu können. Ohne das »Weniger-ist-mehr«-Prinzip wäre die Existenz eines SUV mit Hybridmotor unerklärlich. Weniger ist mehr bedeutet innerhalb postmaterialistischer Askese-Avantgarden, mit weniger Dingen, Genüssen und Annehmlichkeiten mehr Einbildung einer moralischen Überlegenheit zu gewinnen. 

Die ursprüngliche Bedeutung von »Weniger ist mehr« war keine moralische, sondern eine ästhetische – seit Jahrhunderten in der japanischen Kultur, seit etwa 1920 in der Architektur und im Design der Moderne. Mies van der Rohe wählte die Aussage zu seinem Leitspruch. Der Stil des Minimalismus war die historische Antwort auf die Dekorationsexzesse des 19. Jahrhunderts. Nun bestimmte die Funktion die Form. Baumaterialien wie Beton, Stahl, Glas und Naturstein wurden gemäß dem Prinzip der Materialwahrheit sichtbar gemacht. Die Geometrisierung des Baukörpers insgesamt bot Ersatz für das Ornament im Detail.
In der Architektur verfestigten sich Funktionalismus und Minimalismus zu einer Jahrzehnte dauernden Doktrin, die erst von der
Postmoderne durchbrochen werden konnte: »Mehr ist nicht weniger.«, (Robert Venturi)

In der Stilgeschichte gab es immer schon ein Pendeln zwischen Prunk und Einfachheit. Auf Rokoko folgte Biedermeier, dessen Möbel aufgrund ihrer Schlichtheit heute als Vorläufer des Designs der Moderne gewürdigt werden. Dauert die Reduktion zu lang, wird sie als Ödnis empfunden. Der darauffolgende Überschwang wird anfangs bejubelt, bevor auch er dem Überdruss verfällt. Modische Abwechslung ist jedoch nicht das einzige Motiv fürs Abräumen des Christbaums. Unsere Wahrnehmung ist von Reizschwellen bestimmt. In der Stille hören wir Leises laut. Jede reizarme Umgebung schärft und verfeinert unsere Sinne und trägt damit zu einem differenzierten und eindrucksvollen ästhetischen Erlebnis bei. Diesem Phänomen verdankt »Weniger ist mehr« seine Überzeugungskraft. Dennoch gilt das Prinzip nicht allgemein. Eine bombastische Symphonie von Mahler ist ästhetisch nicht weniger überzeugend als ein Schubert-Lied.

»Minimalismus ist heute von einer Ästhetik zu einer Ethik, vom Designstil zum Lifestyle, für viele sogar zur Gesinnung und Religion geworden.«

Minimalismus ist heute von einer Ästhetik zu einer Ethik, vom Designstil zum Lifestyle, für viele sogar zur Gesinnung und Religion geworden. Sie fürchten, der Himmel würde die Menschen mit Unwetter strafen. Sie hoffen, mit ihrem persönlichen Konsumstil die Erwärmung der Erde in relevantem Ausmaß aufhalten zu können. Mit ihrem Konsumverzicht wollen sie die Wirkungen des Bevölkerungswachstums und steigenden Wohlstands auf den globalen Ressourcen- und Energieverbrauch kompensieren. Das mag wie eine Größenfantasie erscheinen, doch zumindest aus gesinnungsethischer Perspektive ist auch dem Tropfen auf den heißen Steinen Respekt zu zollen. Wie es gut christlich heißt: »Der Wille steht fürs Werk.«

Wer die geläufige Begründung der aktuellen Verzichtskultur für nicht stichhaltig hält, kann in der Ethnologie eine plausiblere Erklärung finden. Potlatch hieß ein alter indianischer Brauch, Wertgegenstände um die Wette ins Meer zu werfen. Wer auf mehr verzichtete, demonstrierte damit, sich mehr leisten zu können, auch wenn er sich dabei finanziell ruinierte. Ähnlich funktionierte auch ein alter arabischer Brauch, den eigenen Kamelen um die Wette die Hufe zu verstümmeln, um zu beweisen, dass man dann immer noch genügend brauchbare Tiere habe. Für die Erlangung von Prestige durch Konsum war es immer schon gleichgültig, ob Reichtum angehäuft oder selbstdestruktiv vernichtet wurde.

Aus dieser Perspektive erscheint der Trend zum Konsumverzicht eher die Geburt einer elitären Überheblichkeit der oberen Mittelschicht zu sein, die den drohenden sozialen Abstieg mit dem Umstieg von äußeren auf innere Werte aufzufangen versucht. Weil man immer weniger kaufen kann, erklärt man das Nichtkaufen zur Tugend und ersetzt reales durch symbolisches Kapital. Damit gelingt die doppelte soziale Distanzierung nach oben und nach unten, sind es doch die neureichen Börsenmillionäre ebenso wie die Vorstadtverkäuferinnen, die einer prunkvollen Ästhetik die Treue halten. Das Problem mit einer Moral des Verzichts ist, dass sie keine natürliche eingebaute Bremse hat. Aus ihr ist nicht ableitbar, wie viel Verzicht denn genug wäre. Deshalb droht von ihr die Gefahr kollektiver Selbstschädigung. Dagegen ist eine Ästhetik des Verzichts unproblematisch. Wird sie eintönig, ist damit Schluss.

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