LIVING Essay: Schönheit statt Schuld

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Trendforscherin Gudy Herder hat in die Zukunft geblickt. Dort erschien ihr die Farbe Blau. Das Wasser des Meeres »dient der neuen Wohnentwicklung als unerschöpfliche Inspirationsquelle, um eher subtil das Bewusstsein für das Thema der Verschmutzung der Weltmeere mit Plastik zu schüren«, erfahren wir aus der Vogue. Nicht nur an der Farbe, sondern auch an der Verwendung recycelter PET-Flaschen und an der Formensprache des Designs gibt sich der neue Interior-Trend zu erkennen: Spiegel mit fließenden Formen, Fischschuppenmuster von der Tapete über die Fliesen bis hin zur Keramik. Ob eine Fischvase oder ein blauer Plastikteppich »genug Bewusstsein schaffen«, damit die Käufer »aktiv werden«, bleibe abzuwarten, sei jedoch ein Schritt in die richtige Richtung. Andernfalls drohe der »Blaue Planet nach und nach seinen Namen zu verlieren«.

»Recyclingprodukte sollten nicht nur Gutes tun, sondern auch gut aussehen!«

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.
Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.

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Der Zukunftstrend zu blauen, welligen und schuppigen Möbeln aus Recyclingplastik hat bereits einen Namen: Reflection. Laut Gudy Herder ist er nur Beispiel für die neue Entwicklung, »Bewusstsein durch Schönheit zu schaffen, und nicht durch Schuld«. In der Vergangenheit hätten Recyclingmöbel oft roh und unfertig ausgesehen, um die hinter ihnen stehende grüne Gesinnung zu demonstrieren. Erst wenn sie schön designt sind, können sie den Effekt der Erziehung zum Ökobewusstsein mit den Bedürfnissen der Mehrheit der Konsumenten verbinden. »Recyclingprodukte sollten nicht nur Gutes tun, sondern auch gut aussehen!« 

Ein weiterer Vorteil von Möbeln, die auf hübsche Art Öko­bewusstsein rund um die Uhr ins Wohnzimmer stellen, sei die Befreiung von Schuld. Schließlich lebten wir in einer Zeit, in der die liebgewonnene Gewohnheit, das Leiden unter Frustration und Langeweile durch eine Shoppingtherapie zu vertreiben, bei manchen Zeitgenossinnen zu hochgezogenen Augenbrauen führt. Das Triggern von Schuldgefühlen habe sich jedoch als wenig wirksam gezeigt, um »Bewusstsein zu erzeugen«. Gutes Design hingegen weckt positive Gefühle: »Schönheit statt Schuld« sei der bessere Weg zur Rettung der Meere.

Ist diese Forderung, das Schuldgefühl durch Ästhetisierung zu verwässern, blauäugig? Sind aus Plastikabfällen gefertigte Möbel eine reale Lösung oder nur eine Symbolisierung, die uns die reale Problemlösung erspart? Entsorgt Meeresdesign jenes moralische »Bewusstsein«, das es zu schüren und verbreiten nur vorgibt? Ist eine Fischvase ein funktionstüchtiger Wegweiser zur Weltrettung oder eine Form der Verdinglichung des kategorischen Imperativs? Ist der Reflection-Trend vielleicht sogar ziemlich unreflektiert? 

In der Debatte um den Mora­lischen Konsum gibt es zwei Standpunkte. Seine Befürworter führen ins Treffen, dass man, wenn man schon das große Ganze nicht ändern kann, wenigstens im eigenen Bereich tun sollte, was man für ethisch geboten hält. Auch wenn dies bloß ein Tropfen auf den heißen Stein ist, könnte die Stetigkeit des Tropfens dereinst das versteinerte System aushöhlen. Und selbst wenn der Konsum von Moralprodukten nur eine symbolische Handlung sein sollte, könnten Fischschuppentapeten doch als Medien für die Verbreitung jenes Bewusstseins werben, das ihnen zugrunde liegt. Wenn eines Tages alle mitmachten, wäre die Welt schließlich doch noch eine bessere geworden.

»Wir sollen weiterhin Geld verdienen, uns aber nichts mehr kaufen. Kann man das wollen, und wenn nicht, sollte man? Würde das irgendjemandem helfen?«

In den Augen seiner Gegner ist der Moralische Konsum purer Selbstbetrug, den sich nur wohlhabende Schichten leisten können und wollen, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen und damit ihren elitären Status zu demons­trieren. Die Macht der Konsumenten, mit Fairtrade und Bio im Einkaufswagen etwas zu bewirken, ist ein Märchen und eine grandiose Selbstüberschätzung, auch dann, wenn in den reichen Ländern noch so viele Konsumenten mitmachen würden. Ethischer Konsum individualisiert und entpolitisiert Probleme, die nur auf der politischen Ebene lösbar sind. Unternehmen wälzen mit moralisch positionierten Produkten ihre Verantwortung auf die Konsumenten ab, um ihr eigenes Verhalten nicht ändern zu müssen und zugleich höhere Preise zu erzielen. Auch die ökologisch Engagiertesten befolgen nur in Teilbereichen ihre eigenen Maximen – der »Patchwork-Öko« kauft konsequent Bio und fliegt über Weihnachten in die Karibik. Das Ansinnen, moralisch zu konsumieren, kann vom ärmsten Drittel nur als Zynismus empfunden werden. 

Wenn beide Seiten recht haben, nennt man das ein Dilemma. Ein solches erkennt man daran, dass es sich eben gerade nicht in die eine oder andere Richtung auflösen lässt. Es verharrt auf der Ebene des Bewusstseins und stellt sich diesem als innerer Konflikt zwischen zwei moralischen Ansprüchen dar, die unvereinbar sind und trotzdem weiter gelten. Im Falle unlösbarer Konflikte behilft sich die Menschenseele damit, dass sie Symptome gebiert. Die Kompromissbildung in der symbolischen Form eines blauen Teppichs trägt den Konflikt von der Innen- in die Außenwelt. 
Damit entlastet man sich, wenn man sich sonst nicht mehr zu 
helfen weiß.

Wie sollte man auch einen Ausweg wissen, wenn die Gesellschaft ihre Norm selbstwidersprüchlich als Double Bind formuliert? Einerseits erziehen wir unsere Kinder immer noch zu Fähigkeiten und Leistungen, streben immer noch nach beruflichem Erfolg, Karriere und ökonomischer Besserstellung. Wir nehmen Mühen in Kauf und plagen uns, um Geld zu verdienen und damit auch mehr kaufen zu können. Dieses Regime gilt ungebrochen, obwohl ein neues, gegenteiliges hinzugekommen ist: Wer die gängigen moralischen Forderungen nach wahrhaft ökologischem und gerechtem Verhalten ernst nähme, müsste sein Hab und Gut verschenken, sein Vermögen spenden, die Karrierepläne verwerfen, keine Kinder mehr zeugen, nur noch mit dem Fahrrad unterwegs sein und nie mehr in den Urlaub fliegen. Auf staatlicher Ebene wären die hohen moralischen Ziele nur erreichbar, wenn in Deutschland das Konsumniveau von Burundi durchgesetzt wird. Nirgendwo sonst ist der ökologische Fußabdruck kleiner.

Wir sollen weiterhin Geld verdienen, uns aber nichts mehr kaufen. Kann man das wollen, und wenn nicht, sollte man? Würde das irgendjemandem helfen? Ist es denn überhaupt ethisch ver­tretbar, moralische Forderungen zu stellen, die das Subjekt des moralischen Handelns in seiner Wirkmächtigkeit demontieren? Soll das Teilen so weit gehen, bis man nichts mehr zu teilen hat? Soll der Verzicht auf Ressourcenverbrauch so weit gehen, bis man nichts mehr hat, auf das man 
verzichten könnte? 

Wer diese Fragen mit Nein beantwortet, muss sich von der Idee verabschieden, dass moralische Imperative allgemeingültig sind. Muss sich damit abfinden, dass man nicht nur zu wenig, sondern auch zu sehr moralisch sein kann. Muss sich vom hohen Ross des Prinzipiellen herablassen auf den Boden des Pragmatischen, die Gesinnungsethik aufgeben zugunsten einer Verantwortungsethik nach menschlichem Maß. Die global entgrenzte und totalisierte Moral wäre dann zu beschränken auf ihre Orientierungsfunktion als regulative Idee. Denn wenn die Ansprüche zu hoch und wider­sprüchlich sind, wird Doppelmoral unausweichlich, der Double Bind führt zum Double Standard. Dann hilft wirklich nur noch die Schönheit, um uns aus der vermeintlichen Schuld zu erretten.

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