Licht Gestalten – Die Künstlerin Brigitte Kowanz im Portait

Seit über 30 Jahren arbeitet Brigitte Kowanz mit Licht. Sie zählt weltweit zu den renommiertesten Künstlern auf diesem Gebiet. 

© Lukas Ilgner

Seit über 30 Jahren arbeitet Brigitte Kowanz mit Licht. Sie zählt weltweit zu den renommiertesten Künstlern auf diesem Gebiet.

Seit über 30 Jahren arbeitet Brigitte Kowanz mit Licht. Sie zählt weltweit zu den renommiertesten Künstlern auf diesem Gebiet. 

© Lukas Ilgner

Wenn Künstler ihr Atelier öffnen und zeigen, wo sie ihre kreativen Ideen umsetzen, regt das die Fantasie an. Man befleißigt sich kurz vor Eintritt in so einen Kosmos ganz automatisch seiner Vorstellungskraft. Herrscht kunterbuntes Chaos? Ist am Ende vielleicht alles ganz streng katalogisiert und archiviert? Oder bestimmt geordnetes Durcheinander den Raum? Ein Atelier kann jedenfalls einiges über kreative Menschen aussagen.
In Brigitte Kowanz’ Studio ist es vor allem sehr hell. Wobei – das verwundert jetzt nicht wirklich, denn die Wienerin zählt zu den in-ternational bedeutendsten Kunstschaffenden, die mit dem Werkstoff Licht arbeiten. Dafür braucht es wohl eine gewisse Helligkeit. Einiges an Tageslicht kommt durch die riesigen Fenster ins 200-Quadratmeter-Atelier, den Rest besorgen LED-Lampen. Der Schein trügt allerdings das ungeübte Auge. »Mit den LEDs bin ich nicht ganz glücklich, die sind mir zu wenig hell, aber die klassischen Leuchtstoffröhren gibt es leider nicht mehr«, kommentiert Brigitte Kowanz die Lichtsituation in ihrer »Werkstatt«, die sich unweit des Pratersterns, eines der zentralen Verkehrsknotenpunkte der Stadt, befindet. An den Wänden hängen einige ihrer Installationen und Werke. Alles leuchtet, reflektiert und spiegelt. 

Im Haus, in dem die 61-Jährige arbeitet, praktiziert übrigens auch ein Augenarzt. Eine doch komische Koinzidenz des Alltags, bei der sich die Frage aufdrängt, wer zuerst da war – der Doktor für Ophthalmologie, der den Augen neue Klarheit schenkt, oder die Lichtkünstlerin, die neue Blickwinkel für Augen schafft? »Der Arzt war zuerst da«, klärt Brigitte Kowanz, die heuer im Jänner mit dem renommierten Deutschen Lichtkunstpreis des Kunstmuseums Celle ausgezeichnet wurde, mit einem Lachen auf. In der Laudatio bei der Preisverleihung bezeichnete man sie übrigens als »Botschafterin des Lichts«.

»Ich will, dass meine Arbeiten auch unmittelbar funktionieren und unabhängig von der Theorie, die dahintersteckt, lesbar sind. Ein Zugang über das Visuelle ist mir dabei extrem wichtig.« Brigitte Kowanz Starkünstlerin

Leuchtende Codes

Das trifft es gut, denn diplomatisch, wie Botschafter eben sein müssen, reagiert Kowanz nämlich auf die unbotmäßige Frage, wie ihr denn Licht am liebsten sei: »Das ist für mich schwer bis gar nicht zu beantworten.« Lieber erzählt die Künstlerin, die seit Jahren in heimischen Kunstrankings in den Top Ten rangiert, über das Faszinosum, das von ihrem Werkstoff ausgeht, mit dem sie sich seit über drei Jahrzehnten intensiv beschäftigt. »Licht ist der Grundstock für alles, die Grundlage für Leben. Es macht alles sichtbar und ist dabei selbst unsichtbar. Dabei ist es immer wieder eine neue Herausforderung, mit Licht als Material zu arbeiten. Vor allem, weil es so vielfältig ist. Mit Licht lassen sich Räume erzeugen, man kann damit aber auch infor­mieren und Daten transportieren. In Licht­geschwindigkeit.« 

Womit man sich schon mitten im Kunst­dis­kurs befindet, den Kowanz mit ihren Ar­beiten und raumgreifenden Installationen be­feuert. Denn neben formalen Aspekten, wie Licht wirkt, zieht sie immer auch eine kommunika­tionstheoretische Ebene ein und bringt Schriften, Zeichen und Codes zum Leuchten. Gut zu sehen etwa in der permanenten Installation, die sich im Foyer der neuen Post am Rochus im 3. Bezirk in Wien findet. Hier lässt Kowanz das Morsealphabet glühen. 

»Morsezeichen sind eine Werkgruppe, die mich schon länger beschäftigt«, resümiert die Wienerin, die im Vorjahr bei der Biennale in Venedig mit der riesigen Neoninstallation »Infinity and Beyond« mit Morsecodes das Themenfeld Daten und Datenmissbrauch bestellte. Zentral beschreibt Kowanz in dieser Arbeit zwischen zwei Spiegelwänden das Datum, an dem 1989 am CERN in Genf das Internet erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. In kleineren Nebenwerken übersetzte sie die Schlüsseldaten von Google, iPhone und Wikipedia in Morsecodes und macht diese Daten mit Kabeln und Neonschnüren sichtbar.

Blickrichtung

Eine ziemlich komplexe Angelegenheit, auch für den Betrachter, der durch die zahlreichen Spiegelungen immer auch selbst ein Teil des Kowanz’schen Licht- und Reflexionsuniversums wird, das sich je nach Blickwinkel und Perspektive permanent verändert. »Der Betrachter kann sich, soweit er überhaupt will, aktiv einbringen und auf eine Entdeckungs­reise gehen. Ich will aber nicht vorgeben, was jemand zu sehen oder gar zu interpretieren hat«, erklärt Kowanz, denn viel wichtiger ist ihr der Zugang über die Visu­alität. »Ich will, dass meine Arbeiten auch unmittelbar funktionieren und auch alle einen Zugang finden, die von der Theorie und dem Themenkomplex, der dahintersteckt, nichts wissen. Aber ich freue mich natürlich, wenn sich jemand intensiver mit meinen Werken auseinandersetzt und sich in die Ebenen und Inhalte ­vertieft.« Das funktioniert bestens, wie etwa die Installation »Der Nullpunkt von Raum und Zeit« im Naturhistorischen Museum zeigte. Mit leuchtenden Neon-, Argon- und Xenonröhren und unendlichen Spiegelungen stellte Kowanz den Beginn unseres Universums dar und löste spielerisch Raum und ­Zeit auf – ­reflektierte dieses Koordinaten­system quasi weg.

Licht an

Brigitte Kowanz, die seit 1997 an der Uni­versität für angewandte Kunst unterrichtet, dringt also mit ihren Arbeiten auch tief in die faszinierende Physik des Lichts, dieses merkwürdigen Mediums aus Teilchen und Wellen, ein. Könnte man da theoretisch nicht eigentlich auch an der Technischen Universität Seminare halten? »Absolut nicht. Natürlich habe ich mich mit physikalischen Gegebenheiten auseinandergesetzt, aber mit Technikern würde ich mich nicht vergleichen wollen. Vielmehr eigne ich mir immer gerade das an, was ich brauche«, erklärt die Lichtkünstlerin. 

Bei diesen Aneignungen erfährt und entdeckt sie immer wieder Neues über ihr Arbeitsmedium. Wesentlich für diesen Erfahrungs- und Erkenntnisprozess ist, dass sich Kowanz sowohl im Atelier als auch in ihrer Wohnung, die sich nur fünf Minuten entfernt im Stuwer­viertel befindet, mit ihren eigenen Kunstwerken umgibt. »Das hilft mir beim Weiterentwickeln, denn jede aktu­elle Arbeit trägt schon die nächste Fragestellung in sich. Sobald das Stück keine weiteren Fragen aufwirft, kommt das nächste an die Wand.« Das passiert übrigens alle sechs Wochen, und dazwischen beobachtet die Künstlerin Refle­xionen, Spiegelungen, Raumauswirkungen, Lichtqualität, Lichtfarbe, Transparenz oder Absorbierungen: formale Dinge und schein­bare Kleinigkeiten, von großer Bedeutung.

Diese Beobachtungen und Erfahrungen fließen dann auch in neue Arbeiten ein. Ak­tuell entwickelt Brigitte Kowanz einen An­dachtsraum für das oberösterreichische Stift Schlägl im Mühlviertel. Das Material dazu ist bereits fein säuberlich und bruch­sicher in Kisten verpackt und stapelt sich am Boden und an der Wand des Ateliers. Die Künstlerin freut sich auf die Umsetzung und das Spiel mit den Ebenen, die der Themen­kom­plex Medi­ta­tion, Kirche und Licht so mit sich bringt. Retro­reflektierende Textilien an den Wänden des Andachtsraums sollen das Licht vor allem ­in Augenhöhe reflektieren, in ganz zarte Nuan-­cen brechen und für kleine Flash-Momente sorgen. »Auf diese Weise entstehen verschie­dene Raumtiefen«, erklärt Kowanz und ergänzt: »Man soll das Gefühl bekommen, bei der Andacht ins Licht zu gehen.«

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