Lebenswerk: Helmut Dönnhoff

Weiß sein Lebenswerk in besten Händen: Preisträger Helmut Dönnhoff mit Sohn Cornelius.

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Weiß sein Lebenswerk in besten Händen: Preisträger Helmut Dönnhoff mit Sohn Cornelius.

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Wo würde man hinziehen, wenn man die Wahl zwischen zwei Ortschaften mit Namen »Oberhausen« und »Niederhausen« hätte? Anders als die sprichwörtlichen Dörfer »Vordertupfingen« und »Hintertupfingen« gibt es die beiden Gemeinden Oberhausen und Niederhausen wirklich. Oberhausen rechts der Nahe, Niederhausen gegenüber am linken Flussufer. Nun ist die Nahe zwar nicht so breit und nicht so mächtig wie der Rhein, aber eine richtig solide Brücke benötigt man dennoch, um von einem Ufer ans andere zu kommen. Wer heute den aus Sandstein errichteten und mit Kopfstein gepflasterten Übergang zwischen den beiden Orten nützt, beispielsweise um nach einer Wanderung durch die Niederhäuser Spitzenlage Hermannshöhle dem Weingut Dönnhoff in Oberhausen einen Besuch abzustatten, der genießt – vermutlich ohne sich allzu viel Rechenschaft darüber abzulegen – die Segnungen der Moderne.

Denn errichtet wurde die Brücke zwischen Ober- und Niederhausen erst im Jahr 1889. Zuvor war der Fluss nicht nur eine territoriale, sondern auch eine soziale Grenze. Die Nahe sonderte den Weinbau des Adels und der Großbürger auf der einen von dem der Bauern auf der anderen Seite ab: Am preußischen Ufer, in Niederhausen und seinen Nachbarorten wie Schlossböckelheim oder Norheim, teilten sich alteingesessene, vermögende Familien den Besitz der steil nach Süden abfallenden Rebhänge. Die Namen ihrer ­Weine hatten einen guten Klang am Hofe in Berlin und vermutlich auch in manch anderer europäischen Hauptstadt. Oberhausen, bayerisch, blieb der arme Vetter. Die zum Fluss hin gewandten Hänge auf Oberhäuser Gemarkung blicken nach Norden und tragen Wald. Der beste Weinberg des Ortes, der Leistenberg, liegt nur zum Teil nach Süden gerichtet, und auch das nur abseits des Flusses in einem Seitental. Nicht von ungefähr waren es die bayerischen Landesherren unter Prinzregent Luitpold, die den Bau der Brücke anstrengten, und nicht die Preußen.

Ein Symbol: Das Türmchen im Schlossböckelheimer Felsenberg.
Ein Symbol: Das Türmchen im Schlossböckelheimer Felsenberg.

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»Noch mein Vater hätte nie die Chance gehabt, an so einen Weinberg zu kommen«, sagt Helmut Dönnhoff und meint damit das Filetstück der Lage Schlossböckelheimer Felsenberg mit dem emblematischen Türmchen inmitten der Reben. Dönnhoff konnte dieses Kleinod erst spät im Laufe der dreißig Jahre erwerben, während derer er das Weingut seiner Familie peu à peu von Oberhausen aufs andere Nahe-Ufer ausgedehnt hat. Zuvor hatte er in seiner Paradelage, der ­Niederhäuser Hermannshöhle, Parzelle um Parzelle von Besitzern übernommen, die die mühsame Plackerei in der Steillage nicht mehr leisten konnten oder wollten. Im Norheimer Dellchen hatte er verbuschte Steil-
terrassen wieder zu weinbaulichem Glanz gebracht: Parzellen, von denen kaum jemand geglaubt hätte, dass sie jemals wieder wirtschaftlich zu bearbeiten wären.

Und auch in Bad Kreuznach, dem städtischen Epizentrum des Weinbaus an der Nahe, sprang Dönnhoff in die Bresche, wenn es galt, einen zum Verkauf stehenden Weinberg vor der Überbauung zu retten. In einem Moment, in dem sich der Weinbau in den Steillagen der mittleren Nahe auch in eine Wüstenei hätte verwandeln können, weil es plötzlich lukrativer schien, in Flachlagen auf Menge zu produzieren, an dieser Wegscheide Ende der Siebziger und während der Achtziger Jahre ging Dönnhoff beherzt den steinigen Weg zur Qualität. Als sich zeigte, dass sein Konzept erfolgreich war, folgten ihm andere. Die drohende Banalisierung des Nahetals als Weinbauherkunft war gestoppt.

Auch in den Steillagen der mittleren Nahe ist Handlese unabdingbar für höchste Qualität.
Auch in den Steillagen der mittleren Nahe ist Handlese unabdingbar für höchste Qualität.

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Was für ein Seelenkostüm muss jemand haben, der den Weinbau einer ganzen Region dermaßen aufmischt und solche Wagnisse eingeht? Muss er ein Haudegen sein, furchtlos, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Coup?

»Manchmal habe ich im Herbst geradezu Angst vor den Trauben«, bekannte Dönnhoff vor ein paar Jahren, als die Last der Verantwortung noch nicht auf seinen Sohn Corne­lius übergegangen war. »Und wenn die Weine dann im Fass oder Tank liegen, dann halte ich innerlich Zwiesprache mit den Kellermeistern, die in früheren Zeiten für diese Weine verantwortlich waren, dem Fuchs vom Weingut Anheuser beispielsweise oder dem Ritter von der Weinbauschule. Ich habe die großen Bad Kreuznacher Familien ja alle noch persönlich gekannt.« Auch erinnere er sich immer wieder an die Erzählungen seines Großvaters, dass selbst der Kutscher der Industriellenfamilie Puricelli weiße Handschuhe trug, wenn er seine Herrschaft bei deren seltenen Besuchen in Schlossböckelheim zum Türmchen im Felsenberg fuhr.

Es ist unendlich viel passiert im deutschen Weinbau der letzten hundert Jahre, nicht das wenigste davon in jenen drei Jahrzehnten, in welchen Helmut Dönnhoff mit jedem ­neuen Jahrgang und jedem neuen Wein die Geschichte seiner Heimat weiterschrieb: ihr seinen Stempel aufdrückte, ohne dabei die Kontinuität aufzulösen. Offensichtlich gelang es diesem mit Haut und Haaren für den Weinbau brennenden Winzer, aus seiner Demut und aus seinem nachgerade monastischen Ethos eine Kraft
zu schöpfen, die die Weinbaugeschichte der mittleren Nahe weit über unsere Tage hinaus weitertragen wird. In der Tat: Wer möchte da nicht in Oberhausen leben?

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Falstaff Nr. 02/2018
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