Kuratorin Sozita Goudouna im LIVING Interview

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LIVING: Athen wird heute von vielen als das »neue Berlin« bezeichnet. Trifft diese Beschreibung zu?
Sozita Goudouna: Athen hat eine vielseitige kulturelle Identität und viel Energie und Potenzial. Dieses begann sich in den 90er-Jahren zu entfalten, als die bildende Kunst das Theater und den Tanz als kulturelle Vorreiter ablöste. Einige bahnbrechende Ausstellungen waren für meine Generation geradezu monumental. Diese Entwicklung gipfelte dann in der documenta 14 und ist keineswegs nur oberflächlicher Fake-Lifestyle, sondern eine echte kulturelle Renaissance. Insofern ist der Titel »neues Berlin« gerechtfertigt. Anders als Berlin hatte Athen jedoch lange keine Institution für zeitgenössische Kultur, es war alles von privaten Initiativen abhängig. Das änderte sich mit dem Nationalen Museum für zeitgenössische Kunst (EMST), das 2000 in einer ehemaligen Fabrik startete und kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie sein eigenes Gebäude bezog. Die Biennale für zeitgenössische Kunst leistet seit 2005 viel Unterstützung für junge, experimentelle Galerien, und die internationale Kunstmesse bietet ein Panorama all dieser Initiativen.

Sie waren selbst als Kuratorin an der documenta 14 beteiligt. Welche Auswirkungen hatte dieses Großevent auf die Kunstszene in Athen?
Sie hatte kurzfristige und langfristige Auswirkungen, die wir erst langsam begreifen. Sie hat unsere Denkweise grundlegend verändert. Damals wurde kritisiert, dass die lokale Kunstszene nicht involviert war, aber niemand konnte erwarten, dass die documenta die gesamte Szene abbildet – das kann sie nur in Fragmenten. Und heute kann die Szene viel selbstbewusster als Teil des globalen Netzwerks agieren.

Sozita Goudouna

© Sozita Goudouna

Sie haben während der Finanzkrise ein Stipendienprogramm geleitet. Wie hat die Krise das Leben in Athen verändert?
Sie hat meine Generation enorm erschüttert, und ich bin nicht sicher, ob die Kunst eine
ästhetische Antwort darauf gefunden hat. Die Leitung des ersten EU-geförderten Kunst­stipendiums 2013 war ein Glück für mich. Zuvor hatte ich nur auf Kreditbasis und ohne jegliche Förderung gearbeitet. Ich habe verschiedene Projekte kuratiert, für eines davon bin ich beinahe verhaftet worden! Aber durch die Corona-Pandemie ist die Erinnerung an die Finanzkrise, die die Griechen mehr als zehn Jahre lang übermannt hat, verblasst. 

Wie lokal und wie international ist die Kunstszene in Griechenland?
Sie ist seit der documenta im Schnelldurchgang gereift. Viele junge Akteure sind international vernetzt, und es sind auch viele Kunst-Profis aus dem Ausland zu uns gekommen, die Griechenland lieben und Kulturinitiativen mit tollen Visionen gestartet haben. Wir werden sehen, wie widerstandsfähig sie angesichts der Pandemie sein werden.

Gibt es Stadtviertel in Athen, in denen sich die Kunstszene besonders konzentriert?
Kypseli (griechisch für Bienenstock), das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, entdeckt heute seine urbane Vergangenheit wieder, ein ehemaliger Markt wurde dort zu einem Kunst-Ort. Nahe der Akropolis konzentriert sich die Kunstszene in den Vierteln Koukaki und Petralona. Das industriell geprägte Votanikos wurde von Künstlern entdeckt, und auch Piräus entwickelt sich zu einem Hub. Und dann gibt es die alten Klassiker, Exarchia und Omonoia. »Radio Athènes« ist ein sehr interessanter Non-Profit-Art-Space in einer der schönsten Straßen der Stadt, der Petraki-Straße.

Sie leben seit 2015 in den USA. Wie hat sich Ihr Blick auf die Heimat seitdem verändert?Ich habe Athen schon mit 18 Richtung London verlassen, habe aber nie den Kontakt verloren. Ich hatte vorher schon mit in den USA lebenden Künstlerinnen wie Lynda Benglis und Marina Abramović gearbeitet, aber es ist etwas anderes, wenn man wirklich am selben Ort lebt. Ich bin immer interessiert am internationalen Austausch der griechischen Szene, daher werde ich gemeinsam mit Kollegen 2021 die neue Plattform »Greece in USA« lancieren.

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