Neue Kellerei: 650.000 Flaschen jährlich / Foto: Manfred Klimek
Neue Kellerei: 650.000 Flaschen jährlich / Foto: Manfred Klimek

Monumentale Keller und gläserne Vinotheken finden sich in vielen Weingütern in Deutschland, oftmals millionenschwer und in der Regel ästhetisch gelungen, aktuelle Beispiele sind die Weingüter Abril und Fritz Keller in Baden. Vorreiter und Auslöser dieser Entwicklung, die nun endlich mit Macht in Deutschland Einzug hält, war der Steinbergkeller der Hessischen Staatsweingüter im Rheingau – vollendet in die Natur eingebunden, ein Vorbild.

Tradition und Moderne
Die Verbindung von Moderne und Tradi­tion wird selten so perfekt umgesetzt wie beim Weingut Robert Weil mit dem neuen Keller und der Vinothek in Kiedrich. Das historische Haus im Tudorstil mit Fachwerk und spitzen Türmchen schmiegt sich an die moderne Vinothek, das »Glas.Cabinet«, aus Stein, Glas und Stahl. Die Faszination des Komplexes liegt in der Einbindung der gesamten Lage des Gräfenbergs, der Blick auf den Weinberg ist komplett integriert. Durch die weiträumigen Fensterfronten kann man auch vom Innenhof auf den Berg schauen, eine elegante und praktische Lösung zugleich. Obwohl der Bau des Kiedricher Architekten Heiko Preusser gerade erst fertiggestellt wurde, könnte man meinen, er sei schon eine Ewigkeit da.


In der Mitte das historische Gutshaus im Tudor-Stil, rechts daneben die neue ­Vinothek / Foto: Manfred Klimek

Auf den modernen Loungemöbeln unter freiem Himmel mit Blick auf Gräfenberg und Turmberg zu sitzen ist schlicht umwerfend. Die Gäste schmunzeln, wenn Wilhelm Weil ein Bonmot vorträgt: »Unser Turm ist doppelt so hoch wie der von Château Latour.«

Deutsche Winzer mit neuem Selbstbewusstsein
Das »Glas.Cabinet« bildet mit dem Tudor-Fachwerk, der gotischen St.-Valentinus-Kirche und dem Gräfenberg ein spektakuläres Ensemble – und demonstriert das neue Selbst­bewusstsein der deutschen Weingüter. Reiste man früher ins Bordelais oder in die Champagne und brachte von dort die Bouteillen für den Kaminsims mit, so zeigen die heimischen Winzer jetzt Flagge. Deutsche Weingüter wirkten bis weit in die 1990er-Jahre wie einfache Landbetriebe, die ihre Weine in verstaubten Stuben mit Korbdekorationen präsentierten. Nun kommt eine Großzügigkeit hinzu, die die Bedeutung des Kulturguts Wein angemessen unterstreicht.


Das »Glas.Cabinet« ist mit Stein, Stahl und Glas ­gestaltet und gibt ­den Blick auf den Gräfenberg frei / Foto: Manfred Klimek

Symbolträchtig
Solche Gedanken drängen sich bei Weil geradezu auf. Das Weingut Robert Weil ist kein herkömmliches Gut, es ist ein Symbol. Vielleicht sogar ein nationales Monument. Nicht umsonst wurde es als einziges Weingut in die »Deutschen Standards – Marken des Jahrhunderts« von Florian Langenscheidt aufgenommen. Der Gründer des Guts, Robert Weil, kaufte 1867 die ersten Weinberge im Kiedricher Berg. Zu dieser Zeit noch als Professor an der Pariser Sorbonne tätig, musste er im Vorfeld des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 Frankreich verlassen und erwarb in Kiedrich das Herrenhaus des englischen Baronets Sir John Sutton.

Vor über 100 Jahren schon weltbekannt
Die Riesling-Auslesen aus dem Hause Weil wurden an Kaiser- und Königshäuser in ­Europa geliefert. Ein Gräfenberg-Riesling des Jahrgangs 1893 machte das Weingut weltbekannt. Das Wiener Hofwirtschaftsamt kaufte von der Auslese aus dem »Kiedricher Berg« 800 Flaschen zu einem Preis von 16 Goldmark pro Flasche. Dies war auch in einer Zeit, als die Rieslinge vom Rhein ­ohnehin die teuersten Gewächse der Welt waren, ein berauschender Preis.


Die Lage Kiedricher Gräfenberg gehört zu den bes­ten im Rheingau / Foto: Manfred Klimek

Prägende Mosel
Natürlich lagerten die prestigeträchtigen Weine auch im Berliner Hotel Adlon. Robert Weil nutzte die Gunst der Stunde und erwarb damals vom Chefkoch des Hotels dessen Kiedricher Weingut und kaufte weitere ­Weinberge aus dem Besitz des Grafen von Fürstenberg hinzu. Aus jener Zeit stammen auch die weitverzweigten Beziehungen zur Mosel. Im Hause Weil wurden neben den
eigenen Weinen nur französische und Weine des Prüm-Clans getrunken, mit dem die Weils verwandt sind. Die Mosel prägt Wilhelm Weil bis heute. »Wir legen großen Wert auf kühle ­Aromatik«, sagt er und bezeichnet seine Weine schmunzelnd als »Moselaner Rheingau-Rieslinge« – Finesse und Eleganz sind ihm besonders wichtig.

100 Prozent Riesling
Heute leitet Wilhelm Weil, der Urenkel des Gründers, das Weingut in vierter Generation. Auf den 90 Hektar Rebfläche wächst zu 100 Prozent Riesling. Eine streng qualitäts­orientierte und ertragsmindernde Arbeit im Weinberg, selektive Handlese und ein äußerst schonender Weinausbau im Keller sind nach wie vor obligatorisch.

Wilhelm Weil führte auch das tiffanyblaue Etikett ein, eine Reminiszenz an die Lieblingsfarbe Kaiser Wilhelms II. 650.000 Flaschen mit dem unverwechselbaren Etikett werden jährlich abgefüllt. 40 Mitarbeiter stehen für acht Millionen Euro Umsatz.

Große Investitionen
Nur bei solch einer Größenordnung war es überhaupt möglich, 5,8 Millionen Euro in den neuen Keller zu investieren und das Qualitäts­management konsequent ­weiterzuführen.

Mit dem Jahrgang 2012 wurden im 24. Jahr in ununterbrochener Folge alle
Prädikate bis zur Trockenbeerenauslese eingebracht. Ein Anlass für Falstaff, alle trockenen Rieslinge des Kiedricher Gräfenbergs von 1988 bis 2012 in der Signatur von Wilhelm Weil zu verkosten. >>> 25 Jahrgänge - Weil vertikal

Komplexe und elegante Rieslinge
Geprägt von der Mineralik der Schiefer­böden der Kiedricher Berglage präsentieren sich die Rieslinge als elegante, fruchtbetonte Weine von großer Komplexität und Dichte. Die Weinberge gehören als Höhenlagen auf dem Taunuskamm zu den besten des Rheingaus, die Reben haben ein Alter von bis zu 50 Jahren. Die Weinberge werden kontrolliert umweltschonend bearbeitet. Dazu gehören eine rein organische Düngung, die Begrünung in jeder zweiten Zeile mit dem Ziel einer optimalen Humusversorgung der Weinberge sowie der Verzicht auf Herbizide.

Wilhelm Weil inmitten seiner Schätze aus Trockenbeerenauslesen und Eisweinen / Foto: Manfred Klimek
Wilhelm Weil inmitten seiner Schätze aus Trockenbeerenauslesen und Eisweinen / Foto: Manfred Klimek
Edelstahl oder Holz
Dieses Umwelt- und Qualitätsbewusstsein wird im Keller weitergeführt. Nach dem schonenden Vertikalprinzip werden die Trauben zunächst auf die Keltern gebracht. Nach der Pressung gelangen die Moste per sanften Falldruck in das Tank­lager. Der Most wird nach Entscheidung der Önologen zur Vergärung im Edelstahltank oder im Holzfass eingelagert. Hierbei stehen unterschiedlichste Größen mit insgesamt mehr als einer Million Liter Fassungsvermögen zur Verfügung, darunter 30 Doppelstück-Fässer von Stockinger. Für den Ausbau im traditionellen Holzfass wird ein möglichst langer Kontakt mit der Feinhefe genutzt.

Aufwind ist Standard
Das Weingut Robert Weil gilt mit seinem Château-Charakter als »strahlendes Symbol deutscher Riesling-Kultur«, so hieß es in den »Deutschen Standards« von Langenscheidt. Wilhelm Weil war natürlich stolz auf diesen Satz. Noch mehr freut ihn allerdings die Tatsache, dass in einer Neuauflage des Werks unzählige weitere Weingüter vertreten sein müssten – die rasante Entwicklung bedeutender Weingüter in Deutschland ist Standard geworden.

Text von Nikolas Rechenberg
Aus Falstaff 04/13

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